Das Wasser unter dem Himmel

Film Volker Koepps neuer Film "Memelland" tastet sich suchend in eine untergegangene Kulturlandschaft vor und fördert dabei eigenwillige Selbstauskünfte zutage

Das, was in Volker Koepps Landschaftsportraits immer zu fehlen scheint, ist die Gegenwart. Vermutlich liegt das am Sujet: Seit Jahren arbeitet sich der Dokumentarfilmer an Landschaftsräumen ab, die in der Vergangenheit liegen. An einstmals deutschen oder deutschsprachigen Gebieten wie Ostpreußen, Pommern, der Bukowina. Kalte Heimat hieß der erste dieser Filme vor 15 Jahren, der genau genommen nicht der erste dieser Filme war, denn Koepps Filmografie ließ schon in der DDR das – nicht revisionistische – Interesse für einen Kulturraum erkennen, der andere Grenzen hatte als die staatlichen, die nach 1945 festgeschrieben wurden.

Memelland ist Koepps jüngster Film, der den Zusammenhang seines künstlerischen Schaffens deutlich herausstellt. Vor 36 Jahren sei er schon einmal in diesem Gebiet rund um den Kaliningrader Oblast gewesen, das einmal Preußisch-Litauen hieß. Damals traf Koepp auf den Spuren des Dichters Johannes Bobrowski den Fischer Jurgenaitis. Nun steht Koepp vor Kazimieras Banys, einem 80-Jährigen, früher Lehrer, später Museumsmitarbeiter, der lange mit Jurgenaitis befreundet war. Und vor den drei Schwestern Edith, Erna und Gerda in Venté (Windenburg), von denen eine sagt, dass der Fischer sehr lustig gewesen sei und ein guter Erzähler.

Koepps Methode ist so einfach wie unaufdringlich. Er fährt mit seinem Kameramann Thomas Plenert – der die sagenhaften Himmel über dem Wasser filmt in einer Stille, dass man sich daran berauschen kann wie an einem großformatigen Fotoalbum – zu den Leuten und versucht, sie zum Sprechen zu bringen mit tastenden Fragen, die in den Film hineinreichen. Zur Sprache kommen Leben, die von Vergangenheit durchsetzt sind, und ein Wissen darüber, dass es da draußen eine Zukunft gibt, an die diese Leben Anschluss halten müssen. Denn das Leben, das Volker Koepp in Memelland findet, scheint zumeist versunken zu sein. Es sind vorwiegend alte Leute, die zu Wort kommen, und für die Zeit eine eigene Bedeutung hat. Leute wie Leonas Jezerskas, den hutzeligen Leuchtturmdirektor in Venté, der sich im pfeifenden Wind die Mütze und das Fernglas festhalten muss, durch das er die Vögel beobachtet. Nach seinem eigenen Leben befragt, sagt Leonas: „Fragen Sie die Vögel, die ich beringt habe.“ Die Nachtigallen, erklärt er, singen immer, sie haben alle Engel und alle Teufel erlebt, wer auch immer Machthaber gewesen sei, „die Kommunisten, die Bolschewiken, die Katholischen, die Evangelischen“, die Nachtigallen singen immer.

Um solche eigenwilligen Selbstauskünfte zu bekommen, muss man zuhören. Das ist der Reiz von Koepps Film, der nur selten ins Banale kippt, obwohl vieles an ihm so einfach wirkt. Die Zeit, die Geschichte, die Politik – das sind alles sind Kategorien, die sich hier auf eine poetische Weise konkretisieren. Die Museumsleiterin Roza stellt aus der Erfahrung von Verbannung eine Gleichung auf, die die Zahl der Vertriebenen mit jener der Geschichtslehrer verrechnet. Die drei Schwestern Edith, Erna und Gerda haben nie geheiratet, weil sie so arm waren nach dem Kriege, dass sie keiner wollte. Heute wollen sie nicht mehr.

Memelland ist das zwanglose Portrait einer Landschaft, fern jenes besitzergreifenden Schmerzes, den der Heimweh-Tourismus von Deutschen in diesen Gebieten proklamiert. Von der Gegenwart kündet vor allem die Landschaft. Oder um es mit den drei Schwestern zu sagen: „Wir brauchen nicht mehr zu arbeiten. Es ist mehr Zeit für die Blumen.

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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