Michael Angele
12.10.2011 | 17:54 26

Auf den Spuren von Peter Handke

Pilgerreise Auf nach Chaville, wo der Meister lebt. Dokument einer Reise an die Peripherie (mit großem Bildteil!)

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Michael Angele

Es war ein herrlicher Tag, als ich im Herbst vor zwei Jahren auf den Vorplatz des Bahnhofs von Chaville trat. Ich stellte mir vor, wie mein Held Peter Handke an gleicher Stelle steht und dann ...

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... in seinem berühmten Hüpfschritt die Brasserie über den Platz ansteuert. "Wir haben immer einen Tisch frei für den schweigsamen Deutschen", sagte mir der Kellner der Brasserie. "Er ist doch Österreicher", versuchte ich ihn zu korrigieren. Aber der Kellner winkte ab. "Gast ist Gast." Ich fragte ihn, ob Handke an diesem Tisch auch schreibe, und bekam eine so präzise Antwort, dass ich vor Verblüffung in die Hände klatschte:

"Die Seiten 46 bis 85 der 'Morawischen Nacht' sind an diesem Tisch entstanden. Genug. Meistens schreibt er ja in der Bibliothek. Versuchen Sie dort ihr Glück."

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Ich ging zur Bibliothek von Chaville, die mich durch ihre Größe beeindruckte. Sie wurde 1975 unter dem kommunistischen Stadtpräsident Alphonse Crétier erbaut:

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Die wichtigsten Werke Handkes sind in dort der Freihandbibliothek zu finden.

http://img820.imageshack.us/img820/624/handke4.jpg

Handke hat eigenen Schreibtisch. Er hat feste Schreibzeiten: von Montag bis Freitag 9.00 bis 12.00. (Besucher bitte vorher am Counter anmelden).

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Der Nachmittag eines Schriftstellers ist dann bekanntlich anderen Aktivitäten vorbehalten:

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Zurück von meinem Spaziergang durch das Wäldchen von Chaville, in dem Handke seine Pilze sucht, kam ich durch die kleine Banlieu, in der sich auch das serbische Kulturzentrum e.V. befinden soll:

http://img8.imageshack.us/img8/745/handke10.jpg

Und wieder in der Innenstadt traf ich auf den Schuster Raffi. Er ist es, der Handkes Schuhe neu besohlt, wenn dieser von einer großen Wanderschaft zurückkehrt:

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Meister Raffi glaubte auch zu wissen, wo Handke wohnt. Mit ausladender Geste wies er auf die andere Straßenseite und sagte: "In diesem völlig verrückten, mich immer wieder zu Tränen rührenden Haus da drüben":

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"Warte, Journalist", sagte Meister Raffi, als ich zu dem Häuschen enteilen wollte, und packte mich am Ärmel meiner Barbourjacke . "Dort geht Mme Leclaud. Sie putzt seit vielen, vielen Jahren bei Handke. Aber sie ist alt geworden, sehr alt. Wir sorgen uns alle, ob sie ihren Pflichten noch nachkommen kann!"

Es hatte ja Aufregung gegeben nach der Veröffentlichung eines Bildbandes über Handkes Haus. Im Inneren herrschte eine fröhliche Unordnung und man sah wohl auch den einen oder anderen Müllhaufen.

Aber nun rasch zu Mme Leclaud!

http://img545.imageshack.us/img545/4701/handke7.jpg

Mme Leclaud winkte barsch ab, als ich sie ansprach. Ich wollte nicht respektlos sein und eilte zu dem verrückten Häuschen. An der Klingel stand ein anderer Name, aber eigentlich, so denke ich heute, muss das nichts heißen.

Unterdessen war es spät geworden in Chaville:

http://img809.imageshack.us/img809/5235/handke13.jpg

Und so langsam fragte ich mich, ob ich das Haus von Handke, geschweige denn diesen selbst, jemals zu Gesicht bekommen würde. Mir wurde bange und schwindlig von dem vielen Herumgehen und ich kam auf die absurdesten Gedanken. "Hier baut er also", dachte ich zum Beispiel:

http://img708.imageshack.us/img708/5631/handke15.jpg

Oder "da, der in der Mitte rechts, das ist er doch. Der Verfasser der drei Versuche – Versuch über die Juxbox, Versuch über den geglückten Tag, Versuch über die Müdigkeit – hat also lokalpolitische Ambitionen, wer hätte das gedacht."

http://img197.imageshack.us/img197/5874/handke14.jpg

Verdammt, hieß es nun "Versuch über die Müdigkeit" oder nicht? Schließlich wurde ich so kirre ...

http://img718.imageshack.us/img718/7603/handke8.jpg

...dass ich ihn fast verpasst hätte.

Er wartete auf den Bus nach Paris, der dann auch gleich kam. Ob er in einem seiner eigenen Bücher las oder nicht, wird sich wohl nie klären lassen.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (26)

Columbus 12.10.2011 | 22:04

Lieber Michael Angele,

Schön und schad´, dass die herrlichen Tage von Chaville, damals noch auf den Spuren ihres literarischen Lebensabschnittshelden, nur so Randy-handy sind. Diese Bahn-Lieu kommt aber dadurch noch besser heraus, und auch der Aufwand, der nötig ist und nötig wäre, diesen ganzen Unorten eine Handke-Geschichte entgegen zu setzen. Selbst der Baumpilz sträubt sich gegen das große Fressen mit Unbekömmlichkeit.

Keine Krause Glucke ist es, die Frau Leclaud auf den Tisch des Waldmenschen hätte legen können, zu guter Mittagsspeise. Und trotzdem: Sie, lieber Michael Angele, mussten nur die Straßenseite wechseln und schon stand er an der Halte, still.

Ein ganz kräftiger Look-alike, ein Wunschtraumhandkescher des Journalismus, mit kräftigem Kreuz und muskulären Armen, wenn es nicht in Wahrheit die eines chronischen Rheumatikers waren. Lesekyphose und Bauchlordose, verschämt aus dem Off, mit dem Smartphone. Den hab´ ich.

Eigentlich bestätigt die Geschichte nur, warum wir Handke so nötig haben und auf manchen Schimmel, der nur White noise erzeugt und keinen Busch mit tragenden Früchten vorweisen kann, der es nicht einmal zu einem eßbaren Pilz bringt, eher verzichten sollten.

Vorstädte wie Enklaven. Nein, Vorstädte aus dem Autoklaven. Keimfrei, transeuropäisch, ausgetrocknet, an den schönsten Tagen eines Sommers vor zwei Jahren. Enklavenbewohner merkt euch wenigstens das Motto: Die Todestrafe ist erst abgeschafft, wenn die Orte wieder was bedeuten. Sonst bringen sie uns nur zu vereinigten Untaten.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Columbus 13.10.2011 | 01:54

Musste leider so sein, liebe Frau Neumann.

Das war für die Kenner des Handkeschen Theaters. "Enklavisten" und das hier von mir stark abgewandelte Todestrafe-Zitat, stammen aus dem damals umstrittenen, von Peymann auf die Bühne gebrachten, Theaterstück "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", einem "Königsdrama".

Handke wurde und wird für seine "Serbientreue" zu Recht angegriffen. Aber die Massaker und Übergriffe hat er keineswegs gerechtfertigt und gut geheißen und seine Literatur verherrlicht weder Gewalt, noch Potentaten. Aber sie erhöht, wenn man so will, die Eigenartigkeit von Orten und Menschen, die sich eben nicht immer ähnlicher werden sollen und auch nicht immer gleichmäßiger im Repertoire der kulturellen Muster und Bilder.

Liebe Grüße und gute Nacht
Christoph Leusch

kommissar.kuckuck 13.10.2011 | 19:30

"Der Verfasser der drei Versuche – über die Juxbox", " den geglückten Tag" , und die Müdigkeit" – hat also lokalpolitische Ambitionen, wer hätte das gedacht." - Ja, das stimmt schon, da er vor Hunden Angst hat - wie man es aus Handke's vielen Wanderschaft Berichten erfährt - hat er sich auf die Liste für den Hunde Faenger eingeschrieben. Diese Nachricht stimmt genau so wie die anderen lustigen von Herrn Angele, der wohl nicht in den wirklich wilden Foret Chaville getraut hat, und von dort bis nach Clamart/ Meudon gewandert ist, so 10 km, und den Ungeheuern die im DER GROSSE FALL

goaliesanxiety.blogspot.com/2011/07/peter-handkes-latest-novel.html

beschrieben werden begegnet ist! Aber schon schön Bilder von dem so modernen Chaville zu haben!

> www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name

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helena-neumann 13.10.2011 | 20:40

@ Streifzug
...ach, doch kein Freud'scher :)

Nee, diesmal war weder ein Freud'scher noch mein schlechtes Deutsch daran schuld, 'war nur so ne kurzzeitige Entgleisung.

Es gibt hier wie anderswo ein klares Bild von oben und unten - von wegen Humor und so! Dafür sorgen die threads. In der Hinsicht sind „die da Oben“ und „die da Unten“ richtig gut aufeinander eingespielt, nicht wahr? 'Hatte das kurzzeitig vergessen.

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helena-neumann 13.10.2011 | 20:51

Lieber Columbus,

wie schon an anderer Stelle gesagt, fällt es mir nicht immer leicht, Ihren Pfaden zu folgen und so habe ich Sie im letzten Punkt gründlich missverstanden.
"Aber die Massaker und Übergriffe hat er keineswegs gerechtfertigt und gut geheißen und seine Literatur verherrlicht weder Gewalt, noch Potentaten"

Ich habe die Handke-Debatte gründlich verfolgt und stimme Ihnen nun auch im letzten Punkt zu. Handke ist kein Gewaltverherrlicher!
Danke für die Aufklärung, ganz unironisch.

Salut und einen schönen Abend
HN

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helena-neumann 14.10.2011 | 02:03

@ Streifzug,
"oben und unten", "die da Oben" und "die da Unten",

das ist mir zu schrill, ich liebe die feinen Zwischenzeilentöne."

Na klar! Wusste ich es doch. Sie haben Humor !

00:26 Streifzug
"abghoul, jetzt, wo kein Schwein mehr guckt, kann ich es dir verraten. Das ist kein Eichhörnchen, das ist doch Peter Handke"

Sorry, ich hatte das Vergnügen, Ihren Blog zu lesen! Andere Subtilitäten erspare ich uns.

Ihre
HN

Columbus 14.10.2011 | 02:51

Sie haben aber Recht. So dick soll man nicht auftragen, sondern erklären. Ich fand nur die Assoziation so gut, dass ein Ort, ein Non-Lieux, eben auch Menschen mit dem Tode bestrafen kann.

Die Berliner unter den Lesern und sicher auch Wolfram Heinrich und der Michael Angele, der Chef der Literatur-dF, aus der Schweiz, kennen ja den "Pinselheinrich", gen. Zille, der das prominent betont hat, bezogen auf das Mietskasernen und Hinterhofelend seines geliebten Milieus: "Man kann einen Menschen auch mit seiner Wohnung erschlagen."

Dazu passt die bisher einzige, mir bekannte, allgemeine Monografie zu den "Orten und Unorten", von Marc Augé, (ca. 80er Jahre). Das ist ein sehr lehrreiches Thesenbuch und daran haben sich auch eine Menge Untersuchungen zu solchen Unorten angeschlossen, z.B. über Frankfurt am Main (101 Unorte), oder unter bestimmten Aspekten wie Sicherheit (TGs, Bahnhofsunterführungen), wie Labyrinthhaftigkeit, Offenheit und Identität von Orten. Handke kämpft für solche Identitäten und Eigenwelten.

Ein Teil der Integrationsdebatte krankt z.B. daran, dass es Deutschen und Mitteleuropäern allgemein schwer fällt, wirklich sozioökonomisch gemischte Stadtviertel länger zu akzeptieren, die doch sozial verbinden würden.

Andrej Holm und sein professoraler Lehrer, aber auch die ganze sonstige Stadtsoziologen-Fachwelt schreiben sich die Finger am Thema wund, aber Leute mit ein wenig ökonomischer Freiheit entscheiden sich meist für den leichten Weg in die Viertel-Segregation und verschärfen damit den Konflikt, den sie für sich einfach von ihrem Leben abspalten. - Später werden dann die bösen Viertel, die man selbst noch ein Jahrzehnt vorher bewohnte, zur Abschreckung im "Reality-TV" gezeigt und die Schimpfe setzt ein.

Was mir noch einfiel, was aber ein wenig sentimental klingt, obwohl es den Punkt genaus trifft, das ist Oscar Wildes Geschichte vom selbstsüchtigen Riesen, der seinen Garten nicht mit den Kindern teilen möchte, weil ihm seine sieben Jahre beim labernden, menschenfressenden Riesenfreund auf Cornwall so zermürbt hatten.

Vielleicht kann das der Film besser, solche Unorte zu zeigen, und das was sie mit den dort lebenden Leuten machen. Z.B. "Brazil" von Terry Gilliam oder der "Stalker" von Tarkowski, manche Filme von Wenders.

Liebe Grüße und gute Nacht
Christoph Leusch

kommissar.kuckuck 14.10.2011 | 16:17

ach ja paulart, dein kommentar kommt ja nicht von irgendwo, der hat dir viel gekostet! ich erinnere mich an dein biewsen der verhoe von tjudman, isobetgewish, etc.!

I've made another Handke Album available, entitled Chaville, with photos of that ban-lieu and of Handke's house, interior and exterior, covers of works written there since 1990, a couple dozen, not that extraordinary if you realize that Handke needs to write about 1000 words a day, and some other stuff..https://plus.google.com/photos/106505819654688893791/albums/5626292238954112465?hl=en_US

others are: picasaweb.google.com/mikerol/HandkeDrama?authkey=Gv1sRgCOTfj7uY3emmMw#

https://picasaweb.google.com/106505819654688893791/PHOTOSOFPETERHANDKERELATEDMATERIAL

https://picasaweb.google.com/106505819654688893791/IMMERNOCHSTURMPHOTOSFOREVERSTORM

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helena-neumann 14.10.2011 | 20:23

@Sie haben aber Recht. So dick soll man nicht auftragen, sondern erklären. Ich fand nur die Assoziation so gut, dass ein Ort, ein Non-Lieux, eben auch Menschen mit dem Tode bestrafen kann.

Lieber Columbus,

danke für die Erklärung!

Bleiben Sie bitte bei Ihrem arabesken Denkstil!!!
Ich hätte ja auch fragen könne: „Bitte, was meinen Sie damit?“, nicht wahr. Ich war da zu voreilig.

Ein schönes Wochenende
wünscht Ihnen
Ihre
Helena Neumann