Bildet Lesekreise!

Trend Ein Buch lesen? Ach nö! Falsch: Warum für Buchfreunde das Bewährte jetzt genau das Richtige ist
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Event statt Einsamkeit – die Buchkultur tendiert derzeit zum Lesen lassen statt Lesen

Foto: H. Armstrong Roberts/Retrofile/Getty Images

Auf die Kinder kann man in dieser Sache nicht bauen. Das einzige Buch, das der zehnjährige Sohn bisher freiwillig gelesen hat, ist Gregs Tagebuch. Er betrachtete seine Lektüre als quantitative Leistung: Heute Abend 70 Seiten geschafft! Der Grund für sein hohes Tempo lag in den Schulfreunden, die schon einen Band weiter waren. Der Versuch, mit ihm über den Inhalt zu diskutieren, gab dagegen Immanuel Kants harscher Analyse von Geschmacksurteilen recht: Die Aussage „Das ist super!“ enthält keinen logischen oder vernünftigen Kern, auf dem man argumentativ aufbauen könnte. Allerdings: Einen deutschsprachigen Gegenwartsroman zu lesen, weil ihn die andern auch lesen, das war lange ein wichtiger Grund auch bei den Erwachsenen. Der neue Grass, die neue Christa Wolf durfte man nicht verpassen. Dieses Motiv wird immer öfter hinfällig. Man muss den diesjährigen Gewinner des Deutschen Buchpreises, Die Hauptstadt von Robert Menasse, nicht gelesen haben. Wäre Die Hauptstadt kein Buch, sondern eine TV-Serie, sähe es natürlich anders aus. Endlich eine Serie, die das Langweilerthema Europa spannend, unterhaltsam und lehrreich an die Leute bringt!

Das mittlere Segment

Es werden also weniger Bücher gelesen (nicht zu verwechseln mit: gedruckt), jedenfalls selbst und im stillen Kämmerchen. Die öffentlichen Lesungen und Literaturfestivals boomen dagegen, wie die taz gerade festgestellt hat. Dirk Knipphals zitiert den Verleger Helge Malchow, der sagt, dass das Medium Buch ohne Lesung gar nicht mehr wahrgenommen würde. Außerdem kompensiere die Lesung die Sehnsucht nach einem mündlichen Erzählen, das es so nicht mehr gebe.

Mag sein, es bleibt dabei: Event statt Einsamkeit. Das Buch löst sich in seine Kontexte auf, was man auch anhand der Flut von Literatur-Adaptionen auf den deutschen Bühnen belegen könnte. Das reine Lesen wird dagegen mehr und mehr zur Angelegenheit einer Minorität. Am heftigsten hat unter dem Rückgang des Lesens das „mittlere Segment“ der Belletristik zu leiden: Romane, die interessant, aber eben nicht zwingend erscheinen. Und in die Spiegel-Bestenliste kommt man heute schon mit ein paar tausend verkauften Exemplaren.

Resilienz

So weit die Entwicklung der Buchkultur als Verfallsgeschichte. Aber es ist wie mit dem Radio. Mögen sie sonst progressive Einstellungen haben, als Hörer und Leser verhalten sich viele Menschen konservativ. Ihre Resilienz negiert oder verlangsamt zumindest den medialen Wandel. Das Radio steht in der Küche, der Kindle müsste mal wieder geladen werden (und Sie lesen diesen Text gerade in der Zeitung!). Dazu passt: Der E-Book-Verkauf stagniert in Deutschland, dieses Jahr waren die Zahlen bisher sogar leicht rückläufig. Mag sein, dass sich der Trend bald wendet, man wird noch lange Leute finden, die beim älteren, weil eben bewährten Nutzungsverhalten bleiben. Man nennt das Tradition.

Die betrifft nicht nur die Rezeption, vulgo: das Lesen eines Buchs, sondern auch die Verarbeitung seiner Leseeindrücke. Man liest die Rezensionen: In der FAZ steht eine hanebüchene Kritik von Robert Menasses Roman. Das Buch schwanke zwischen „Satire und Erzählung“! Ja genau! Wie Musil. Genau so muss man doch über Europa schreiben, du Nuss, rufe ich im Stillen dem Kritiker zu. Das weitere Vorgehen: Es gelingt mir, die Frau in ein Streitgespräch zu verwickeln, ich mische mich bei Facebook in eine Diskussion ein ... Aber noch besser: endlich einen Lesekreis gründen. In Bücherfragen kann es eigentlich gar nicht altmodisch genug zugehen.

06:00 13.10.2017
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