Skepsis gegenüber sich selbst

Schauspielerbilder Das Theater bedrohe den Schauspieler, der nur noch erzählen und nicht mehr spielen darf - vor schlechten Aufführungen schützt einen weder das eine noch das andere

Theater ist Krise und Journalismus auch Zielgruppenberuhigung. Zum Spielzeitende hat die Wochenzeitung Die Zeit in der letzten Ausgabe ihrer Leserschaft das gute Gefühl verschafft, dem Theater mal wieder gesagt zu haben, wo Bartel den Most holt: „Schauspieler sollen spielen und nicht erzählen – eine Aufforderung an das Theater, sich wieder dem Augenblick zu stellen“, heißt der Text von Peter Kümmel in der Unterzeile, der online leider nicht zu lesen ist. Wir machen uns keine Illusionen darüber, dass diese Invektive gegen ein als untheatral empfundenes „Erzähltheater“ nicht auch bei Lesern des Freitag auf Zustimmung treffen könnte – man muss sich nur einmal unter Freunden des Dichters Peter Hacks umhören, wo das so verhasste „Regisseurstheater“ als größter Verrat an der Kunst gilt.

Dieses Schimpfen, so sehr es sich aufmotzt mit autoritätsheischender Bildungshuberei (Max Reinhardt, Platon, Medea, der, und da wird es lächerlich, „Theaterwissenschaftler“ Ivan Nagel), so sehr es sich müht, das angefeindete ­Theater in die Nähe von „Flexibilitäts­terrorinstituten“ des aktuellen Kapitalismus zu rücken, so sehr es von sich behauptet, an Gegenwart interessiert zu sein – so einfach bleibt dieses Schimpfen zu durchschauen. Es ist nicht mehr als ein sauertöpfisches Ressentiment, das sich nicht für ästhetische Fragen interessiert. Und bei dem schon dieser – wenn auch spielerisch-journalistische – Gestus nervt, allem Bühnenhandeln vorzuschreiben, wie es sein soll.

Theater ist nicht nur, wenn Claus Peymann einen Text von Shakespearetschechowbrecht mit Michael Maertens im Berliner Ensemble inszeniert und Klaus von Dohnanyi am Ende „anständig“ ruft. Theater ist nur, wenn Agierende und Zuschauende in einem definierten Raum und für bestimmte Zeit zusammenkommen. Man muss nicht so polemisch sein wie der beliebte Theaterautor Bertolt Brecht („Alles Neue ist besser als alles Alte“), um zu akzeptieren, dass man richtiges und falsches Theater nicht festmachen kann an Äußerlichkeiten wie der Art des Textes, den ein Schauspieler spricht. Sondern daran, ob es gelingt, eine Form zu finden, durch die das Theater sich ausdrücken kann.

Der tanzende Coach

Denn das Leiden, das dem Schimpfen vorausgeht, ist ja nicht eingebildet – es hat seinen Grund in schlechtem Theater. Und so wie es schlechtes Dokumentartheater gibt und schlechte Roman- und Filmadaptionen, gibt es schlechte Shakes­pearetschechowbrecht-Inszenierungen. Der Schauspieler aber, der Zweifel ausstellt daran, dass man ihm nicht mehr abnimmt, einen dänischen Prinzen zu „verkörpern“, wird nicht verschwinden. Verschwinden wird der Schauspieler, der so tut, als könne er noch immer so auftreten wie vor 2.500 Jahren.
Man kann Nina Hoss, die sich zur Medea schminkt, als Exponentin einer zauberhaften Verwandlung feiern. Man kann aber auch, und das wäre ehrlicher, diesem Vorgang mit Misstrauen begegnen, weil er einem wenig über den Augenblick erzählt, in dem so ein Theater entsteht und eher Auftakt einer virtuosen Führung durch das Museum abendländischer Kulturgeschichte ist.
Ein Theater, das sich selbst mit Skepsis begegnet, hat den Nachteil, dass man danach bestenfalls irritiert ist und nicht einfach essen geht mit gutem Gefühl, weil einem ein Kanon sagt, dass der Euripides schon ein guter Dichter war und die Nina Hoss eine tolle Schauspielerin ist.
Den Augenblick, in dem der Persönlichkeitscoach und Ghostwriter Ulf Mailänder auf die Bühne der Rimini-Protokoll-Inszenierung Karl Marx: Das Kapital, Erster Band springt und ungelenk und aufgeregt tanzt, werden wir in all seiner Schönheit nie vergessen.

10:15 14.07.2010
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