Matthias Dell
01.07.2009 | 20:00

Zappen durch Happen

Film Porno als Auffangbecken für gesellschaftliche Außenseiter und permanentes Kriegsgebiet für jeden Einzelnen: "9 to 5" wirft einen nüchternen Blick auf die Sexfilmbranche

Die Wahrnehmung von Pornografie schwankt zwischen Mythos und Banalität. Sie wird illustriert durch die Aussage des Münchner Dokumentarfilmers Jens Hoffmann: Pornos würden ihn, nachdem er an Sets gedreht und Darsteller kennengelernt habe, nicht mehr erregen. Die Filme haben, anders gesagt, ihr Geheimnis verloren durch den Versuch, es zu erkunden.

9 to 5. Days in Porn heißt Hoffmans Dokumentation. Der Titel des Films gibt einen Hinweis auf eine kritische Nüchternheit, die ihn besonders macht. Eineinhalb Jahre hat Hoffmann im kalifornischen San Fernando Valley gearbeitet, der Nachtseite von Hollywood. Über die Beziehung von glamourösen Mainstream-Kino und schmuddeligen Mainstream-Porno informiert 9 to 5 beiläufig: Eine Protagonistin ist Sasha Grey, die angesichts der Klischees über Pornodarstellerinnen einen bemerkenswerten Kunstanspruch behauptet und sich mit Labeln schmückt, die Verbindungen in die Populärkultur herstellen (Existenzialismus, Godard, Throbbing Gristle). Diese Sasha Grey ist auch die Hauptdarstellerin in Steven Soderberghs (Che) gerade in Amerika gestartem Film The Girlfriend Experience. Ein anderes Indiz ist das von Jack Warner erbaute und einst von Clark Gable bewohnte Waldhaus, das in 9 to 5 von dem Porno-Paar Otto Bauer und Audrey Hollander bezogen wird.


Dieser Umzug bezeichnet eine Schieflage, die für die Industrie charakteristisch ist: Wenn man es als Pornostar auch nicht an öffentlicher Reputation mit den großen Namen aus Hollywood aufnehmen kann, auf finanzieller Ebene funktioniert die Gleichstellung problemlos. Folglich ist 9 to 5 immer wieder ein Film über das Geld. Er zitiert Zahlen, die schwindlig machen: 13.000 Filme werden jährlich im Amerika produziert (in Hollywood sind es gut 1.000), 12,7 Milliarden Dollar umgesetzt; junge Männer geben in den USA statistisch mehr Geld für Pornografie als den Besuch von Sportveranstaltungen aus.

Leider erwächst daraus kein weiterführendes Interesse, das die Nähe von Porno und kapitalistischer Wirtschaft beleuchten wollte. Hoffmanns Bestandsaufnahme versucht sich an einer mentalen Beschreibung der amerikanischen Pornoindustrie. Dafür werden zahllose Protagonisten vorgestellt, die etwas unentschieden mit den Attributen der Branche versehen sind: das Paar, das Idol, die Legende, der Agent und so weiter. Sichtbar wird eine Welt, die in expliziterer Weise als das „normale“ Berufsleben von unverstellten Anforderungen eines Kapitaldarwinismus geprägt ist. Sie erscheint in 9 to 5 zwiespältig: Porno ist immer Auffangbecken für gesellschaftliche Außenseiter und permanentes Kriegsgebiet für jeden Einzelnen zugleich. Der Kampf um die Selbstbehauptung führt bis an die Ränder dieser Industrie, an denen ehemalige Darstellerinnen die Gesundheitsvorsorge optimieren.

9 to 5 leidet unter der Vielzahl der Pfade, die er betritt, weil er sich für keinen recht entscheiden kann. Hoffmanns Erzählungen sind eine Materialsammlung, aus der eine Geschichte – sei es die ökonomische, die mediale oder die persönliche – erst zu extrahieren wäre. Insofern gleicht die Struktur des Films der des Pornokonsums: Statt auf Narration setzt der Film auf das Zappen zwischen den Happen.

9 to 5. Days in Porn Ab 2. Juli in Berlin, Dresden, Nürnberg, Kassel, Freiburg, Köln