Matthias Dell
Ausgabe 2314 | 04.06.2014 | 13:00 4

Was würde Henri tun?

Medientagebuch Von Appelbaum und Osterkorn: Über die Kritik am Nannen-Preis

Auf henri-nannen-preis.de, der Seite zu einem der bedeutendsten deutschen Journalistenpreise, herrscht Ruhe. Kein Wort zu der Debatte, die Jacob Appelbaum, der gemeinsam mit Spiegel-Redakteuren Mitte Mai die Auszeichnung erhalten hatte, eine Woche nach der Verleihung anstieß. Appelbaum, Amerikaner mit jüdischer Herkunft, hatte bei einem Theaterfestival erklärt, welche Probleme er mit dem Namen des Preises hat.

Dieses Hinterher kann man für eine „heuchlerische Aktion“ halten, wie Nannen-Enkelin Stephanie befand. Und auch wenn Appelbaum darlegt, warum er bei der Verleihung nicht den unterhaltsamen Rahmen (Motto: Zirkus) stören wollte, wenn er seinen Reflexionsprozess beschreibt, kann man das ebenfalls als geschickte Eigen-PR abtun. Nur: Es wäre so viel plausibler, Appelbaums Kritik an Nannens Karriere in der NS-Zeit ernst zu nehmen.

Das hieße allerdings, gerade andersherum als Thomas Osterkorn zu argumentieren. Der Stern-Herausgeber und Miterfinder des von Gruner + Jahr gestifteten Preises erklärte zu Appelbaum: „Wir respektieren es natürlich, wenn er den Preis wieder von sich weist. Aber es war immer bekannt und ist oft beschrieben worden, dass Henri Nannen, wie viele andere deutsche Journalisten seiner Zeit auch, als junger Mann Soldat im Zweiten Weltkrieg war.“

Die Formulierung will Appelbaums Kritik entkräften, indem sie ihr den Neuigkeitswert abspricht. Der eigentliche Witz besteht aber darin, dass Osterkorn damit zugibt, die Benennung des Preises in vollem Bewusstsein von Nannens Nazi-Opportunismus vollzogen zu haben. Dass das die Botschaft wäre („Deutsche Journalistenpreise sind nun mal nach NS-Karrieristen benannt“), die die G+J-Öffentlichkeitsarbeit verbreitet wissen will, ist zu bezweifeln.

Vielmehr argumentiert Osterkorn wohl so, weil auf diese Weise immer argumentiert worden ist; weil sich das Problematische an der Kontinuität von Biografien aus der NS-Zeit im (west-)deutschen Selbstgespräch durch Beschwichtigen, Auslassen, Vergessen irgendwann angefühlt haben mag wie Aufarbeiten, Reflektieren, Abschließen. Appelbaums Kritik zeigt den Segen der Globalisierung: Die Geschichten, die man sich jahrelang unter der Bettdecke des Nationalen erzählt hat, wirken bei Lichte betrachtet, ziemlich lächerlich. Das Kartenhaus der Selbstlegitimation (kein SS-Mitglied, nur ein paar Hitler konkret verherrlichende Artikel in einer Kunstzeitschrift) fällt durch Appelbaums Kritik (die von innen kaum hätte geäußert werden können) zusammen: Als Helden der NS-Jahre kriegt man Nannen einfach nicht erzählt.

Was nicht heißt, dass Henri Nannen sich nicht um die bundesdeutsche Presse verdient gemacht haben kann. Und weshalb es nicht schwerfällt, wie Appelbaum zwischen der Auszeichnung und ihrem Namen zu trennen. Zumal es den Henri-Nannen-Preis erst seit 2005 gibt. Vorher hieß der – wenn auch auf ein Genre limitierte – Preis nach Egon Erwin Kisch, einem Reporter, Juden und Kommunisten, der 1933 Deutschland verlassen musste. Der Kisch-Preis war Nannens Idee, und man darf nicht nur deshalb davon ausgehen, dass es in seinem Sinne wäre, etwa zu diesem Namen für die G+J-Ehrung zurückzukehren. Auf henri-nannen-preis.de wird Nannen zitiert mit dem Credo: „Ich finde, wenn man Journalist ist, dann will man doch die Welt ein bisschen durchsichtiger, verständlicher, ein bisschen weniger gemein, ein bisschen ehrlicher und offener machen.“


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/14.

Kommentare (4)

karamasoff 05.06.2014 | 05:18

„Ich finde, wenn man Journalist ist, dann will man doch die Welt ein bisschen durchsichtiger, verständlicher, ein bisschen weniger gemein, ein bisschen ehrlicher und offener machen.“

Angesichts dessen, was seit Monaten in der deutschen Presselandschaft so abgeht, und das betrifft sogar den Freitag, ist davon nicht mehr viel übrig geblieben.

99% der relevanten Informationen, z.B. über die Vorgänge in der Ukraine, sowie der offenenen, durchsichtigen ehrlichen und verständlichen Diskussion darüber, stammen von internationalen Zeitungen und Zeitschriften, Blogs usw..

Geht man den deutschen Blätterwald tagtäglich über Wochen durch ergibt sichein trostloses Bild. Weder werden interne deutsche Widersprüchlichkeiten vehement diskutiert noch überhuapt mehr als nur thematisch am Rand angekratzt.

Das Motto scheint zu lauten: Maul halten und Karriere schützen.

Als Seitenthema gilt dann in offensichtlicher Flucht der Leserschaft in "private" Blogs und Kommentarbereiche die ebenso offensichtliche wie peinliche Flucht der Profis in Diskussionen um ihre professionelle Vorherrschaft. Sry, aber langweilige und auf Regierungslinie getrimmte Schreibe ist einfach bocklangweilig.

Und darum gehts doch auch oder nicht, dem Gesättigten die Flucht aus der Langweile zu ermöglichen. Das hat zwar nicht mehr mit Kurt Hillers Begriff von der Weisheit derLangenweile zu tun, aber was solls: the game is the game. always.

just business man...

Matthias Dell 05.06.2014 | 14:59

u.a. Osterkorn, eben für G+J, wobei es sich nicht nur um eine Umbenennung handelt und der Kisch-Preis nicht völlig verschwunden ist, der Reportagepreis des Nannen-Preises heißt noch immer so. Formal, würde ich sagen, denn der Kisch-Preis als Kisch-Preis (also Verbalbedeutungsverleiherritterschlag) hat damit an Wert verloren. Man kann Gründe finden, dass die Nannen-Preise in den verschiedenen Genres (die abzudecken einem Reportername anscheinend nicht zugestanden wurde), man kann aber auch andersherum argumentieren - dass Nannen auf diese Weise geehrt werden sollte (und das heißt eben auch: im Wissen um seinen NS-Opportunismus)