Das Oscar-Pistorius-Dilemma

Kino In Kategorien denken: Spielfilme, die man als Dokumentarfilme schauen kann – Mathieu Amalrics New-Burlesque-Show "Tournee" und Veit Helmers Weltraumfahrtmärchen "Baikonur"

Groß ist die Welt, so groß, dass es Kategorien braucht, in denen sie gedacht werden kann. Im Sport gibt es etwa die Unterscheidung zwischen Olympischen Spielen und Paralympics. Aber dann kommt der 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius, der mit seinen Unterschenkelprothesen bislang bei den Wettkämpfen behinderter Sportler angetreten ist, und klagt sich bis zu den Weltmeisterschaften der nichtbehinderten Leichtathleten, die gerade in Südkorea stattfinden. Und das macht Probleme.

Führt man „Chancengleichheit“ gegen Pistorius ins Feld, fällt einem nämlich auf, wie unfair die Wettkämpfe immer schon sind: Große Sportler laufen gegen kleine, Leute mit besseren Trainingsmöglichkeiten gegen Leute mit schlechteren, und wenn man über Hilfsmittel nachdenkt, dann stößt man auf Doping oder alle leistungsfördernden Maßnahmen, die nicht als Doping klassifiziert sind.

Produktiv ist die entstehende Verwirrung aber, weil man, wenn schon keine schlüssigen Antworten, doch immerhin die Gewissheit finden kann, dass Kategorien nur Prothesen unseres Ordnungswillens sind. Auf das Kino gewendet bedeutet das etwa, an der scheinbar so sichtbaren Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm zu operieren. Das machen zwei Filme, die jetzt ins Kino kommen und an denen man das Oscar-Pistorius-Dilemma künstlerisch studieren kann.

Die Wüste unter dem Himmel

In Mathieu Amalrics Film Tournee (Start am 8. September), der beim Festival von Cannes den Regie-Preis gewonnen hat, werden die Schwächen sichtbar erst durch die Fiktionalisierung. Der Film erzählt von einer Gruppe amerikanischer New-Burlesque-Tänzerinnen, die organisiert von Amalrics Impressario-Figur Joachim Zand, eine Auftrittsreise an den Rändern Frankreichs unternehmen.

Während die Tänzerinnen der Show, die Erotik mit Fantasie und Humor als weibliche Selbstbestimmung handeln, sich auf lässige Weise selbst spielen, spielt Amalric einen Mann, der nebenher unbedingt Probleme mit Familie und Ruf haben muss. So wird der französische Schauspieler mit dem wachen Blick und der desillusionierten Smartheit in seiner eigenen Regiearbeit zum Fremdkörper. Ach, wärest du doch ein Dokumentarfilm über das Tourleben der tanzenden Damen geworden, möchte man Tournee Vorwürfe machen.

Veit Helmers Weltraumabenteuertraum Baikonur ist in diesem Sinne besser gelungen. Auch hier sind die dokumentarischen Ansätze der Geschichte unverkennbar: Um den Raketenstartort in der kasachischen Wüste liegen Dörfer, die Geschäfte mit dem Schrott machen, der nach den Starts vom Himmel fällt. In einer der Jurten sitzt der junge Iskander, der Gagarin genannt wird, weil er über Funk mit Baikonur verbunden ist, die Schrottlandestellen berechnet und außerdem davon träumt, selbst Kosmonaut zu werden.

35-mm-Bilder

Gagarin verliebt sich in die französische Weltraumtouristin Julie (Marie de Villepin), die ihm eines Tages in der Landekapsel vor die Füße fällt. Dass er die bewusstseinslose Julie kurzzeitig als seine Verlobte ausgeben kann, betont das Märchenhafte an Helmers Film. Dass er über ihre „Rettung“ gar nach Baikonur und damit in die Nähe seines Traums gelangt, mag mit dem etwas unbefriedigend-vernünftigen Ende nicht zusammenstimmen.

Was Baikonur mit der losen Verbindung von realer Weltraumfahrtsgeschichte und der fiktiven Liebesgeschichte von Gagarin aber glückt, ist eine Reflektion über die in die Jahre gekommenen Fortschrittsträume der Menschheit. Helmers 35-mm-Bildern ist das nachgeborene Bewusstsein für die angestaubte Schönheit des sowjetisch-russischen Weltraumfahrerstils anzusehen.

Ob man dazu dann Spiel- oder Dokumentarfilm sagt, ist im Grunde egal.


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10:50 31.08.2011
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