Wie Frauen Macht verloren

Literatur Ist Meike Stoverock Feminazi, antifeministische Nestbeschmutzerin oder doch Vordenkerin? Ihr Buch „Female Choice“ ist mutig

Wie wurde die biologische Vorherrschaft der Frau in eine kulturelle Vorherrschaft des Mannes umgewandelt? Wie wurde aus der Welt, in der die Frauen den Schlüssel zur Fortpflanzung in der Hand hielten, eine Welt der Männer? Das fragt die Biologin Meike Stoverock in ihrem Buch Female Choice (siehe auch der Freitag 9/2021).

Stoverock greift eine Frage auf, die Feministinnen seit Jahrzehnten wurmt: warum die männliche Vorherrschaft, die patriarchale Struktur ubiquitär und universell ist. Sie zeigt, dass es die Abkehr von biologischen Wahlmechanismen ist, die die männliche Vorherrschaft erzeugt. Stoverock erläutert zunächst den biologischen Ausgangspunkt, jenes fundamentale Prinzip der Fortpflanzung, das sich quer durch das Reich der Wirbeltiere beobachten lässt: „Female Choice“. Das Weibchen trifft die Wahl; das Männchen muss sich um die Gunst des Weibchens bewerben. Durch schönen Gesang und auffällig buntes Gefieder. Durch Geschenke oder eine eindrucksvolle Statur. Oder im Kampf gegen Konkurrenten.

Die Ursache des Female-Choice-Prinzips ist einfach: Das Weibchen trägt die Kosten der Fortpflanzung, es muss die Energie für das Austragen der Jungtiere aufbringen. Zugleich produziert es wenige Eizellen, während die Samenzellen in rauen Mengen vorliegen. Für die Männchen hat das Prinzip einen fundamentalen Nachteil: Die meisten kommen nie „zum Zug“.

Stoverock fragt nun, warum in der Menschenwelt die Macht den Männern gehört, obwohl doch die Frauen – biologisch betrachtet – den Schlüssel zur Beherrschung der Männer in der Hand halten. Sie erklärt es so: Beim Übergang vom Nomadendasein zur Sesshaftigkeit entstand aus dem Female-Choice-Prinzip ein gewaltiges Problem: Die Masse der Männer der Gemeinschaft hatte keinen Sex. Während Nomaden den Großteil ihrer Energie auf den Überlebenskampf verwendeten, hatten die sesshaften Menschen viel Freizeit. Was aber passiert mit einer Gesellschaft, in der 95 Prozent der Männer keinen Sex, dafür aber viel Zeit haben? Man darf annehmen, dass viel Aggression herrscht. Ein ungünstiger Zustand für eine Gemeinschaft.

Heirat besiegelt Patriarchat

Mit der Sesshaftigkeit kommt der Besitz. Dieser verschärft die Konkurrenz unter den Männern. Der kulturelle Alphamann entsteht: Er muss nicht der Stärkste sein, es genügt, wenn er viel besitzt. Obendrein wurde der Besitz und die damit verbundene Macht vererbt und damit die Macht von einer Männergeneration zur nächsten, während Frauen – und die meisten Männer – außen vor blieben. Frauen wurden nun zu Ressourcen, die – wenn nötig – mit Mitteln der Gewalt geraubt werden.

„Die Männer müssen endlich ungehinderten Zugang zur weiblichen Sexualität bekommen, um eine blühende Zivilisation zu erschaffen. Zeitgleich mit den bisherigen Entwicklungen beginnt sich daher eine neue Form des Zusammenlebens zu etablieren: die monogyne Ehe.“ Frauen müssen dazu gebracht werden, Partner zu wählen, die sie „natürlicherweise“ nicht wählen würden. Man entzieht ihnen die Kontrolle über die Partnerwahl, bindet sie fest an einen Partner. „Die Monogynie macht aus der statistischen Verfügbarkeit von einer Frau für jeden Mann annähernd eine tatsächliche.“ Es ist eine patriarchale Kultur, in der Frauen weder Besitz noch individuelle Rechte zugesprochen werden. Die Heirat ist die kulturelle Instanz, die die biologische Machtverteilung aushebelt.

Die Autorin weiß, dass sie sich in Fragen der Biologie der Geschlechter auf ein Minenfeld begibt. „Je nachdem, welchen Positionen Sie zuneigen, werden Sie in mir sowohl eine Feminazi als auch eine antifeministische Nestbeschmutzerin sehen.“ Allein die Behandlung der Zweigeschlechtlichkeit, die zeigt, dass das biologische Geschlecht kein „Konstrukt“ ist, dürfte Abwehrreflexe erzeugen. Aber der Mensch ist und bleibt das Produkt der Evolution, in der sich die (zwei)geschlechtliche Fortpflanzung als gutes Mittel zur genetischen Selektion erwiesen hat. Was Inter- und Transsexualität aber nicht ausschließt! Stoverock macht sehr deutlich, dass nichts an Trans- oder Intersexualität „unnatürlich“ ist.

Natürlich gibt es für Feministinnen ein weiteres Problem mit dem Text: Stoverock leitet Verhalten von der Biologie ab und zeigt, dass Verhaltensmuster eben nicht nur kulturell bedingt sind. Hier dürfte sich viel feministischer Widerspruch regen. Stoverock ist aber keine weibliche Jordan Peterson (Peterson erklärt das Streben nach männlicher Dominanz mit dem Verhalten von Hummern und gilt als einer der wichtigsten Vertreter einer „wissenschaftlichen“ Begründung für männliche Suprematie). Stoverock stellt klar: „Wir sollten (…) den Sachverhalt von seinem Missbrauch durch eine von Männern gestaltete Zivilisation trennen.“ Die Biologin verdeutlicht, dass das bloße Vorhandensein biologischer Unterschiede und die kulturellen Nachteile von Frauen, die hieraus konstruiert werden, zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Sie hat ein Buch geschrieben, das leichtfüßig und verständlich biologische Zusammenhänge erläutert, das sicher auch spekulativ ist, aber immerhin einen nachvollziehbaren Erklärungsansatz für den Status quo liefert. An dem man aber durchaus kritisieren mag, dass Frauen passive Opfer der Männerverschwörung sind. Female Choice könnte im besten Fall zu feministischen Debatten anregen. Im Grunde skizziert Stoverock eine Art Urszene wie in Sigmund Freuds Totem und Tabu. Nur verschwören sich hier nicht die Söhne gegen den Vater, sondern die Männer gegen die Frauen.

Info

Female Choice: Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation Meike Stoverock Tropen 2021, 352 S., 22 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.03.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 37/2021

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