Aua, Annika

Sachbuch Spezial Was ist für jede Frau der passende Job? Katrin Wilkens gibt uns lauwarme Hinweise und stellt das System nicht in Frage

Wer war noch nicht auf so einer Gartenparty, bei der die Stimmung auf einmal durch Gespräche über Politik und Gedöns etwas schwankt? Ein Grillfest ist der Ausgangspunkt für Katrin Wilkens’ Buch Mutter schafft!, das sich arbeitenden Müttern und deren ewiger Suche nach dem passenden Job widmet. Ganz unterschiedliche Familien treffen hier zusammen. Was sie eint, ist die Elternschaft. Da gibt es den Vater, der findet, dass Männer die Ernährer der Familie seien und der Gender Pay Gap daher kein wirklicher Skandal. Natürlich muss Wilkens hier protestieren, während ihr Mann noch einen Grillkäse nachlegt.

Katrin Wilkens, Jahrgang 1971, ist von Haus aus Journalistin, 2015 gründete sie in Hamburg eine Jobcoaching-Firma für Frauen. „Die wenigsten Mütter übernehmen nach der Elternzeit den gleichen Job, den sie vorher hatten.“ Wilkens will solchen Frauen beim Wiedereinstieg helfen. Zu der Jobberatung kommen, grob zusammengefasst, fünf Typen von Frauen: „Jutta folgt Konventionen und Traditionen, Annika ist DIY-Queen, Lisa die sichere Bank, Susanne achtet auf den Glamour-Faktor, und Sheryl sind das Ökonomische und die Karriere wichtig.“ Wilkens verpasst den Juttas und Annikas, die Persönlichkeits- und Wertorientierungsgrundtypen repräsentieren, Biografien und unterfüttert sie mit Beispielen aus der Praxis.

Zwar analysiert Wilkens die fünf Typen und malt deren Problemlagen und Jobanforderungen anschaulich aus, aber man fragt sich zwischendurch: Was ist eigentlich der Kern des Buches? Die „Quintessenz aus über 1.000 Beratungen“. Und die wäre? Jede Frau müsse für sich nur eine passende Lösung auf dem Arbeitsmarkt finden, dann schafft Mutter alles. Für die eine ist es eine Teilzeitposition, für die andere passt Vollzeit, für die nächste ein Ehrenamt (eine Beschäftigung also, die nicht entlohnt wird). Das klingt alles schön und gut, nur sind die Modelle nicht ausgepreist. Dabei eröffnet Wilkens ihr Buch mit zentralen und wichtigen Themen wie der Rente, und man erwartet danach eine Art Streitschrift, ein Plädoyer, auch an die Frauen gerichtet, sich über ihre Perspektiven klar zu werden. Klar zum Beispiel ist: Wer lange beim Kind zu Hause bleibt, hat nachher weniger Rente. Andererseits, wer jahrzehntelang ein mieses Gehalt bezieht, ja auch. Verständlich also, wenn Mütter jeweils abwägen, ob sie nicht doch mehr Zeit für ihr Kind haben wollen, statt einer schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen, die ohnehin in die Altersarmut führt, oft sind solche Jobs ja nicht mal erfüllend.

Solche Probleme werden nicht angesprochen, im Gegenteil, „Annika“, der typischen Prenzlberg-Berlinerin, die vor allem nach Erfüllung sucht, sagt Wilkens nicht, dass eine Beziehung schon rein statistisch gesehen nicht ewig hält, dass man also besser immer und stets auf eigenen Beinen steht. Strukturelle Probleme nimmt Wilkens als gegeben hin. Sie betreffen nicht nur den Arbeitsmarkt einerseits, der Mütter mit Kleinkindern selten Superjobs reserviert, oder die alte Leistungsideologie, mit der Männer immer noch bereit sind, für die Karriere alles zu geben (ein Modell übrigens, das vielen jungen Männern keineswegs mehr passt). Sondern sie betreffen andererseits auch die Frage, warum viele Frauen die materielle Verantwortung für sich aufgeben, warum sie relativ blauäugig in Ehe und Elternschaft stolpern. Warum beispielsweise vermeiden ostdeutsche Frauen in Zeiten von Erwerbslosigkeit eine Schwangerschaft, während arbeitslose westdeutsche Frauen sich eher für ein Kind entscheiden? Warum also sehen die einen Arbeit als Vorbedingung für Mutterschaft, die anderen aber als Alternative zur Mutterschaft? Ohne die gesellschaftlichen Prägungen zu hinterfragen, gerät Wilkens gut gemeinte Suche nach individuellen Lösungen für jede Frau zu einer Art Sheryl-Sandberg-Lean-In-Feminismus: Streng dich an, mach einfach was! Das liest sich bisweilen wie Werbung für ihre Agentur i.do.

Nicht zwingend für Mütter

Ob man Wilkens’ Ansatz maximal pragmatisch oder maximal systemkonform findet, hängt mit Sicherheit von der eigenen politischen Prägung ab. Immerhin: Auch wer langfristig auf strukturelle Veränderungen des Arbeitsmarktes und der Rentenpolitik setzt, muss für Frauen im Hier und Jetzt Konzepte und Lösungen anbieten. Schließlich können wir nicht ewig warten. Eigentlich ist Mutter schafft! gar nicht zwingend ein Buch für Mütter, sondern eins über Frauen, die Selbstverwirklichung im Beruf suchen und dabei beraten werden. Das ist per se nicht schlimm, aber politische Analysen und daraus resultierende Forderungen kommen zu kurz.

Es beschleicht einen der Verdacht, dass Wilkens vermeiden wollte, eines dieser kämpferischen, wahlweise nörgelnden Bücher zu schreiben. Die dreifache Mutter, die nach der schweren Erkrankung ihres Mannes die Familie allein versorgte, ist offensichtlich jemand, der die Arme hochkrempelt, wenn es drauf ankommt. Nur braucht es dafür Ressourcen, die weit über das Materielle hinausgehen. Eine gute Ausbildung, eine familienfreundliche Arbeitswelt, mit Sicherheit auch eine gute psychische Konstitution, wenn Krankheit die Gefüge ins Wanken bringt. Viele Frauen, auch Männer, verfügen kaum über solche Ressourcen. Und welchen Sinn die Arbeit in Zeiten des Spätkapitalismus hat, auch darüber kann man nicht genug nachdenken.

Info

Mutter schafft! Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt Katrin Wilkens Westend 2019, 240 S., 18 €

Should I stay or should I go

Kommt der Brexit, wird auch Nordirland die Europäische Union verlassen müssen. Die offene Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland war eine grundlegende Bedingung des Friedensabkommens von 1998, nach mehr als 30 Jahren „Troubles“, blutigen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten. Die offene Grenze würde mit dem Brexit zur harten EU-Außengrenze, was den fragilen Friedensprozess im Land gefährden könnte. Der 1977 in Esslingen geborene Toby Binder fotografierte für Wee Muckers. Youth of Belfast (Kehrer 2019, 120 S., 35 €) Teenager aus protestantischen und katholischen Vierteln in Bel­fast. Die Langzeitdokumentation zeigt die Allgegenwart von Arbeits­losigkeit, Drogenkriminalität und Gewalt, die Jugendliche in Belfast schon heute belastet, egal, auf welcher Seite der „peace wall“ (Friedensmauer) sie leben.

06:00 08.05.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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