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Polit-Philosophie Der Verlag Turia und Kant hat einen Essay-Sammelband zu dem Phänomen des kognitiven Kapitalismus herausgebracht. Eine Rezension
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Schon seit Längerem geht bei uns die Rede von der Wissensgesellschaft. Mit der Entwicklung des Internets ist Wissen schnell zugänglich geworden. Man muss zwar immer darauf gefasst sein, auf Wikipedia Fehlinformationen zu erhalten, aber die Zeiten der schweren, staubigen, 18-bändigen Brockhaus-Ausgaben, die man zur Jugendweihe oder zur Konfirmation geschenkt bekam, sind vorbei.

Heute klickt man sich auf seinem I-Pad durch die Welt der Infos. Apps lassen Neuigkeiten auf dem Handy sogar automatisch „aufpoppen“, sodass die Informationen sozusagen von sich aus auf den Menschen zukommen. Der Kunde, in dem Fall der Zeitungsleser, braucht sein Konsum-Produkt nicht mehr suchen, es ist schon da. Er braucht das Produkt auch nicht mehr zu bezahlen, denn Online-Nachrichten werden wie Werbung gehandhabt, sie verursachen ausschließlich Kosten für die Produzenten.

Haltet die Wörterbücher bereit

Wie funktioniert der Kapitalismus in der gegenwärtigen Phase der absoluten Durchtechnisiertheit, Informations- und Wissensschwemme? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Sammelband Kognitiver Kapitalismus, herausgegeben von dem Philosophen Klaus Neundlinger und der Politologin Isabell Lorey. Die Beiden haben Texte von italienischen Theoretikern zusammengestellt, die bisher noch nie auf Deutsch erschienen sind.

Der Sammelband versucht den Begriff des kognitiven Kapitalismus einzugrenzen und mit den Begriffen der marxistischen Theorie näher zu ergründen. Man sollte sich daher fit machen im Bereich der marxistische Begrifflichkeiten, um den Texten folgen zu können. Die ehemaligen DDR-Bürger unter uns kennen die Definition von Produktionsverhältnissen und Produktionsmitteln aus dem Staatsbürgerkundeunterricht und können sie sicherlich im Schlaf herbeten. Die eventuell mit diesen Begriffen nicht so vertrauten Ex-BRD-Bürger, oder die jüngere Generation kann die Begriffe einfach googeln, klappt super. Wobei wir wieder beim Thema wären:

Keine Abnutzung

Einige interessante Einsichten kann man dem Sammelband abgewinnen, so ist Wissen zum Beispiel eine Ware, die sich durch ihren mehrfachen Gebrauch nicht abnutzt, sondern im Gegenteil sogar anreichert! (Durch Ergänzungen, welche die weiteren Nutzer beisteuern.) Die Ware Wissen geht dem Verkäufer bei Verkauf auch nicht verloren. Sie ist nicht einzuhegen oder abtrennbar vom Verkäufer. Die italienischen Theoretiker gehen zudem davon aus, dass die Reproduktion von Wissen fast nichts kosten würde. (Klar, man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden…) Es wird neuer Wert geschaffen, obwohl die Kosten nur geringfügig steigen.

Leider ziehen die Autoren die Schlussfolgerung, dass die Patentierung von Wissen oder das Bestehen auf Urheberrechten das Wissen wieder zu einer konventionellen Ware machen würde, der entgegengewirkt werden sollte. Wenn Enzo Rullani dann in seinem Text von einer „Ökonomie der Gabe“ träumt, welche „soziale Bindungen“ und „gegenseitiges Vertrauen“ schaffen solle, hat man das Gefühl, man läse einen Roman von Rosamunde Pilcher, statt kritische politische Theorie. Der Sammelband driftet auf einmal auf einer kitschigen Welle Richtung Piratenpartei.

Aktive und kreative Kunden

Am interessantesten wird das Buch, wenn die Theoretiker sich auf Beispiele aus dem „realen Leben“ beziehen. So schildert Gigi Roggero in seinem Beitrag das Online-Konzept des italienischen Telefonanbieters Tre. Wenn ein Mobilfunknutzer auf die Homepage von Tre klickt, um sich dort Hilfe für die Bedienung seines Handys zu suchen, wird er nicht von Mitarbeitern der Handygesellschaft betreut. Stattdessen beraten andere Kunden von Tre die Nutzer bei ihren Problemen.

Tre zeichnet jeden Monat die aktivsten Kunden auf einer Rangliste aus. Der beste Mitarbeiter-Kunde des Monats erhält sogar ein minderwertiges Handy als Belohnungsgeschenk. Roggero machte das folgende Experiment: Er bedankte sich auf der Homepage von Tre für die erhaltene Hilfestellung, wies aber zugleich darauf hin, dass Tre hier nicht bezahlte Arbeit für seine Zwecke nutzt. Sein Eintrag wurde sofort gelöscht. Tre braucht im Grunde nur noch die Verwalter der Homepage bezahlen, die Kunden betreuen sich darüber hinaus selbst.

Und das Gesichtsbuch?

Natürlich wartet man, während man die Texte liest, die ganze Zeit auf die großen Namen. Google, Wikipedia, Facebook. Facebook ist eine Aktiengesellschaft. Die Daten, die auf die Facebook-Seite gestellt werden, werden von Facebook dauerhaft gespeichert. Für die Historiker der Zukunft wird Facebook eine Goldgrube sein. Die Rechte an den Bildern, Fotos und Daten gehören Facebook. Facebook könnte aus jedem der hineingestellten Bilder eine Postkarte machen, es wäre legal. Die Facebook-Community speist das Daten-Material sogar freiwillig ein. Wenn das nicht kognitiver Kapitalismus ist, was dann? Leider wartet man umsonst auf einen Beitrag, der dieses Phänomen aufgreift, aber vielleicht kommt das in der nächsten Auflage?

Lorey, Isabell und Klaus Neundlinger (Hrsg.). 2012. Kognitiver Kapitalismus - Aus dem Englischen, Französischen und Italienischen übersetzt von Therese Kaufmann und Klaus Neundlinger. Wien/Berlin: Verlag Turia und Kant

Mehr über den Verlag Turia und Kant erfahren Sie hier

10:56 17.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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