Matthias Dell
24.08.2011 | 11:15 4

Für die Liebe noch zu mager

Kino Mit „Westwind“ von Robert Thalheim verfilmt eine wahre Liebesgeschichte aus der späten DDR - und weiß weder mit der Liebe noch der Geschichte viel anzufangen

"Wir kommen aus zwei verschiedenen Welten und können uns doch ganz normal unterhalten“, stellen ein Mädchen aus Ost-Berlin und ein Junge aus Hamburg fest. Die verschiedenen Welten erklären sich aus Zeit und Ort des Treffens: Ende der achtziger Jahre, ungarische Disko, Mauer steht noch.

Nun könnte man darüber streiten, wie weltverschieden sich DDR und BRD in einer spätpubertär-popkulturellen Perspektive kurz vor dem Mauerfall ausnahmen. Aber das ist nicht das Problem, das man mit Robert Thalheims Film Westwind hat. Das Problem ist viel banaler und gegenwärtiger: Das Mädchen und der Junge können sich nämlich gar nicht miteinander unterhalten. Sie wissen einfach nicht, was sie sagen sollen.

Thalheim hat in Westwind die tatsächliche Geschichte seiner Produzentin Susann Schimk verfilmt. Zwei Leistungssportler­zwillingsschwestern, Isabel (Luise Heyer) und Doreen (Friederike Becht), reisen im Sommer 1988 in ein Pionierlager am Balaton. Am Rande des Geländes lernen sie eine Gruppe Hamburger Jungs kennen. Doreen verliebt sich in Arne (Franz Dinda) und steht irgendwann vor der Frage, entweder Arne zu verlassen oder ihre Schwester.

Exponat und Impression

Das Zeitkolorit verleiht der Geschichte Tiefe – Doreens Entscheidung ist, vom damaligen Wissensstand betrachtet, eine für das Leben. Das herkömmliche Theater könnte darin die großen Themen entdecken: Verrat, Liebe, Tragik, das ganze Programm. Der jüngere deutsche Film kann damit leider nichts anfangen. Thalheim ist bislang zwar aufgefallen, weil in seinen Filmen auch Themen wie Hartz IV (Netto) und Auschwitz (Am Ende kommen Touristen) vorkamen. Zudem gilt er, der in West-Berlin Geborene, als DDR-Versteher, weil er weiß, dass sich hinter dem Kürzel DEFA kein Versicherungsanbieter verbirgt. Aber im Grunde, und das zeigt Westwind, wirkt Thalheim als Filmemacher so sprach- und positionslos wie ein Großteil seiner Absolventenkollegen. Und mit der DDR weiß er auch nichts anzufangen.

Die Erzählung von Westwind zerfällt in zwei Komplexe: die Exponats- und die Impressionsszenen. In den Exponatsszenen ist die DDR das Museum, das man dem heutigen Zuschauer im Hubertus-Knabe-Duktus erklärt (Trinkröhrchen statt Strohhalm, Morgenappell). Die Impressionsszenen versuchen sich am Gefühl, das aber nur aus Klischees besteht: Wo ein Zug- oder Autofenster offen steht, muss umgehend händehampelnd hinausgejuchzt werden. Wer nicht so gut drauf ist, steht im Schattenriss vor dämmernder See.

Wo die Gefühle herkommen und um welche Gefühle es sich handelt, unter denen hier gelitten und über die sich gefreut wird, vermag der Film dagegen nicht zu sagen. Wenn Arne und Doreen nicht die meiste Zeit zusammen gezeigt würden, hätte man kaum gemerkt, dass sie sich ineinander verliebt haben. Wobei Friederike Becht als einzige Akteurin immerhin so etwas wie Begehren zu wecken vermag. Franz Dinda erscheint dagegen von Beginn an als männlich-verzagter Grübler, der beim Flirten schon so betrübt wirkt, als stünde er vor der für den jüngeren deutschen Film kanonischen Frage, ob er seine Beziehung beenden, in Osnabrück Wirtschaftspädagogik studieren oder doch lieber einkaufen gehen soll.

Als Doreen sich von Isabel kurz drückend verabschiedet, hat man jedenfalls den Eindruck, sie ginge nur noch ein bisschen länger aus – und wechselte nicht in eine andere Welt.

Kommentare (4)

MathisOberhof 28.08.2011 | 01:29

GETRENNT ODER VEREINT?
Gedanken zum Filmen Westwind, Ostklischees von Freitags-Redakteuren und linken Schwierigkeiten mit der Einheit.

Michael Dell, Kulturredakteur des Freitag hat in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung den Film WESTWIND von Robert Thalheim verrissen.
Als Überschrift wählte er einen in der DDR bekannten Filmtitel von 1973: "Für die Liebe noch zu mager". Das sagt den meisten westdeutschen Lesern nix, wird aber im Text auch nicht aufgegriffen. Es hinterlässt bestenfalls einen bitteren Nachgeschmack: Ein Film für die Liebe noch zu mager….? Auch sonst lässt der Rezensent kaum ein gutes Haar an dem Film, der die wahre Geschichte der beiden DDR-Leistungssportlerinnen und Zwillingsschwestern Doreen und Isabel erzählt, die bei ihrem Aufenthalt in einem Pionierlager am Balaton westdeutsche Jugendliche kennenlernen und in dessen Verlauf die eine, Doreen vor die Alternative gestellt ist, sich zu entscheiden, bei ihrer Schwester (und dem vorgezeichneten Weg als DDR-Leistungssportlerin) zu bleiben, oder mit dem Geliebten Arne in den Westen abzuhauen.
Ein Film wie geschaffen für den 50. Jahrestag des Mauerbaus.
Gerade erst hat die JUNGEN WELT in einem menschenverachtenden Titelbild zum Ausdruck gebracht, dass die Redaktion Mauer, militärische Gewalt als dankenswerte Leistung der DDR ansehen.
Deutsche Linken fällt die Hinnahme von Spaltung deutlich leichter, als die Empathie der Einheit.
Als ob die Gleichung gelte: Gespalten=Links; Begeisterung für Einheit = rechts, wird auch von Mathias Dell willkürlich der Stoff, die Atmosphäre und die Botschaft dieses Films ignoriert.
So schreibt er „ In den Exponatszenen ist die DDR das Museum , das man dem heutigen Zuschauer im Hubertus-Knabe-Duktus erklärt“, obwohl im ganzen Film weder der Handlungsort DDR, deshalb schon gar nicht die Stasi, für die Hubertus-Knabe sich zuständig fühlt vorkommt. Das erinnert an die Kritik am Film „Das leben der Anderen “, dass dort die Uniformen nicht exakt, und die Automodelle nicht zeitsynchron ausgesucht seien.
Aber ja doch, im Film wie im wirklichen Leben: BRD-Jugendliche sprachen von der DDR als Zone und fragen nach, ob mit Trinkröhrchen Strohalm gemeint sind. Wer den unterschiedlichen Alltagswortschatz der Ost und Westdeutschen schon in die nähe von Hubertus-Knabes-Horror-Kabinett stellt, hat ein merkwürdiges Zeitempfinden für 40 Jahre deutsche Sprach-Trennung.
„Mit der DDR weiß der Regisseur auch nichts anzufangen“ weiß Dell nun auch noch zu berichten, ohne irgendeinen Beleg zu bringen.
Im Gegensatz zu Dell sah ich in dem Film eine sehr authentische Darstellung einer beginnenden Liebe in Zeiten des Eisernen Vorhangs.
Ja, er zeigt die Grausame Wirkung der unnatürlichen Trennung eines Volkes. Er zeigt an einem Beispiel einer wahren Begebenheit, was Mauern und Grenzen für Wunden reißen.
3.800 000 Bürger der SBZ/DDR haben zwischen 1947 und 89 ihre Heimat verlassen, 600.000 sind zurückgekehrt. Unterm Strich hat jeder 5. Bürger dieses Landes seinem Land - vor der Mauer etwas gefahrloser, als später, aber immer mit Verlust von Hausstand, Freundeskreis, Beruf, immer mit Familientrennung und Abschiedsschmerz, den Rücken gekehrt.
Jahrelang waren es die Linken in Deutschland, die die Teilung auf zuhalten versuchten. Und es war Bundeskanzler Adenauer, der als erster die brutale Gleichung äußerte. "Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb."
Später, viel später haben sich die SED-Führer diesen Zynismus zu Eigen gemacht.
Der Jubel bei der Öffnung der Mauer war für Millionen echt, genauso wie die nachdenklichen Töne, dass damit ein eigenständiger Weg für eine demokratischere DDR wohl unmöglich wurde.
Aber der widernatürliche Riss - durch die mindestens jede 5. deutsche Familie - war überwunden, ein ungerechtes Wirtschaftssystem noch lange nicht.
Im Gegenteil und umgekehrt, gerade weil mit Mauer, Stacheldraht und Todesschüssen der Sozialismus sowohl östlich der Mauer als auch seine Ideen westlich der Mauer auf Jahrzehnte diskreditiert wurden, deshalb ist die Mauer einer der wichtigsten Stolpersteine und Hemmschuhe für eine fortschrittliche Entwicklung in Mitteleuropa geworden.

Der Film Westwind erinnert daran. Die Süddeutsche vermerkt zu Recht: „Geschickt vermeidet Thalheim die Klischees von Ost-West-Storys: Die West-Jungs sind nicht als arrogante Schnösel gezeichnet, die Schwestern nicht als von vornherein fluchtwillige DDR-Überdrüssige. Erst zum Finale wird das Drama des geteilten Landes in der privaten Geschichte virulent, wenn die Schwestern vor eine Entscheidung gestellt sind, die - wie Thalheim sagt - "für sie eigentlich zu groß ist".
Ich war 10 Jahre alt, als mein Vater, in der BRD wegen seiner antimilitaristischen Arbeit politisch Verfolgter und gerade erst zu mehreren Monaten Gefängnis auf Bewährung bestrafft wegen „landesverräterischer Beziehungen zur DDR“ in seiner Verzweiflung die Staatsbürgerschaft der DDR beantragte. Die Behörden sagten sie ihm zu, unter der Voraussetzung, dass er drei Jahre lang seine Kinder nicht in Westdeutschland besuchen dürfte. Aus heutiger Sicht sage ich: Gott-sei-dank, hat er es daraufhin abgelehnt, auch zwischen sich und seine Kinder die Mauer zu stellen.
Als Linker wurde mein Leben geprägt durch das Erleben: Eine neue, menschlichere Gesellschaft, die Familien trennt, ja zu Gegnern verdreht, Liebende auseinanderreist, Fernweh-Kranke ins Gefängnis sperrt, hat historisch keine Existenzberechtigung und Überlebenschance. Auch das sagt behutsam und ohne Zeigefinger der wunderbare Film WESTWIND. Das Highlight zum Schluss soll nicht verraten werden. Aber das selbst der Bad Boy, der die DDR verkörpernde Funktionär zu überraschender Menschlichkeit fähig ist, auch das ist ein schönes Detail dieses empfehlenswerten Films

Matthias Dell 29.08.2011 | 14:45

nichts für ungut, aber filme, die "wie geschaffen für den 50. jahrestag des mauerbaus" sind, möchte ich nicht sehen. michael dell vermutet, dass sie damit sogar thalheim beleidigen würden. geschaffen für irgendwelche jahrestage sind festakte beim bundespräsidenten, aber nicht kunst, die etwas will. und mathias dell ignoriert auch nicht die botschaft dieses films (wobei ich auch hier vermuten würde, dass thalheim doch andere intentionen hat als die von ihnen unterstellte feier der vereinigung - einen film, der für so was da ist, man müsste wohl mal bei guido knopp nachfragen).

Matthias Dell 29.08.2011 | 15:31

schön, dass sie wissen, worum es mir "in wirklichkeit" geht. vielleicht wollen sie mich eine weile übernehmen? und ihr stalinismus-argument ist ja genau das, was der kommentator weiter oben einfordert: dass man einen film, der eine liebesgeschichte in zeiten der mauer erzählt, nicht schlecht finden darf, weil man damit die mauer gut findet, die doch schlecht war, und außerdem muss die einheit gefeiert werden (auch wenn sich mir dieser zusammenhang, also der zwischen film und einheit und so, immer noch nicht erschließt)