Was würde Henri tun?

Medientagebuch Von Appelbaum und Osterkorn: Über die Kritik am Nannen-Preis
Matthias Dell | Ausgabe 23/2014 4

Auf henri-nannen-preis.de, der Seite zu einem der bedeutendsten deutschen Journalistenpreise, herrscht Ruhe. Kein Wort zu der Debatte, die Jacob Appelbaum, der gemeinsam mit Spiegel-Redakteuren Mitte Mai die Auszeichnung erhalten hatte, eine Woche nach der Verleihung anstieß. Appelbaum, Amerikaner mit jüdischer Herkunft, hatte bei einem Theaterfestival erklärt, welche Probleme er mit dem Namen des Preises hat.

Dieses Hinterher kann man für eine „heuchlerische Aktion“ halten, wie Nannen-Enkelin Stephanie befand. Und auch wenn Appelbaum darlegt, warum er bei der Verleihung nicht den unterhaltsamen Rahmen (Motto: Zirkus) stören wollte, wenn er seinen Reflexionsprozess beschreibt, kann man das ebenfalls als geschickte Eigen-PR abtun. Nur: Es wäre so viel plausibler, Appelbaums Kritik an Nannens Karriere in der NS-Zeit ernst zu nehmen.

Das hieße allerdings, gerade andersherum als Thomas Osterkorn zu argumentieren. Der Stern-Herausgeber und Miterfinder des von Gruner + Jahr gestifteten Preises erklärte zu Appelbaum: „Wir respektieren es natürlich, wenn er den Preis wieder von sich weist. Aber es war immer bekannt und ist oft beschrieben worden, dass Henri Nannen, wie viele andere deutsche Journalisten seiner Zeit auch, als junger Mann Soldat im Zweiten Weltkrieg war.“

Die Formulierung will Appelbaums Kritik entkräften, indem sie ihr den Neuigkeitswert abspricht. Der eigentliche Witz besteht aber darin, dass Osterkorn damit zugibt, die Benennung des Preises in vollem Bewusstsein von Nannens Nazi-Opportunismus vollzogen zu haben. Dass das die Botschaft wäre („Deutsche Journalistenpreise sind nun mal nach NS-Karrieristen benannt“), die die G+J-Öffentlichkeitsarbeit verbreitet wissen will, ist zu bezweifeln.

Vielmehr argumentiert Osterkorn wohl so, weil auf diese Weise immer argumentiert worden ist; weil sich das Problematische an der Kontinuität von Biografien aus der NS-Zeit im (west-)deutschen Selbstgespräch durch Beschwichtigen, Auslassen, Vergessen irgendwann angefühlt haben mag wie Aufarbeiten, Reflektieren, Abschließen. Appelbaums Kritik zeigt den Segen der Globalisierung: Die Geschichten, die man sich jahrelang unter der Bettdecke des Nationalen erzählt hat, wirken bei Lichte betrachtet, ziemlich lächerlich. Das Kartenhaus der Selbstlegitimation (kein SS-Mitglied, nur ein paar Hitler konkret verherrlichende Artikel in einer Kunstzeitschrift) fällt durch Appelbaums Kritik (die von innen kaum hätte geäußert werden können) zusammen: Als Helden der NS-Jahre kriegt man Nannen einfach nicht erzählt.

Was nicht heißt, dass Henri Nannen sich nicht um die bundesdeutsche Presse verdient gemacht haben kann. Und weshalb es nicht schwerfällt, wie Appelbaum zwischen der Auszeichnung und ihrem Namen zu trennen. Zumal es den Henri-Nannen-Preis erst seit 2005 gibt. Vorher hieß der – wenn auch auf ein Genre limitierte – Preis nach Egon Erwin Kisch, einem Reporter, Juden und Kommunisten, der 1933 Deutschland verlassen musste. Der Kisch-Preis war Nannens Idee, und man darf nicht nur deshalb davon ausgehen, dass es in seinem Sinne wäre, etwa zu diesem Namen für die G+J-Ehrung zurückzukehren. Auf henri-nannen-preis.de wird Nannen zitiert mit dem Credo: „Ich finde, wenn man Journalist ist, dann will man doch die Welt ein bisschen durchsichtiger, verständlicher, ein bisschen weniger gemein, ein bisschen ehrlicher und offener machen.“


AUSGABE

13:00 04.06.2014

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