Alles bleibt anders

Taz-Relaunch Die taz wird nicht nur 30 Jahre alt, sondern erscheint auch noch in neuem Gewand: Erste Eindrücke von der neuen "sonntaz", die künftig jeden Sonnabend dem Blatt beiliegt

Die Taz ist schon wieder erwachsener geworden. Das erkennt man nicht nur an den Glückwunsch-Anzeigen von Spiegel, Stern und Springer-Presse in der Ausgabe vom 18. April. Man erkennt es vor allem am Relaunch, mit dem sich die linke Tageszeitung zum 30. Geburtstag präsentiert. Es ist ein sanfte Korrektur geworden, die bisweilen ins Biedere driftet. Der Titelschriftzug tageszeitung steht nicht mehr Rot auf Weiß, vielmehr sind die weißen Buchstaben nun in ein akkurates, rotes Rechteck eingelassen.

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Diese akkuraten Rechtecke schmücken auch manchen Artikel, um mit freigestellten Portrait den Autor des Textes anzukündigen. Das sieht dann aus wie bei der Welt am Sonntag, nur dass die Farbe eine andere ist. Die Botschaft dieser Neuerung, die der Zeitungsdesigner Lukas Kircher verantwortet, der in den letzten Jahren nicht wenige Zeitungen entworfen (FAS, Handelsblatt, Berliner Zeitung), ist in gewisser Weise wenig tröstlich: Irgendwann landen wir alle bei diesen Portrait-Kästen.

Bei der Wochentags-Taz zielt der Relaunch im Wesentlichen auf optische Veränderung, Kernstück der auch blattgestalterischen Neuerung ist die Sonntaz. Sie ersetzt das Taz-Mag, das bislang als Wochenendbeilage firmierte. Und ihr Name lässt sich zwar auch auf den Sonnabend beziehen, wird wohl aber vom Sonntag abgeleitet. Der war bis vor nicht all zu langer Zeit auch in der Zeitungslandschaft Tag des Herrn (wenn man die Zeitungen des Konzerns, für den Barbara Schöneberger und Philipp Lahm neuerdings Werbung machen, einmal nicht dazurechnet).

Diese Ruhe hat die FAS erfolgreich gestört; da die Taz sich den Vertriebsaufwand nicht leisten kann, bündelt sie ihre Wochenendaktivitäten bereits einen Tag zuvor. Das erste Buch wird dann 12 Seiten lang sein, dafür darf die Sonntaz sich im Vergleich zum Taz-Mag größeren Umfangs erfreuen (20 Seiten). Letzteres liegt auch daran, dass gewisse Ressorts (Kultur, Flimmern und Rauschen) in die neue Beilage eingegangen sind.

Diese Bündelung ist nicht nur der Vertreibung der Ruhe geschuldet, sondern entstammt dem im Druckzeitungswesen üblichen Zug zur Gewichtung, die als Möglichkeit begriffen wird, dem schnellen, flüchtigen und kontingenten Internet etwas entgegenzusetzen. Neu sind die Rubriken, in denen sich diese Gewichtung Platz schafft: Körper, Konsum, Bewegungen, Nächste Woche, Die Ganze Geschichte.

Letztere, eine ausführliche Reportage, legt ausgerechnet in der ersten Nummer nahe, dass das Leben des Dresdner Physikers Andreas Steinbach, der in der DDR ein Spiel namens Planopoly kreiert hat, gerade beim Chip-Produzenten Qimonda entlassen wurde und nun Vergleiche zwischen Plan- und Marktwirtschaft ziehen kann, auch als halbe Geschichte schon erzählt gewesen wäre. Äußerst lesenswert sind dagegen der Essay über die Bildervergessenheit des Geschichtskinos und ein Interview mit Shermin Langhoff über postmigrantisches Theater.

Das Interview mit Gerhard Polt und den Biermösl Blosn geht auch immer, allerdings denkt man sich Gleiches, wenn man es in der Süddeutschen Zeitung liest. Ein sehr trockener Witz ist es, die Literaturseite mit einer Rezension des Essaybandes eines FAS-Journalisten zu eröffnen, nicht unprogrammatisch kommt die Besprechung eines Albums von Dirk von Lowtzows (Tocotronic) Nebenprojekt Phantom Ghost daher (wenn auch beckmesserisch angemerkt werden muss, dass Duffy Duck auch in Amerika Daffy Duck heißt). Der Internet-User wird angesprochen durch den „Streit der Woche“ und die „Sonntaz-Wette“.

So stiftet der Relaunch vor allem die beruhigende Gewissheit, dass die Taz selbstbewusst bleibt, was sie ist: Sie bemäntelt ihre Armut geschickt und mit großer Geste. Dass sie der Blattgestaltung keine grundlegend neuen Perspektiven eröffnen konnte, ist schade, aber vielleicht auch zu viel verlangt. In diesen Tagen.

Der digitale Freitag

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

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