Dick on the table

Seximus-Debatte Die Diskussion ist wichtig. Und vielleicht schaffen wir mit einem neuen gesellschaftlichen Zusammensein sogar einen Exportschlager.
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Und natürlich wird die Debatte, so man sie so bezeichnen will, wieder einschlafen. Aber die Pille ist geschluckt. Und wirkt. Das Problem hier: Journalisten entdecken zufällig wieder einmal den Alltag. Wirtschaftskrise? Nicht so lange wir nicht davon betroffen sind. Dann aber, wenn die Zeitungen eingestellt werden, die Sender Budgets kürzen und im Radio der Computer die Lala-Mucke aussucht, wird geklagt. Und genauso läuft es mit Sexismus. Der war und ist schon immer da. Und er hat mit dem Auftritt der Kollegin Himmelreich vom Stern nur begrenzt zu tun. Denn hier waren die Frage, der Ort und die Zielperson schlicht falsch gewählt.

Ohne Frage beruht Sexismus auch auf mangelndem Respekt. Und niemand muss sich von einem weinseligen Lobegreis wie Brüderle impertinente Bemerkungen über die eigene körperliche Beschaffenheit anhören. Sexismus beruht aber noch auf einem anderem, deutlich tiefgreifenderen Aspekt: Er ist in erster Linie eine Frage von Macht und Machtgefällen. Und die existiert so nicht zwischen Reportern und Politikern (wohl aber innerhalb von Redaktionen, was dem Stern aber leider keine Geschichte wert ist – stattdessen lässt man den Herrn Chefredakteur suffragettengleich in TV-Talkshows auftreten). Sie existiert immer dort, wo einer nicht Grenzen ziehen kann. Sei es im Job oder im Bus mit einer Horde hormoneller Adoleszenz-Unfälle (gleich ob Migrant oder Kartoffel). Aber wenn jemand eine Grenze ziehen will, wird immer der Fetisch der Schein-Liberalität hochgehalten. Was wird denn das dann für ein Klima (Kubicki)? Das wird man doch wohl noch sagen dürfen (Sarrazin)? Das hat der Autor damals so geschrieben („Neger“). Schon Martin Walser beklagte in den 90ern, die political correctness würde die freie Rede zum „halsbrecherischen Risiko“ machen. Immer dann, wenn jemand sagt „Hier ist von sofort an Schluss“ kreischt der Besitzstand. Vermutlich weil er der Idee anhängt, dass seine mickrige Meinung größer wird, wenn er behauptet, sie stehe unter politisch korrektem Denkverbot.

Mir gefällt Konsequenz sehr. Wohin es hierzulande führt, wenn Männer ihren Schwanz da lassen, wo er hingehört, wird sich zeigen. Die USA werden zurzeit gerne als Beispiel für eine schlimme Welt der Korrektheit angeführt. Ich habe mit dieser Welt bei der Arbeit zuweilen Bekanntschaft gemacht. Aber eher positiv, produktiv und sachlich. Arbeit war eben nicht ein Schauplatz für schwülstiges Daher-Gequatsche, sondern schlicht das, was es ist: Arbeit. Nie werde ich die betretenen Gesichter vergessen, als ich die Lackstiefel einer amerikanischen Kollegin süffig, wie ich damals fand, kommentierte. Neben mir flüsterte eine Frau „Are they all like Borat?“ Man lernt nie aus. Und auch wenn es vielen Herren nicht passt: Das „Put-your-dick-on-the-table“-Gehabe der Steinbrücks, Kubickis oder Seehofers ist definitiv ein Auslaufmodell und taugt noch nicht einmal für das satirische Archiv. Es ist nicht mehr so leicht für uns, an die Futtertröge zu kommen. Es gibt Konkurrenz. Es gibt immer mehr Frauen im mittleren und höheren Management, die dem Sexismus ganz allmählich den Garaus machen – qua Kompetenz. Und Männer sollten sich an die Möglichkeit erinnern, sich nicht im Absondern dümmlichen Phrasengerümpels und Schwelgen in weinerlicher Mittelmäßigkeit zu ergehen, sondern sich mit dieser Konkurrenz inhaltlich auseinanderzusetzen.

Nur sollten wir Männer nicht so tun, als ob wir ausgerechnet den Sexismus verstünden. Ich musste nie darunter leiden. Denn ich bin nie in eine Frauen-Vorstandsrunde gekommen und mit blöden Bemerkungen über meine geschlechtliche Zugehörigkeit bedacht worden. Mir ist nie laut kommentierend auf den Arsch gestarrt worden (er gäbe es auch nicht her). Wir Männer sollten uns mit Vorschlägen, wie es richtig(er) gehen sollte, eher zurückhalten. Aber ich höre mir die von Frauen an und sortiere sie. Gleichwohl denke ich: Die Diskussion ist wichtig. Und auch mit jeder Übertreibung und Hysterie rücken wir ein Stück weiter voran. Denn patriarchale Systeme sind nichts anderes als Artefakte, die überwunden werden können. Vielleicht schaffen wir mit diesem neuen gesellschaftlichen Zusammensein sogar einen Exportschlager. Für die männlichen Teile archaischer Gesellschaften sind wir auch deswegen ein Feind, weil wir uns ebenso entwickeln. Islamisten sagen Sodom, meinen aber zum Beispiel Frauenrechte. Es geht bei diesem Thema nur um eines – überall auf der Welt. Es geht um die Macht der Männer.

12:11 29.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Martin Calsow

Schriftsteller ("Quercher und die Thomasnacht", "Quercher und der Volkszorn", "Quercher und der Totwald") und Journalist, lebt am Tegernsee.
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Martin Calsow

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