Zur Frage der Freiheit

Debatte Um eine gerechte Gesellschaft schaffen zu können, muss das westliche Ideal der individuellen Freiheit neu gedacht werden: als soziale Freiheit
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Zur Frage der Freiheit
Foto: Spencer Platt/AFP/Getty Images

Auf der Suche nach einem erstrebenswerten Leben erweist sich das westliche Ideal der individuellen Freiheit als ungenügend. Um eine gerechte Gesellschaft schaffen zu können, muss Freiheit im Sinne einer sozialen Freiheit gedacht werden.

Auch Wochen nach seinem Amtsantritt überzieht der neue US-Präsident Donald J. Trump die Menschheit beinahe täglich mit neuen Horrormeldungen. Währenddessen bemüht sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel darum, ihre zukünftige Zusammenarbeit mit ihm möglichst gut vorzubereiten und betont dabei stets, die gemeinsame Wertebasis, auf der diese stattfinden werde. Wie so häufig führt sie damit ihren selbstgeschöpften politischen Kampfbegriff ins Feld, der sich bei genauerer Analyse wie gewohnt als „legitimatorischer Lack“ entpuppt (Fischer 2016).

Dabei stellt sich in Zeiten von autoritär-faschistischem Rechtsruck und zunehmender Fremdenfeindlichkeit tatsächlich die berechtige Frage danach, was „unsere Werte“, also die der sogenannten westlichen Welt, eigentlich sind. Während in aktuellen Bevölkerungsumfragen Werte wie Frieden, Menschenrechte und die Familie die höchste Zustimmung erfahren, werden in deutschen Schulen insbesondere die Leitideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Werte der westlichen Welt vermittelt.

Legitimationsprinzip der existierenden Gesellschaftsordnung

Untersuchen wir, wie es um die tatsächliche Realisierung dieser im Jahre 1789 formulierten Ideale über 200 Jahre später steht, fällt unmittelbar auf, dass es im Bereich der Gleichheit und insbesondere dem der Brüderlichkeit weiterhin eklatante Missstände gibt. In den westlichen Industrieländern kann heute von einer Gleichheit allerhöchstens im formal juristischen Sinne die Rede sein. Während sich die ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeiten zunehmend verschärfen, wie nicht zuletzt Thomas Piketty in seinem 2014 erschienen Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ eindrücklich belegt, herrschen gegenüber Menschen, die beispielsweise nicht weiß, heterosexuell und männlich sind noch immer zahlreiche juristische und reale Benachteiligungen. Zur Analyse dieser bietet sich insbesondere der Begriff der Intersektionalität an, der auf die Juristin Kimberlé Crenshaw zurückgeht. Hinsichtlich dem Ideal der Brüderlichkeit scheint sich in einer Zeit, in der zunehmend gegen Fremde gehetzt und für geschlossene Grenzen plädiert wird, während das Solidaritätsgefühl selbst innerhalb der homogenen Bevölkerungsschichten nachlässt, auch kein besonders positives Lagebild festhalten zu lassen.

Bleibt schließlich das Ideal der Freiheit. Jenes große Wort, für das hinter ihm stehende Gedankenkonstrukt schon so zahlreiche Kriege geführt wurden. Ohne Frage stellt die Freiheit heute für die meisten Mitglieder westlicher Gesellschaften einen der zentralsten Werte dar. Meinungs- und Bewegungsfreiheit sind für viele Menschen undenkbar mit ihrem Leben in Europa oder Nordamerika verbunden. Sie ist für uns mitunter so selbstverständlich geworden, dass wir gegenüber den Gefahren technischer Überwachung regelrecht ignorant geworden sind und in Zeiten sich verschärfender terroristischer Bedrohungen das Gefühl entwickeln, es gäbe keine Notwendigkeit, sie zu verteidigen, sondern vielmehr bereit sind, sie für vage Sicherheitsversprechen einzutauschen. Politisch gesehen dient die Garantie der individuellen Freiheit heute als Legitimationsprinzip der existierenden Gesellschaftsordnung.

Der Wert der Freiheit

Freiheit also, die letzte Hoffnung, hinsichtlich der Ideale der Französischen Revolution nicht gänzlich gescheitert zu sein – und um diese scheint es im Westen doch ganz gut bestellt zu sein. In allen drei Sphären menschlichen Zusammenlebens, der privaten, der politischen und der ökonomischen, scheint gegenwärtig ein hohes Maß an Freiheit realisiert zu sein.

Ausgehend von der Französischen Revolution und gepaart mit dem sich entwickelten Industriekapitalismus war die wirtschaftliche Sphäre die stets führende bei der Umsetzung realer Freiheitsrechte in der westlichen Welt. Ohne den freien Tausch auf dem Markt wäre unser heutiges Wirtschaftssystem nicht denkbar. Alle Produzenten und Konsumenten begegnen sich als frei und gleich und treffen in ihrem jeweils spezifischen Interesse nach individueller Interessenverwirklichung die für sie jeweils besten Entscheidungen. Der klassischen Schule der Nationalökonomie zufolge dient das freie Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage auf dem Markt dabei zeitgleich dem Interesse der Gesellschaft nach bestmöglicher Güterversorgung. Ein Umstand den der englische Nationalökonomen Adam Smith mit der Metapher der „unsichtbaren Hand“ des Marktes beschreibt.

Diese Idee des Liberalismus, die dazu führte, dass starre soziale Bindungen, wie die der Tradition, der Familie und der Zünfte verstärkt durch den flexibleren Mechanismus des Marktes, der ohne allzu viele persönliche Kontakte funktionierte, ersetzt wurden, war von Anfang an untrennbar mit einem allgemeinen Freiheitsversprechen verbunden. Die Orientierung an marktspezifischen Handlungslogiken gewann an Dominanz und auch wenn Donald J. Trump das pazifische Handelsabkommen TPP aufgekündigt hat und das transatlantisches Freihandelsabkommen TIPP vorerst nicht weiter verhandelt wird, wird die Logik der freien Marktwirtschaft ohne Frage auch in Zukunft einen Grundpfeiler des westlichen Wertesystems darstellen – ursächlich verbunden mit dem großen Versprechen, mehr persönliche Freiheit und Individualität zu ermöglichen.

Auch in der politischen Sphäre verfügen die Menschen in westlichen Demokratien über weitreichende Freiheitsrechte. Neben geheimen und freien Wahlen, gibt es garantierte Rechte auf Versammlungs- und Informationsfreiheit, während die freie Meinungsäußerung in Folge von gezielten Anschlägen auf Satire-Magazine oder Karikaturist*innen als ein zentrales Gut der westlichen Welt betont wird. Diese grundlegenden Freiheitsrechte im politischen Bereich sind in Form der Deklaration der Menschenrechte und in unseren Verfassungen verankert und wir können Gerichte anrufen, die diese regelmäßig gegenüber den vorschnellen Eingriffen unserer politischen Führer*innen verteidigen, wie jüngst anlässlich Trumps rassistisch motiviertem Einreise-Erlass oder in regelmäßigen Abständen anlässlich der verfassungswidrigen deutschen Erbschaftssteuergesetzte.

Blicken wir auf den Bereich des Privaten, wird schnell klar, dass wir auch hier über ein beispielloses Maß an Freiheit verfügen. Wir entscheiden frei, welchen Beruf oder welches Studium wir ergreifen wollen, wir können unsere Urlaubsziele und unsere Sexualpartner*innen frei wählen, ganz zu schweigen von unserem Wohnort. Wir können uns kleiden wie wir wollen, uns ernähren wie wir wollen, unsere Freizeit frei gestalten und in Zeiten des Internets auf nahezu unerschöpfliche Informationen frei und direkt zugreifen.

Und so verwundert es kaum, dass Freiheit zu einem Leitideal der westlichen Welt geworden ist, das längst nicht mehr nur von Outdoor-Geschäften auf großflächigen Werbetafeln genutzt wird, sondern, das beinahe jedes Konsumgut heute als Verkörperung der jeweils individuellen Freiheit inszeniert. Selbst auf Taschentuchpackungen finden wir heute Motive, die allein durch ferne Steppe reisende, sportliche, junge Frauen zeigen. Es erscheint als seien freie Atemwege die Krönung des westlichen Strebens nach Freiheit.

Individuelle Freiheit oder privater Egoismus

Schauen wir uns die Ausgestaltung unserer Freiheit in den jeweiligen Bereichen etwas kritischer an, erscheinen die Resultate unseres nach Freiheit strebenden Handelns oft nicht Freiheit per se zu verkörpern, sondern häufig vielmehr eine ganz bestimmte Art von Freiheit, die sich auch als Ergebnis eines privat-egoistischen Handelns begreifen lässt.

Ausgehend von der wirtschaftlichen Sphäre fällt es nicht schwer, entsprechende Beispiele zu finden. Schon in der Schule lernen wir, dass wir nur dann eine Chance auf einen halbwegs verträglichen Platz in der Gesellschaft haben, wenn wir ausreichend Fähigkeiten dazu erwerben, uns auf dem Arbeitsmarkt gegen andere, die uns von da an als Konkurrent*innen erscheinen sollen, durchzusetzen. In Ausbildung und Studium wird uns nahegelegt, gezielt entsprechende „Qualifikationen“ zu erwerben und bei der anschließenden Jobsuche wird aus den verheißungsvollen Ankündigungen dann bittere Realität. Und so basiert Erfolg in einer kapitalistisch verfassten Marktwirtschaft grundsätzlich auf der Fähigkeit, Konkurrent*innen im zügellosen Preiskampf zu unterbieten, mit immer neueren Innovationen abzuhängen oder durch feindliche Übernahmen auszuschalten.

Während wir im Bereich des politischen zumindest unsere formale Freiheit geschützt wissen, beobachten wir in der privaten Sphäre ausgehend von einem individualistischen Freiheitsbegriff die Tendenz zur gesellschaftlichen Isolierung: Die Familie verliert als traditioneller Konzentrationspunkt der sozialen Einbettung stetig an Bedeutung und so fühlen sich nicht nur immer mehr alte Menschen einsam und verlassen. Ihre Freiheit besteht heute darin, sich in unterfinanzierten Pflegeheimen von prekär beschäftigtem Pflegepersonal unter stetigem Zeitdruck beim Dahinvegetieren begutachten zu lassen.

Betrachten wir den Bereich der emotionalen Bindungen, lässt sich feststellen, dass immer weniger junge Erwachsen feste und stabile Beziehungen eingehen, während sich verstärkt sogenannte „offene“ Modelle durchsetzen. Um sich (emotional und sexuell) nicht einschränken zu müssen und noch dazu die für einen gelungenen Lebenslauf erforderliche Flexibilität sicherstellen zu können, gelten traditionelle Beziehungen mitunter als verpönt, während Polygamie regelrecht zum Lifestyle-Trend avanciert. Es scheint als herrsche förmliche eine Angst davor, die eigene individuelle Freiheit einzuschränken, während doch hinter der nächsten Ecke ein*e potenziell bessere*r Lebens- oder Sexualpartner*in warten könnte. Droht eine Beziehung in die Brüche zu gehen, kommt halt was neues, wie das neue iPhone. Bindungen und wechselseitige Verpflichtungen werden als latent bedrohlich empfunden.

Hinter diesen gesellschaftlichen Entwicklungen steht ein Freiheitsbegriff, der sich mit der einfachen Formel „die Freiheit des einzelnen endet dort, wo die des anderen beginnt“ zusammenfassen lässt. Dieser Freiheitsbegriff, der auf den ersten Blick mit Toleranz, gegenseitiger Anerkennung und Respekt verbunden scheint und letztlich auf die Arbeiten von Thomas Hobbes und Immanuel Kant zurückgeht, ist charakteristisch für das heutige westliche Verständnis davon, was Freiheit sei.

Fatal an dieser Auffassung ist allerdings, dass die mit diesem Freiheitsbegriff verbundenen Attribute der Toleranz und des Respekts gleichermaßen durch Ignoranz und Gleichgültigkeit ersetzt werden können. Laut der obigen Definition ist Freiheit etwas, dass in negativer Abgrenzung zu anderen gewonnen wird. Eine solche Freiheit vermittelt zwar Unabhängigkeit und somit zumindest die theoretische Möglichkeit zu Autonomie und Selbstbestimmung, doch zeitgleich beschränkt sie mein Gegenüber darauf, ein potenzieller Widersacher meiner eigenen, individuellen Freiheit zu sein. Bildlich gesprochen ließe sich sagen, jeder Mensch zieht einen Freiheitskreis um sich, der zwar gezielte Überlappungen mit anderen zulassen mag, deren grundsätzliches Vorhandensein und das Wachsen ihrer Freiheit sich in erster Linie aber als eine Bedrohung und Einschränkung der jeweils individuellen Freiheit des einzelnen darstellt. Eine so verstandene und derzeit in der westlichen Welt praktizierte Freiheit bedeutet zu allererst privaten Egoismus.

Die Idee der sozialen Freiheit

Dieser fatalen Vermischung von individueller Freiheit und privatem Egoismus kann dadurch vorgebeugt werden, dass nicht die private Interessenverfolgung als Ziel der Freiheit des Einzelnen begriffen wird, sondern die Befriedigung der alle Menschen verbindenden Bedürfnisse nach körperlicher und emotionaler Intimität, ökonomischer Unabhängigkeit und politischer Selbstbestimmung. Diese grundlegenden Bedürfnisse können von keinem alleine realisieret werden, sondern nur in der Beziehungen zu und der Kooperation mit anderen.

Wir beobachten also die Erosion fester sozialer Bindungen und damit der Grundlage der menschlichen Existenz, ohne die wir nicht überleben könnten, denn wir wissen auch, dass wir mindestens ein Viertel unseres Lebens als Kinder, Alte oder Kranke, von der Sorge und Pflege durch andere abhängig sind. Infolge der Vorherrschaft des Liberalismus und dem mit ihm verbundenen individualisierten Freiheitsbegriffs kommt es aber zu einer gesellschaftlichen Transformation, an deren Ende sich der Mensch von seiner vielleicht menschlichsten Seite zu befreien versucht.

Den Prozess dieser grundlegenden Transformation des Soziallebens und seine Folgen beschrieb der ungarisch-österreichische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi in seinem zu den Hauptwerken der Soziologie gehörigem Buch „ The Great Transformation“ auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Er spricht darin von einem ursprünglich sozial eingebetteten Marktgeschehen, dass von außen gewissen Normen und Regeln unterlag und dem Sozialgefüge damit dienlich war, während es markteffiziente Ergebnisse hervorbrachte. Im Zuge des Liberalismus und des Aufstiegs der kapitalistischen Massenproduktion fanden diese Markttransaktionen zunehmend anonymisiert statt und verloren dadurch ihre kulturelle, soziale und politische Einbettung. Der von nun an und bis heute schrankenlose, "entbettete" Markt, führt nach Polanyi zu kultureller, sozialer und ökologischer Verwahrlosung und zerstört damit die beiden Voraussetzungen jeder Ökonomie: die Gesellschaft und die Natur.

Die oben erwähnten menschlichen Grundbedürfnisse nach körperlicher und emotionaler Intimität, ökonomischer Unabhängigkeit und politischer Selbstbestimmung werden gegenwärtig also im Zuge der rein privaten Interessenverfolgung zu realisieren versucht, während derer die anderen allerhöchstens als Vollzugsgehilfen, in erster Linie aber als potenzielle Verursacher von Einschränkungen der jeweils individuellen Freiheit erscheinen. Eine solche Sichtweise ist untrennbar mit der oben beschriebenen Tendenz zum Verfall in privat-egoistische Handlungsmuster verbunden. Werden diese Bedürfnisse allerdings nicht länger im Zuge privater Interessenverfolgung, sondern im Sinne eines auf Anerkennung und Kooperation ausgelegten füreinander-tätig-seins zu erreichen versucht, wird den verheerenden Verführungen privat-egoistischer Handlungsmaximen vorgebeugt, während sich der daraus resultierende Freiheitsbegriff grundlegend verschiebt.

In Anlehnung an Hegels Verständnis von Recht, Moralität und Sittlichkeit ließe sich Freiheit somit nicht mehr als individuelle, sondern vielmehr als soziale Freiheit denken. Hierbei stellt sich der andere im Sinne des liberalen Freiheitsrechts nicht länger als Hindernis, sondern als notwendige Voraussetzung der Freiheit des Einzelnen dar. Diese wird fortan nicht länger als individuelle Interessenverfolgung, sondern als solidarisches sich-ergänzen begriffen und weißt damit fortan einen sozialen Kern auf.

Eine so verstandene soziale Freiheit verbindet die Gesellschaftsmitglieder in gegenseitiger Anteilnahme und Anerkennung und schafft damit die Basis für eine reziproke Erfüllung allgemein geteilter Absichten jenseits von gegenseitiger Ausbeutung und Zwang. Als Vorbild solcher Beziehungen sozialer Freiheit kann die gelungene Liebe verstanden werden. Diese charakterisiert sich gerade dadurch, dass die Aktivitäten der einander Liebenden von vornherein auf nur solche Zwecke beschränkt sind, die zugleich der jeweils eigenen Selbstverwirklichung dienen, aber auch die des entsprechenden Interaktionspartners als gleichwertig einbeziehen, weil ansonsten dessen Freiheit kein bewusster Gegenstand der eigenen Besorgnis wäre. Wie soziale Freiheit in zwischenmenschlichen Beziehungen im Sinne eines dialogischen Modells der Liebe praktiziert werden kann, beschreibt Angelika Krebs in ihrem Buch „Zwischen Ich und Du - Eine dialogische Philosophie der Liebe“ ausführlich.

Ein derart intersubjektiv vollzogener und zugleich kommunikativer Akt dient einerseits der individuellen Bedürfnisbefriedigung, schafft dabei aber zeitgleich auch die Grundlage für eine gelungene demokratische Willensbildung. Denn nicht erst, wenn es bei Hannah Arendt heißt, der Sinn des Politischen sei die Freiheit, wird deutlich, dass unser derzeitiges, individualistisches Verständnis von Freiheit zu eng gefasst ist, um in der politischen Sphäre eine für alle Menschen erstrebenswerte Einrichtung der Gesellschaft zu schaffen. Begreifen wir Freiheit nicht länger als individuelles, sondern als einander verbindendes soziales Anliegen lässt sich eine Gesellschaftsordnung schaffen, in der jede*r Einzelne die von ihr/ihm verfolgten Zwecke zugleich als Bedingung der Realisierung der Zwecke der jeweils anderen begreift. Mit Erich Mühsam ließe sich sagen, in einer solchen Gesellschaft erfolge die Freiheit des Einzelnen durch die allgemeine Freiheit.

Um derart menschliche Verhältnisse schaffen zu können, bedarf es zu allererst einer radikalen Überwindung des Individualismus, allerdings nicht ausschließlich und auch nicht vorrangig in der ökonomischen Sphäre. Nur wenn wir Freiheit sozial denken, können alle Hindernisse beseitigt werden, die der Praktizierung von Freiheit im Sinne eines solidarischen Füreinanders im Wege stehen. Eine solche Utopie ist nicht zwangsläufig an eine Realisierung in kleinen Gemeinschaften gebunden, sondern lässt sich auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene denken, wie Axel Honneth in seinem Buch „Die Idee des Sozialismus - Versuch einer Aktualisierung“ überzeugend darstellt.

Die derzeitige Ausgestaltung der westlichen Gesellschaften zeigt eindeutig, dass ein Umdenken hinsichtlich der von uns verfolgten Werte bitter nötig ist. Während die Ansätze einiger vergangener Denker hier trügerische Kurzschlüsse zulassen, finden sich retrospektiv betrachtet genügend vielversprechende Anknüpfungspunkte. So ließe sich zur Frage der Freiheit bereits bei Aristoteles nikomachischer Ethik ansetzten, in der es heißt: „Vielleicht ist es auch seltsam den Glückseligen zu einem Einsamen zu machen. Der Mensch ist nämlich ein Wesen, das von Natur aus auf das Zusammenleben angelegt ist“. (Aristoteles, Nikomachische Ethik, IX. 9)

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Literatur

Angelika Krebs: Zwischen Ich und Du - Eine dialogische Philosophie der Liebe. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015.

Aristoteles: Nikomachische Ethik, IX. 9. URL: https://de.scribd.com/doc/18993624/Aristoteles-Nikomachische-Ethik-Buch-I

Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus - Versuch einer Aktualisierung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015.

Gabriele Winker und Nina Degele : Intersektionalität - Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. transcript-verlag, Bielefeld 2010.

Georg Römpp: Kants Kritik der reinen Freiheit - Eine Erörterung der 'Metaphysik der Sitten'. Duncker & Humblot, Berlin 2006.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Naturrecht und Staatswissenschaft. Ullstein, Frankfurt am Main 1972.

Hannah Arendt: Was ist Existenz-Philosophie? Anton Hain, Frankfurt 1990.

Hannah Arendt: Denktagebuch 1950–1973. Piper, München 2002.

Karl Polanyi: The Great Transformation - Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Europaverlag, Wien 1977.

Kimberlé Crenshaw: Critical Race Theory. The Key Writings That Formed the Movement. New Press, New York 1995.

Regine Naeckel (2016): „Legitimatorischer Lack“ - Interview mit Prof. Thomas Fischer, in: Hintergrund (3).

Thomas Hobbes: Leviathan. Erster und zweiter Teil. Reclam, Stuttgart 1938.

Thomas Piketty: Capital in the Twenty-First Century. Harvard University Press, Cambridge 2014.

08:41 06.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Köln, Budapest und Beer Sheva studiert. Derzeit lebt er in Frankfurt.
Max Jansen

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