Er musste kurzfristig nach Frankfurt

Tatort Auf Lena Ödenthal ist Verlass: In "Kaltblütig" erfüllt Ludwigshafen alle Erwartungen über den dienstältesten Schauplatz der ARD-Reihe. Es ist wieder mal zum Mäuse melken

Lena Ödenthal strikes back. Wer in den letzten Wochen beinahe vergessen hatte, wie medioker der Tatort im täglichen Leben doch immer ist, darf angesichts von Kaltblütig erleichtert aufatmen: Es gibt sie noch, die miesen ollen Dinger. Kaltblütig ist ein Tatort von solchem Format, dass man am liebsten frei haben wollte, weil es einfach so uninteressant und sinnlos ist, sich mit so was zu beschäftigen. Kaltblütig funktioniert nur, weil der Tatort eine Reihe ist und nächsten Sonntag wieder kommt, und man also die Hoffnung haben kann, dass dann vielleicht was Aufregenderes geschieht aka dass man durch diesen Lena-Ödenthal-Streich einfach durchmuss, damit ihn hinter sich hat.

Für Leute, junge Leute womöglich, die noch full of energy sind, könnte die neueste Ludwigshafener Folge ein guter Anlass sein, einmal eine Untersuchung anzustrengen, seit wann und how things wrong went in der öffentlich-rechtlichen Fernsehproduktion. Kaltblütig kriegt nie Boden unter die Füße, ist von der ersten Minute an damit beschäftigt, sich selbst die eigenen Geschichte zu erzählen, die der Film braucht, um seine Tatort-Ähnlichkeit unter Beweis zu stellen. Man sieht die Reste von Kniffen, die eine Spannungsdramaturgie einmal spannend gemacht haben (das Manöver von Fränkie Burner), man sieht die Sendererwartungen (Besetzung mit big names, Götz Schubert und Anna Loos), und man sieht die Armut der Produktionsbedingungen (Verhör bei der Landstraßengrabpflege, damit man das auch noch im Bild hat und gleichzeitig immens wichtige Informationen vermittelt).

Kurz: ein Elend. Kaltblütig ist ein klassischer Schreibtisch-Tatort, dem man die gegängelte – oder von zu viel falschem Fernsehen verdorbene – Fantasie in jedem Moment anmerkt. Darunter leiden die Darsteller (oder wir unter ihnen, so genau lässt sich das nicht entscheiden), aber das, Bitte um Verzeihung für die abgenutzte Vokabel, hölzerne Spiel von Ulrike Folkerts wirft die Frage auf, ob deren Prominenz sich wirklich nur dem Ewigkeits-Fame ihrer langen Tatort-Zugehörigkeit verdankt oder ihrer Arbeit.

Zapp, Rollo runter

Für Folkerts nimmt ein, dass die Sätze, die sie sagen muss, anders als so, wie sie sie sagt, vielleicht gar nicht gesagt werden können. Diese Sätze aus diesem Schreibtisch-Tatort sind so furchtbar, dass man sich vorstellen kann, wie unmöglich es ist als Schauspieler, sich diese Sätze anzueignen und sie eben nicht so zu sprechen, als gehörten sie ganz woandershin, also nicht zum eigenen Charakter, sondern zu der bieder durchgezogenen Drehbuchroutine (Buch: Christoph Darnstädt), die am Ende zufrieden ist, wenn das Kartenhaus der Geschichte steht. Anders: Wie soll man einen Satz wie "Sie paraphrasieren hier die Aussage ihrer Ex-Frau" nur glaubhaft sagen können? Wie soll man mit diesen "Zapp, Rollladen (aka Rollo) runter"-Witzen umgehen, die doch immer nur entfernt an etwas erinnern, das mit Alle-Augen-zudrücken lustig sein könnte?

Jetzt fangen wir schon wieder mit den Fragen an, irgendwie lösen diese langweiligen Lena-Ödenthal-Tatort-Filme in uns eine Verzweiflung aus, die sich anders als in Fragen nicht Bahn brechen kann. Diese Band von Kopper (Andreas Hoppe), mit der er wechselweise "rocken" oder "abrocken" geht, was soll das denn? So wie der Basser da rumhängt, so kann das nichts werden. Und dass der Drummer seinem Bandkollegen Kopper (voc, git) Fragen stellt, als ob er ihm zum ersten Mal sehen würde, das spricht doch alles nicht dafür, dass es sich bei dieser komischen Rockerband um etwas handeln könnte, dass es in der world of Ludwigshafener Tatort tatsächlich gibt. Man riecht die unglaubwürdige Bemühtheit der ganzen Anlage hundert Meilen gegen den Wind.

Schon die Musik (Johannes Kobilke) verübelt einem alles. Zum einen ist sie dauernd ungefragt am Start, damit ein wenig Stimmung aufkommt, die die Inszenierung unmöglich hinkriegen kann mit diesen Sätzen, Orten (alles so milieulos bürgerlich und sieht dabei aus wie das modisch angemalte Studio, dass es ist) und diesen Charakteren (diese Künstlerinnenschwester! Die arme Sandra Borgmann. Und dieser Autohaus-Besitzer, oder was war das mit dem "Bau", der keine Autos reparieren kann, sie dann aber doch repariert). Zum anderen ist in der Musik – und damit passt sie immerhin zum Film – nichts zu erkennen, was eine Zuschreibung wie "eigen" rechtfertigen könnte, es ist das Standard-Sphärische, metallisch reibende und fragend sich dahin Dehnende, in das dann ein Klavier reindarf, um melodramatische Akzente zu setzen.

 

Und der Fall? Außer Spesen nichts gewesen, man möchte am liebsten die Sätze mit einem Marker anstreichen, von denen man in dem ganzen Informationsmüll sofort weiß, dass sie später eine Rolle spielen werden (wie oft da "kaltblütig" gesagt werden muss, damit der Zuschauer zu Hause "Heureka" rufen kann, weil er jetzt weiß, wo der irre treffende Titel herkommt) so wie diese Kindheitsgeschichte mit dem Benzinüberschüttetsein und Streichholznichtankriegen, bei der man sich dann wundert, was die einem im Reenactment sagen soll – wieso ersetzt da die Burner-Frau die Burner-Schwester beim Gang in den Tod?

Schon wieder eine Frage. Wir brechen ab. Wir müssen hier raus, denn das ist die Hölle.

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21:45 13.01.2013
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