Die Politik der exakten Fantasie

Vorbildlich Zwar fliegt noch kein Flugzeug vom BER, aber die Zukunft ist schon komplett durchgeplant
Ausgabe 35/2017
Nicht im Bild: Das unaufhaltsame Wachstum des BER – alles dank exakter Fantasie
Nicht im Bild: Das unaufhaltsame Wachstum des BER – alles dank exakter Fantasie

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Bislang stand nur fest: Der neue Berliner Flughafen sollte längst in Betrieb sein, aber er ist es nicht. Und es war nicht abzusehen, wann er es sein wird. Letztes Jahr hieß es noch 2018. Anfang 2019, sagte der Regierende im Juli dieses Jahres. Aber schon im August zitierte die Presse aus „vertraulichen Dokumenten“, vor Herbst 2019 werde es nichts. Das ist allerdings nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere Seite war bisher nur der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft bekannt. Seit Montag ist sie öffentlich. Es ist nämlich so: Der BER ist zwar noch nicht in Betrieb, aber er wächst und wächst, die 22 Millionen, die er bei Eröffnung anno Tobak abgefertigt haben wird, reichen nicht. Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass im Jahr 2035 exakt 58 Millionen Passagiere abgefertigt werden können. Dazu wird ein neuer Abfertigungsbereich mit einer 10.000 Quadratmeter großen Halle gebaut werden. Diese Halle wird 2021 in Betrieb gehen. Der weitere Ausbau wird in fünf Etappen erfolgen.

„In der zweiten Phase soll dann bis 2025 die erste Stufe des neuen Terminals T2 an der Ostseite des Willy-Brandt-Platzes entstehen – für zunächst zehn bis zwölf Millionen Passagiere. Wie im Hauptgebäude soll es hier auch wieder einen ‚Marktplatz‘ mit Geschäften und Gastronomie geben. (…) Und auch das „Personentransportsystem (PTS) zur Airport-City und den neuen Parkhäusern soll dann fertig sein. Die Kapazität 2025 reicht dann für insgesamt 43 Millionen bis 45 Millionen Passagiere.“

Alles durchgeplant. Allein die Frage, ob das neue automatische Transportsystem eine „Magnetbahn oder eine Kabinenbahn“ sein wird, ist noch offen. Aber, Freunde, daran wird es nicht scheitern! Nun gibt es böse Stimmen, die sagen, dass dieser Masterplan absichtlich jetzt bekannt wird. Denn in vier Wochen stimmt man in Berlin über die Zukunft des Flughafens Tegel ab. Und wer könnte jetzt noch, wo alle Probleme gelöst sind, für dessen Weiterbetrieb sein?

Ach ja, Berlin, höre ich sagen. Aber es geht um mehr! Um den Siegeszug der exakten Fantasie in der Politik. Das neue Narrativ. Auf jede Baustelle anwendbar. Renten: Keine Ahnung, ob sie sicher sind, aber klar ist, dass das Rentenniveau 2038 bei 67,34 Prozent stehen wird. Die Erhöhung erfolgt in fünf Etappen. Integration: Keine Ahnung, wie das genau laufen soll, aber klar ist, dass 96 Prozent der anerkannten Flüchtlinge 2023 eine feste Arbeit haben werden. Die Eingliederung erfolgt in fünf Etappen. Kita, Krankenkassen, Kommunen: dito.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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