Gegen den Verstand

Rechtsterror Fatih Akin macht den NSU zu Kinotipp: „Aus dem Nichts“
Matthias Dell | Ausgabe 47/2017 10

In einem bei Rechtsextremen beliebten Song, der auf ein SA-Kampflied zurückgeht, das wiederum das sogenannte Heckerlied der Badischen Revolution von 1849 antisemitisch auflädt, heißt es: „Blut muss fließen.“

In Fatih Akins Film Aus dem Nichts, der vor dem Hintergrund eines rechtsterroristischen Anschlags spielt, fließt Blut – vorzugsweise aber aus dem Körper von Katja Şekerci, der von Diane Kruger gespielten Hauptfigur des Films. Das erste Mal, als sie Mann (Numan Acar) und Sohn (Rafael Santana) durch ein Nagelbombenattentat verloren hat und damit jeden Lebensmut.

Katja liegt in der Wanne, die Kamera nähert sich ihr über den Beckenrand, um bald unter Wasser zu tauchen, wo auf schicke Weise Blut aus aufgeschnittenen Pulsadern pumpt. Auf der Tonspur ein Anrufer, der nach mehrmaligen Versuchen die Frau vom Sterben zurückholt. Die Kamera, wieder raus aus der Wanne, zeigt den auch nicht unschick blutverschmierten Kopf der Frau, die nun wie ein Raubtier schaut.

Das ist, vom schlechten Timing der redundanten Anrufe abgesehen, durchaus ein Kinobild, bigger than life, das Erwachen einer Rächerin, die den Verhältnissen nicht mit Ohnmacht oder rational kommen will. Auf dieses Bild will Akin hinaus zum Ausweis seines Auteurismus als international renommierter Kinoregisseur, der mit der Wirklichkeit mehr anzufangen weiß als etwa dokumentarische Rekonstruktion.

Das Spiel mit Marktwerten lässt Aus dem Nichts attraktiv erscheinen (und ist prompt nach Cannes eingeladen worden): Der prominenteste deutschtürkische Filmemacher widmet sich den NSU-Verbrechen (die Deutschtürken galten), aber er tut das auf seine spezifische Weise (wenn nicht hard-boiled, dann doch Rock ’n’ Roll, Kiez-Hamburg, Alta und Digga, Drogen und Coolness-Idyllen, die keine Angst vor Tattoos haben oder dem Reden über Dildos). Und der deutsche Hollywood-Star Diane Kruger debütiert im Innendienst des Vaterlands.

Das Arrangement von lauter widerstrebenden Zeichen, den Wirklichkeitszitaten und Kinogesten, befördert allerdings ein unpolitisches und unreflektiertes Durcheinander, das weder in die eine (Wirklichkeit) noch die andere Richtung (Kino) Sinn macht. Man versteht nichts, wenn man diesen Film gesehen hat.

Vom geschichtslosen Zugriff auf reale Geschehnisse zeugt der Umstand, dass das Attentat im Film (als Anspielung auf den Keupstraßen-Anschlag von 2004 entworfen: Fahrrad, Hartschalenkoffer, Nagelbombe) im Jahr 2016 stattgefunden haben soll – fünf Jahre nach dem Auffliegen der Rechtsterroristen. Diese Entdeckung hat, bei allen ungelösten Fragen, zumindest die Alarmiertheit der Öffentlichkeit gesteigert, was in Aus dem Nichts aber nicht vorkommt. Oder die Tatsache, dass mit Kruger eine herkunftsdeutsche Heldin im Mittelpunkt steht, vor der der institutionelle Rassismus der Ermittler sich, logischerweise, kaum aus der Deckung traut.

Absurd ist die innere Realität des Films (Buch: Akin mit Hark Bohm), die einen Freispruch für das Neonazi-Täter-Paar erwirkt gegen alle Plausibilität des in seinen Abweichungen von der Realität ja selbst gezimmerten Falls. Der Grund: Katja Şekerci muss ihr Rache-Ding durchziehen. Wobei „durchziehen“ das falsche Wort ist für die öde „Recherche“ des urlaubenden Täterpaares (Fahrräder, Joggen, Wohnmobil).

Vor dem Finale fließt das zweite Mal Blut. Die trauernde Frau hat ihre Tage wieder (in der Logik des Films ein Zeichen für die Rückkehr zur Normalität). Und beschließt, im zweiten Anlauf, nicht nur die Nazis, sondern sich gleich mit in die Luft zu sprengen, um irgendwoanders (vorher gab’s ein Urlaubsvideo, in dem der Sohn von Papas Schultern zur am Strande verbliebenen Mama rief: „Komm mit!“) die Wiedervereinigung der bürgerlichen Kleinfamilie zu feiern. Aus dem Nichts blendet dann ab. Was sich in den Trümmern vermengen müsste an Leichenteilen, beschreibt die Ordnung des Films treffend.

Info

Aus dem Nichts Fatih Akin D/FRA, 106 Min.

06:00 26.11.2017
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