Wenn nichts mehr bleibt.

Salamitaktik. Abschnittsweise Reaktionen sind einfach unausbleiblich. Jedenfalls solange, wie auch etwaige Anschuldigungen in größeren Abständen erhoben werden.
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Fehlverhalten muss selbstverständlich aufgeklärt werden.

Wenn am Ende jedoch nicht so viel dran war, dann kommt des öfteren: Verdächtig bleibt ja, dass er immer nur „scheibchenweise mit Informationen rausrückte“.

Ärgerlich. Denn dieser, in unterschiedlichen Kommentaren immer wieder auftauchende, meist abwertend und moralisch verbrämt als Vorwurf eingesetzte Begriff der „Salamitaktik“, wird gerne mal in eigentlich unpassenden Zusammenhängen benutzt.

Bisher eher wachsam scheinende Frauen, wie etwa Jutta Dittfurth, Heide Simonis, Anna von Bayern und Marina Weisband äußerten sich, vollkommen unabhängig voneinander, im vergangenen Jahr sinngemäß so. Zumindest meiner Erinnerung nach, waren sie in der "jetzt-treiben-wir-mal-alle-den-Wulff-Zeit", in entsprechenden Talkshows mit dieser Einschätzung unterwegs. Und einige Namenlose in unterschiedlichen Kommentarspalten, wiederholen diese "Weisheit" bis zum heutigen Tag.

Dazu eine konstruierte, aber vielleicht erklärende Geschichte:

Mal angenommen, ich lasse in einem lockeren Gespräch mit Ihrer, zur Eifersucht neigenden Frau, einfließen, was Sie doch für ein besonders attraktiver Mann seien.

Nach Tagen streue ich in Ihrer Familie, Sie wären mit einer jungen Frau vorm Stadthotel gesehen worden.

So. Damit wäre der Argwohn ersteinmal geweckt.

Irgendwann beginnt Ihre Frau sie genauer zu beobachten und spricht, eher unauffällig fragend, Bekannte und Verwandte an.

Tage später haben Sie sich angeblich beim Verlassen der Toilette, auffällig an der Innenseite der Hose gezupft. Das meint zumindest ein Kollege.

Ihrer Frau fällt auf, dass Sie häufiger duschen.

Beinahe jeder ist über kurz oder lang vom Forscherdrang angesteckt. Alle Ihre Schritte werden genauestens beobachtet und man versucht zudem, sich an zurückliegende Vorfälle zu erinnern.

Dann werden Sie am Wochenende von Ihrer Frau mit den „Anschuldigungen“ konfrontiert und sind natürlich vollkommen überrascht. Ihnen werden Punkt für Punkt die Anwürfe vorgetragen. An die meisten Situationen können Sie sich nicht erinnern, suchen jedoch nach Erklärungen. Eine auswärtige Mitarbeiterin haben Sie beim Stadthotel abgesetzt, fällt Ihnen wieder ein und ein juckendes, eingewachsenes Schamhaar nervt zu Zeit ziemlich und wegen der schwülen Witterung duschen sie auch gern mal zwischendrin. Sie würden am liebsten alles auf einmal ausräumen, können jedoch Ihre Frau letztendlich nur beschwichtigen.

Im Hintergrund läuft die „allgemeine Fehlersuchmaschine“ nun ganz von allein weiter und es werden nach und nach auch die fadenscheinigsten „Vorfälle“ in die Familie getragen.

Eine Woche später werden Sie angeblich mit einer anderen Frau gesehen. Sie hätten Sie umarmt. Wie sich herausstellt, waren Sie mit ihrer Mutter unterwegs.

Ihre Frau will nun „Alles“ wissen. Es wird telefoniert und Sie kriegen das einigermaßen wieder hin. Aber die Stimmung ist auch dahin.

Bald darauf hätten Sie auf offener Straße, ihre Hand, wie schützend vor Ihren Genitalbereich gehalten und wären merkwürdig gebeugt unterwegs gewesen, berichtet Ihre Nachbarin.

Sie können auch diese Beobachtung erklären. Denn Sie hatten sich kurz vorher empfindlich an einem parkenden Auto gestoßen.

Und wenn solcherart willkürlich Zusammengetragene Beobachtungen über Wochen den Alltag bestimmen, werden Ihre Verteidigungsleistungen vermutlich nach und nach schwächer.

Sie sind irgendwann zu recht sauer und haben auch keine Lust mehr, sich zu rechtfertigen oder Stellung zu beziehen. Sehen aber andererseits, dass das Misstrauen immer weiter wächst.

Sie wehren dann vielleicht noch zwei oder drei zusammengesuchte, aber unhaltbare Vorwürfe der Reihe nach ab.

Irgendwann lassen Sie sie jedoch allesamt einfach reden.

Und wenn dann am Ende an den Unterstellungen nichts weiter dran war, die Ehe jedoch mittlerweile zerüttet ist, dann kommt er, dieser Satz: Verdächtig bleibt ja nach wie vor, dass er immer nur „scheibchenweise mit Informationen rausrückte“.

Ja, wie denn sonst, bitteschön?!

Genauer betrachtet, wenden wir die „Salamitaktik“ wohl viel häufiger an, als allgemein angenommen wird. Man möchte beinahe meinen, sie zöge sich unauffällig durch unser gesamtes, unverdächtiges Leben.

Salamitaktik. Das Wort wird in unterschiedlichen Zusammenhängen und Konnotationen verwendet. Im Projektmanagement wird mit dem Begriff Salamitaktik die „gute Möglichkeit“ beschrieben, „großen Aufgaben ihren Schrecken zu nehmen“, indem man sich die einzelnen Bestandteile der Aufgabe verdeutlicht und sie „Scheibe für Scheibe“ abarbeitet.

In der Politik (z. B. Tarifverhandlungen) wird der Begriff meist abwertend für den Verhandlungsstil derjenigen Verhandlungspartei verwendet, die an einer Veränderung der Verhältnisse im Sinne des erklärten Verhandlungsziels kein Interesse hat.

Der Vollständigkeit halber: Ich bin wahrhaftig kein "Wulff-Fan"!
15:17 14.01.2013
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Geschrieben von

Meyko

Mein BUCH DES JAHRES 2018 "Happen" wurde durch den weiteren Band "Happen II"ergänzt. (Homepagelink unten - Meyko 2018)
Meyko

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