Weißer Ritter an einem weißen Flügel

Im Kino Madonnas zweite Regiearbeit nach "Filth and Wisdom" von 2008 ist ein großer Quatsch. Einerseits.
Wally schwärmt von Wallis: Die Ehefrau von Edward VIII. war eine Außenseiterin mit bürgerlichem Migrationshintergrund
Wally schwärmt von Wallis: Die Ehefrau von Edward VIII. war eine Außenseiterin mit bürgerlichem Migrationshintergrund

Foto: Senator Film

Andererseits kann man an W.E. sehr schön sehen, was aus dem Film wird, wenn ihm das Kino als privilegierter Schauort verlorengeht. Lars Henrik Gass, der Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, hat gerade einen schmalen Band herausgebracht (Film und Kunst nach dem Kino, Philo Fine Arts), der in W.E. zahllose Belege für seine Lektüren finden könnte. W.E. erzählt auf zwei zeitlich verschiedenen Ebenen. Da ist zum einen, als Folie, die Geschichte von Edward VIII., dem Onkel der heute amtierenden Elisabeth II., der 1936 nur zehn Monate lang britischer König war, weil er die Liebe zu der bürgerlichen Amerikanerin Wallis Simpson der Krone vorzog. Die Abdankung Edwards VIII. ist bereits in Tom Hoopers Oscar-Gewinner The King’s Speech (Freitag vom 17. Februar 2011) beschrieben worden.

Dort drehte sich alles um den jüngeren Bruder, den stotternden König George VI. und dessen Pflichtbewusstsein, in der Dämmerung des Zweiten Weltkriegs trotz Unwillens zur Repräsentation neumodisches Sprechtraining zu nehmen, um seiner Bevölkerung dienen zu können.

Hier steht die märchenhafte Liebestat im Vordergrund, das Königreich auszuschlagen für die Frau des Lebens. Wo Edward in The King’s Speech als Filou erscheint, der mit den Nazis sympathisiert, zeichnet Madonna das Bild eines weißen Ritters (James D’Arcy) und modernisiert die Rolle der Wallis Simpson (Andrea Riseborough) als Außenseiterin mit Migrationshintergrund gegenüber herzloser Tradition.

Zum anderen spielt W.E. in der Gegenwart, in New York, wo Wally Winthrop (Abbie Cornish) über hemmungslose Wallis-Bewunderung die Emanzipation vom erfolgreichen, aber lieblosen Therapeutengatten (Richard Coyle) gelingt. Diese beiden Ebenen sind auf eine Weise zusammengetackert, dass man Madonna, die mit Alek Keshishian auch das Drehbuch verfasst hat, dramaturgisches Missgeschick attestieren könnte. Je länger der zu lange Film (zwei Stunden) aber dauert, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass es um eine zwingende Struktur nie gegangen ist. W.E. besteht aus lauter bunten Gefühlsvariationen, die sich auf Youtube einzeln als Stimmungsupdates hochladen lassen: die strenge Kennenlerntanzszene von Edward und Wallis, die Paris-Ausflüge von Wally, das turtelige Billard-Spiel mit ihrem Prinzen Evgeni (Oscar Isaac).

Die Historie evoziert Madonna als Imaginationen Wallys – die jeden Tag in eine Wallis-Ausstellung rennt, in der Evgeni als „russischer Intellektueller“ Sicherheitsdienst versieht – und inszeniert sie sonst als Schöner-Wohnen-bei-Hofe-Katalog, der auf einer Auktion verscherbelt wird. Geschichte heißt hier nur, was man auch kaufen kann wie den Schreibtisch, an dem Edward seine Abdankung unterschrieb.

Der größte Witz ist die Synchronisierung von Wally und Wallis, die W.E., durchaus genderbewusst, in die Liebe zum diesmal männlichen Außenseiter Evgeni verkehrt. Dessen Armut beweist sich an den pittoresk abgeschrubbten Wänden seines Lofts, in dem er an einem weißen Flügel so schön Klavier spielt. Die Revision des Märchens von der großen Liebe endet in der Korrektur des Glücksbegriffs: Der Verzicht auf die Krone hat Edward und Wallis ein einsames Leben im Exil eingebrockt, vor dem Wally gefeit ist durch finale Schwangerschaft. Die moderne Frau träumt von weißen Rittern nur, wenn sie auch für Nachwuchs sorgen.

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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