Lass niemanden in dein Leben

Literatur Cordula Simon hat einen lesenswerten Roman über die ukrainische Gegenwart geschrieben. Im Odessa-Kosmos entstehen Apokalypse-Phantasien, die wie ein letzter Ausweg wirken
Ausgabe 34/2013

Jedes Mal, wenn Aleksej mit Marina schlief, fiel der Strom aus. Ärgerlich, „dass man nicht mal bei Licht ficken konnte“, findet Aleksej. Nur ein Vorbote, denn bald wird vielleicht die ganze Stadt, die im Buch namenlos bleibt, untergehen. Im Roman Ostrov Mogila der österreichischen Autorin Cordula Simon geht es ums Kaputtsein, das Innere und dann auch das Drumherum.

Die Menschen treiben darin durch ihr Leben, Vanja, Jacqueline, Rima oder Marina, mit diesen Namen sind die einzelnen Kapitelüberschrieben. Eigentlich sind die Figuren austauschbar, sie alle sind nicht sicher vor sich selbst. Einer spielt durch, wie er sich auf todsichere Weise das Leben nehmen kann, ein anderer sieht sich als „halb dummen Bastard, an dem nur das Überleben hängen blieb“ – und wenn man einen Lover in die Stammbar mitnimmt, ist das schon viel zu intim. Irgendwie sind sie alle nur auf Reserve. Die einen wollen sich nicht binden, die anderen können es nicht. Auch Jobs fehlen, man ist auf sich selbst zurückgeworfen und lethargisch oder kurz davor, es zu werden.

Aber dann passiert doch etwas: Die Stadt bricht förmlich zusammen. Erst kommen die Kakerlaken, dann die Flut. Flüsse treten über die Ufer, Gebäude und Straßen verschwinden. Telefonleitungen gehen kaputt, bald sind die Bankkonten leer geräumt, aus Menschen werden Riesen, Ungeheuer. Und mitten im August fällt Schnee. Wenn das Netz noch funktioniert, kann man Youtube-Videos vom Ende der Welt sehen. Wenn nicht, bleibt nur „ficken“ – ansonsten „gibt es nichts mehr auf dieser Welt zu tun“.

Aber auch die Stadt ist in diesem Roman nur Kulisse, denn besser ist es andernorts nicht. Schon gar nicht im titelgebenden Walddorf Ostrov Mogila, einer matriarchalisch geprägten Gesellschaft. Mütter und Urgroßmütter leben dort, die so aussehen, als sei das Leben vorbei. „Ich erzähle dir ein Geheimnis, Menschen verschwinden nicht, sie spazieren einfach zur Tür raus“, sagt eine von ihnen, die einfach nur wegwill.

Systeme, Herrscher, Mangel

Wer kann, fährt in den Westen, solange es noch Straßen gibt. Oder per Anhalter nach Rumänien. Cordula Simon ist 34 Jahre alt und schreibt nüchtern, irritierend unbeteiligt über diese seelischen Abgründe. Aber man liest weiter, weil man sich ja nicht unmittelbar betroffen fühlt, weil dieser kühle Ton einen nicht wirklich angreift: „Ich hatte kein Glück, näher betrachtet stellte ich fest, dass ich nie Glück gehabt hatte.“

Es ist ein weiter Weg von Graz nach Odessa, wo die Autorin nun seit mehreren Jahren lebt. Die ukrainische Hafenstadt am Schwarzen Meer ist Heimat für sie geworden. Auch eine literarische offenbar. Schon ihr erster Roman spielte dort. Auch darin. in Der Potemkinsche Hund, findet man das planlose Treiben der Menschen, halb lebendig, halb tot. Einiges spricht dafür, dass auch jene namenlose Stadt im neuen Roman eigentlich Odessa ist.

Wer will, kann in der Apokalypse-Phantasie eine Verarbeitung der EU-Krise, den globalen Finanzcrash oder Umweltbedrohungen sehen. Aber vor allem interessant ist die osteuropäische Perspektive auf die Verwerfungen. Vielleicht kann man ja nur so unaufgeregt ein Endzeitszenario entwickeln, wenn man es aus der Sicht der Menschen betrachtet, die absolut nichts mehr umhauen kann, die ohnehin immer wieder überlebt haben. Systeme, Herrscher, Mangel.

Die Autorin ist nah dran an dieser Lebensweise, die beinahe seelenlos daherkommt. Und auch wenn dieser seltsame Roman eigentlich keinen richtigen Spannungsbogen hat, wenn er in so monotonem Ton gehalten ist wie der Alltag seiner Helden, so bleiben Sätze wie diese haften: „Der homo sowjeticus hat keine Angst vor dem Tod, der hat Angst vor dem Leben.“ Menschen um sich zu haben, bedeutet „fortwährend Enttäuschung“. Je mächtiger sie wird, desto bedeutungsloser ist der Weltuntergang.

Im Odessa-Kosmos besteht die Hölle nicht aus mutierenden Orten, es sind wie bei Jean-Paul Sartre die anderen. „Gegen das Desaster, das jemand anrichten konnte, den man in sein Leben ließ, konnte man die letzten Tage der Menschheit harmlos finden“, stellt einer der Protagonisten am Ende einfach nur fest.

Ostrov Mogila, Cordula Simon Picus Verlag 2013, 240 S., 21,90 €

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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