"Gleichheit ist langweilig"

Interview ‪Konservative nennt sie "‬lammfromme, biedere Rechte". "Gutmenschen" ekeln sie. Gespräch mit Ellen Kositza, der Intellektuellen der angeblichen konservativen Revolution
"Gleichheit ist langweilig"
Hier fühlt sich der Rechte wohl
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Zur Person

Ellen Kositza, 44, gilt als die wichtigste Denkerin der Neuen Rechten. Sie war als freie Autorin für die Junge Freiheit tätig, ist seit 2008 Redakteurin der Zeitschrift Sezession und gehört zu den Gründern des Netz-Tagebuchs Sezession im Netz, beides Publikationen, in denen völkische und jungkonservative Texte erscheinen. Mit ihren sieben Kindern und dem Ehemann - der ebenfalls neurechten Galionsfigur - Götz Kubitschek lebt sie in Schnellroda (Sachsen-Anhalt). Dort sind die beiden maßgeblich beteiligt am "Institut für Staatspolitik", einer Kaderschmiede für Identitäre, deren Ziel es ist, eine rechte Elite für die – wie sie es nennen – jungkonservative Revolution auszubilden. Mehrere Hundert ausgewählte junge Leute sollen die Akademie besucht haben.

der Freitag: Frau Kositza, was haben Sie zuletzt Gutes in einem linken Blatt gelesen?

Ellen Kositza: Heute habe ich Christine Otts vielhundertseitigen Schinken Identität geht durch den Magen fertiggelesen. Die Frau Prof. Ott betrachtet die „Mythen der Eßkultur“ durch eine dezidiert linke Brille. Alles wird gegendert, alles auf eventuellen Rassismus, auf Kolonialismus beäugt. Total dekonstruktivistisch! Teilweise ist das direkt zum Lachen. Aber ich hab auch enorm profitiert von der Lektüre. Beispielsweise schreibt Ott über die „Kommodifizierung des Anderen“, also diesen Zeitgeist, das Fremde durch einen Konsumdiskurs zu domestizieren. Und daneben haben wir das, was sie kritisch die „Fossilisierung“ der eigenen Traditionsbestände nennt, Folklore, Nostalgie.

Und Zeitungen?

Linke Literaturkritik lese ich regelmäßig. Die Buchmessenbeilagen der jungen welt heb ich mir immer eine Weile auf. Wir Rechten sind zwar, sagt man doch, Kulturpessimisten, aber es gibt kaum einen rechten Zugriff auf aktuelle Belletristik, aufs Bühnengeschehen. Was bleibt da, außer Linkes zu lesen? Manchmal gibt es ja Übereinstimmungen im Ästhetischen.

Machen wir den Sprung zur Kapitalismuskritik: Sind Gregor und Otto Strasser für Sie Vorbilder, die den antikapitalistischen und sozialrevolutionären Flügel der NSDAP formten?

Erstens, Politiker als Vorbild, das ist fast absurd. Zweitens: Die Gemengelage in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Finanzsektor läßt sich heute doch gar nicht mit der vor 80 Jahren vergleichen! Ich denke auch, das heutige Proletariat ist nicht, was es war. Heute sehe ich da dicke Menschen mit Plastiküberzügen am Leib und Trillerpfeife im Mund vor mir. Da empfinde ich wenig Solidarität. Drittens: Nicht obwohl, sondern weil ich ein sogenanntes Arbeiterkind bin, also familiär die erste mit akademischer Erfahrung, hab ich ein Herz für libertäre Entwürfe. Oder sagen wir, ich schwanke. Das taten die Strassers ja auch.

Ein Arbeiterkind, das nach rechts rückt, das erinnert an die Thesen des linken französischen Autors Didier Eribon über die von der kommunistischen Partei zum Front National strömenden kleinen Leute. Wären Sie heute noch links, wenn es eine proletarische Kultur gäbe?

Gute Frage und ein irrer Zufall! Es ist nämlich so, abends gibt es für meine Kinder immer ein halbes Vorlesestündchen. Gerade lese ich erneut aus Lisa Tetzners Die Kinder aus Nr. 67 vor, spielt in den frühen Dreißigern. Wie sie die Nöte und die Stärken der sogenannten kleinen Leute beschreibt, Hunger, Elend, Trotz und Solidarität, das ist kein Sozialkitsch, das berührt ganz tief. Ist es nicht ein Mißverständnis, daß das Proletariat genuin links ticke? Haben Sie mal mit ostdeutschen Linkenwählern gesprochen? Ich kenne solche Leute aus meinem dörflichem Umfeld und hab andere Typen auf PEGIDA-Demonstrationen kennengelernt. Mir scheint irgendwie, die haben ihren Sozialismus niemals anders als in nationalen Kategorien gedacht. Die sind in vielen Punkten radikaler als ich. Aber zurück zu Ihrer Frage, intaktes Proletariat. Das hieße, es lägen schreiende Ungerechtigkeiten vor. Dann: ja. Heute sehe ich das aber nicht. Ich bin kein Gleichheitsfanatiker. Gleichheit ist langweilig.

Sie sagen, dass Sie das Moralinsauere an der Linken nervt. Stichwort: Der „Gutmensch“. Den fand ich auch mal doof. Heute nervt mich eher die Rede vom "Gutmenschentum".

Puh, ja. Die Gutmenschen ekeln mich als Phänomen, weil es sich bei dem Typus um Leute handelt, deren Güte selektiv und letztlich selbstbezogen ist. Wenn einer unserer Autoren aber das G-Wort benutzt, redigier ich's raus, es ist ja eine abgeschmackte Totschlagvokabel, das stimmt. SJW, Social justice warrior sagt unsereins heute lieber, aber es meint ja praktisch dasselbe. Die Kritik an dieser Art softem, kränkungsempfindlichem Kämpfer für eine gerechte Welt mag in Internetsphären oder im gehobenen Liberalfeuilleton opportun sein. Aber schauen Sie in die Schulen, in die Gemeinden, in die Kulturszene, da läuft der Gutmenschenaffekt sich gerade erst warm. Die Leute, sogar die jungen, finden dieses Getue spannend. Sagt natürlich viel über die Leute.

Gutes tun: Was heißt das denn für die Rechten?

Ich kann nicht so ganz für „die Rechten“ sprechen. Schon deshalb, weil sich unser Resonanzraum in den letzten beiden Jahren schier unüberschaubar erweitert hat. Schau' ich in diverse Netzforen, weiß ich nicht mehr ganz genau, inwiefern die Leute, die sich rechts fühlen oder nennen, etwas mit mir zu tun haben. Ich will mich aber auch nicht ohne Not distanzieren. Stichwort „mehr Gutes tun wollen“: Ich versteh das. Ich bin ja nicht nur rechts, sondern auch praktizierende Christin. Das heißt, Gewissensprüfung, Reue, Besserungswillen sind keine Fremdworte für mich. Bin ich bisweilen hochmütig? Spotte ich allzugern? Klar, daran muß man arbeiten. Wobei „man“ schon wieder verkehrt ist: Ich! Es geht um mich! Das etwas ausgelaugte Erich-Kästner-Wort, es gibt nichts Gutes, außer man tut es, das ist für mich der eigentliche moralische Imperativ. Bloß keine leeren Worte! Kennen Sie Pestalozzis Rede von den konzentrischen Kreisen, innerhalb derer wir unser Wirken ausbreiten sollen? Der engste Kreis bei Pestalozzi ist das familiäre Umfeld, der äußerste das Vaterland. Jeder dieser Kreise kann nur heil und heilsam sein, wenn auch in den anderen Ordnung herrscht. Heute mag, von mir aus, die „Weltgemeinschaft“ der äußere Kreis sein. Aber mal im Ernst, was für eine Überschätzung, da jetzt wirken zu wollen, wenn die Potenz nicht mal für die engeren Kreise ausreicht!

Auf links gedreht, würde das heißen: global denken, lokal handeln...

Im Ganzen empfinde ich, und meines Erachtens zieht sich das durch die Geschichte, die Rechte als wahrhaftiger als die Linke. Links labern, aber privat die Schäfchen im Trocknen haben, ist in meinen Augen weiter verbreitet als das Umgekehrte. Rechtssein und sich dazu bekennen, erfordert ungeheuren Mut. Gut, Sie fragen, was wollten die denn „Gutes tun“? Den Verlust von Heimat beklagen, das Vaterland vor seiner Auflösung retten? Vielleicht erscheint Ihnen das lächerlich. Einer Freundin von mir, einer waschechten Intellektuellen übrigens, ist gerade gekündigt worden, weil Sie sich auf unserem Sezessionsblog unter Klarnamen zu Wort gemeldet hatte. An ihrem Beitrag war nichts Krasses. Nichts, was nicht vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt wäre. Sie hat sich halt nur rechts verortet. Gutes tun heißt in diesem Fall wohl: standhaft bleiben.

Geht es einfach um den Anspruch auf Nonkonformismus? Ist der Rechte, jedenfalls der Rechtsintellektuelle, in Ihren Augen der coolere Querulant?

Klar ist der Rechte heute der querulantigste Querulant. Ich wundere mich deshalb schon immer, warum (wenigstens phasenweises) Rechtssein kein Trend für die sogenannte Jugend von heute ist. Was wäre provokanter (gesetzt, daß es ein Vorrecht und Charakteristikum der Jugend sei, zu provozieren), als sich rechts zu positionieren? Ich meine, es gibt natürlich den ewigen Typus des lammfrommen, biederen Rechten. Nennen wir ihn den Stockkonservativen. Dem geht es nicht um Nonkonformität. Der hält es aus rationalen Gründen mit rechten Denkern. Ich selbst hingegen bin auch aus Neigung, aus Temperamentsgründen, rechts geworden. Trotz und Querulantentum, klar. Aber wo kämen wir hin, wenn Bockigkeit und simples Dagegensein der einzige Grund wäre! In Botho Straußens legendärem „Bocksgesang“ gibt es diese erratische Stelle: „Der Rechte – in der Richte: ein Außenseiter.“ Diese Sequenz ist wohl einigermaßen interpretationsoffen, was heißt schon „in der Richte“? Ich denke an ein Boot, das gefährlich Schlagseite hat. Alle Passagiere sammeln sich auf einer Seite. Dort ist es wenigstens warm, unter so vielen. Wer geht rüber, um den Rumpf wieder auszurichten? Obwohl der Weg dorthin schlammig ist, man abrutschen könnte? Obwohl man sich exponiert, ausliefert? Für mein Empfinden ist es heute der Rechte, er stellt ein Gleichgewicht her. Oder versucht es.

Es gibt ja eine ganze Reihe von konservativ-revolutionären Identifikationsfiguren: Neben Botho Strauß Rechtem in der Richte fallen mir der Anarch und der Waldgänger von Jünger ein. Alles männliche Typen. Gibt es überhaupt eine weibliche Traditionslinie, an die Sie anküpfen können? Oder bleibt wirklich nur Mathilde Ludendorff, eine der Begründerinnen der völkischen Bewegung?

Der Kosmos an nichtlinken weiblichen Identifikationsfiguren ist doch gigantisch! Als Frau das Wort zu ergreifen war bis vor vielleicht hundert Jahren per se ein querulantischer Akt! Nehmen Sie die Frauenmystik des Hochmittelalters, nehmen Sie Johanna von Orleans! Eleonore Prochaska, die als Patriotin – heute würde man definieren: als Genderbender - in den Befreiungskriegen fiel! Oder die Bandbreite der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts! Da wurden noch Wagnisse eingegangen! Kein Vergleich zu den zeitgenössischen übersensiblen und subventionierten Genderprofessorinnen heute! Meine moderne Heldin und akademisches Vorbild heißt Camille Paglia. Eine amerikanische Kulturhistorikerin, lesbisch übrigens, die vor 25 Jahren mit Masken der Sexualität ein wahres Mammutwerk vorgelegt hat. Eine Anti-Judith-Butler gewissermaßen. Paglia hat bis heute eine wahnsinnig große Klappe. Aber sie ist profund. Übrigens, ha, die Ludendorff! In unserer Randklientel gibt es wirklich ein paar Ludendorff-Anbeter. Alles Männer! Man sollte dieses Zeug aber durchaus mal gelesen haben. Wie sie sich belustigt über jene Art kämpferische Frauen, die unbedingt zum „Stimmvieh“ zählen wollen, das hat was!

Sagt Paglia nicht einfach das gleiche, was die Islamisten auch sagen: Die weibliche Sexualität ist dunkel und gefährlich?

Paglia würde das Normative ins Deskriptive wenden. Die weibliche Sexualität tendiert ist dunkel und wird deshalb gebändigt. Allerorten, allerzeiten. Da nehmen sich Islam und Christentum wenig! So ist der Mensch. Alles andere ist Utopie. Sie selbst, Paglia, lebt ja diese Utopie, als lesbische Mutter. Sie propagiert das nicht. Sie leugnet nicht, daß es ein krasser Weg ist. Sie geht ihn halt, sie ist unglaublich zäh. Paglia würde in etwa sagen: Du kannst natürlich ausscheren aus dieser ururalten Geschlechterkiste, wonach die Frau zugleich gefährlich als auch gefährdet ist. Aber wenn, dann tu's mit aller Konsequenz. Jammer nicht rum und zetere nicht nach Mama, Papa oder Vater Staat mit seinen Schutzkonstrukten und Quoten. Das hält sie für unwürdig. Die Natur sei ein strenger Lehrmeister, sagt sie. Wer dagegen aufbegehrt, muß schon eine starke und souveräne Gesellin sein.

Mein Herzensvorbild übrigens ist ganz klar Sophie Scholl, sie ist bei uns so etwas wie eine Hausheilige. Wie mutig und tapfer sie war, wie skrupulös dabei! Daß sie eine knallharte BDM-Führerin war und später sehr fromm wurde, geht in den offiziösen Würdigungen dieser Frau ja ziemlich unter. „Querulantin“ ist dafür geradezu ein armseliger Begriff.

Sehe ich recht, dass Sie an Sophie Scholl das Widersprüchliche reizt. Ambivalenzen aushalten scheint mir aber keine Kernkompetenz der Rechten. Da muss immer alles eindeutig sein.

Und wie Sie sich täuschen! Anzuerkennen, daß es Ambivalenz gibt, einen schmalen Grat, Widersprüche, Zonen des Entlanghangelns, das ist doch gerade typisch rechts! Für die Perspektive, gegen die Monokausalität! Links ist eindimensional. Ich würd sogar sagen: unterkomplex. Man sagt gern hochmütig, Konservative Revolution, wie lächerlich, das sei doch eine contradictio in adjecto! Aber gerade das ist doch die Spannung, die unseren aufgeklärten Zeiten und der gleichzeitigen Sehnsucht nach den sogenannten klaren Verhältnissen, den „einfachen Lösungen“ entspricht! Das heißt ja nicht, daß man völlig durcheinander sei. Die Gemengelage ist komplex, die Antworten sind es auch. Es gibt allerdings ein Menschenbild, das auf der Rechten relativ konstant ist. Der Mensch ist schwach, er bedarf der Institutionen. Sie entlasten ihn. Sie sind historisch gewachsen. Sachen können sich entwickeln, Sprünge werden aber schlecht verkraftet. Mehr ist es gar nicht. Das ist doch ein relativ entspannter Rahmen?

Apropos Waldgänger. Ist der Rechte auf dem Land zu Hause? Sie leben ja auch ländlich. Wenn ich Rechte von der Stadt reden höre, dann eigentlich immer nur in den Begriffen der Abwehr, der Entfremdung und Überfremdung. Also das, was in den zwanziger Jahren die „amorphe Masse“ hieß? Wie sehen Sie das selbst? Sie haben ja in der Sezession das letzte Buch von Lottmann besprochen, einen reinen „Stadtautoren“, wenn man so will. Und mir schien ihre Lektüre durchaus ambivalent.

Logisch, die Intelligenzjia lebt in der Stadt, schon immer. Rechte Typen wie Gottfried Benn oder Friedrich Sieburg waren ja keine Landeier! Mein Lieblingsschriftsteller Horst Lange hat gesagt, Kultur und Interessantes gibt´s nur in der Stadt, und Lange war kein Linker. Der bewußte Rückzug auf’s Land hat doch immer was Aussteigermäßiges, vermutlich gab und gibt es deutlich mehr linke Landkommunen als rechte. Die Zauberformel tönt auf das organische, nicht-entfremdete Leben. Den Wunsch danach finden Sie hier wie dort. Landleben ist geerdet, konkret, eingebunden. Aber eben auch dumpf bisweilen, reizarm, ohne Wahl. Stadtleben hält den Geist wach, versorgt mit Neuem.. Alles kann, nichts muß; das kann eine Qual sein. Ich persönlich wollte Kinder, die eine Ziege von einem Schaf und womöglich Gerste von Weizen unterscheiden können. Die Brennesseln für die Kükenkost mit der Hand packen können, ohne daß es sticht. Und wenn es sticht, na und? Das war mir wichtiger, als Kinder, die S-Bahn-Strecken zu absolvieren wissen oder den Geigenlehrer haben. Klar hätte man oft gern dieses bourgeoise Doppelleben, April bis November Land, Restmonate Stadt. The grass is always greener on the other side, wie auch sonst?

Wenn ich Sie so höre, müssten Sie eigentlich die Grünen wählen. Warum tun Sie es nicht? Liegt es an der so genannten Ausländerfrage, um die wir bisher einen breiten Bogen geschlagen haben. Aber sie ist nun einmal die Obsession der Rechten. Also: Finden Sie das Landleben auch deshalb schön, weil es da nicht so multikulturell zugeht?

Ja. ich nannte das Stichwort: organisch. Ich bin beispielsweise eine sehr skrupulöse – und ehrlich gesagt auch nicht so effektive – Gärtnerin. Ich sähe Zucchini aus, eh schon eine ziemlich moderne Frucht. Dann kommen die Nebenkräuter hoch, ungefragt. Ich bin da fast närrisch. Ich kann weder den Mohn rausreißen noch die Ringelblumen. Es käm mir barbarisch vor. Die sind doch so schön! Verzeihen Sie mir diese naturalistische Bildhaftigkeit, wenn ich das jetzt mit der sogenannten Ausländerfrage vergleiche! Es gibt in allem ein Maß, und das ist dehnbar. Ich kann Buntheit gut leiden, sogar wenn sie nutzlos sein mag. Geht vielleicht nicht allen Rechten so.

Schon eine krasse Bildhaftigkeit...

Aber ich will erstens doch wenigstens ein paar Zucchini ernten, und zweitens hab ich überhaupt keinen Bedarf an schmerzhaftem - Disteln – oder giftigem – Hahnenfuß – Zeug. Die bereichern mein Beet nicht. Aber, ha, die Grünen sind ja auch eine reine Stadtpartei! Dazu sag ich nur: Entfremdung! Ich würde wirklich jede Partei eher wählen als die Grünen. Die sagen „fair gehandelt“ und denken an Kiwis aus Neuseeland. Sagen „ökologisch“ und pflanzen Windräder in die Landschaft. Sagen „kindgerecht“ und denken an einen Erziehungsstaat. Und, logisch, beim Stichwort Multikultur denke ich an das Einebnen und Verschwinden von Kulturen. Ich will nicht in Globalistan leben, sondern Heimat behalten. Souverän sein im Eignen, das geht halt nur dörflich. Also mit Raum für sich selbst. Daß wir hier „ausländerfrei“ leben, ist ein Nebeneffekt. Wenn neben mir statt Frau Schmitt Frau Öztürk ihre Perlhühner rattern ließe, mir würden da keine grauen Haare wachsen deshalb. Ist halt nicht so.

Ich kann schon deshalb nicht rechts sein, weil ich zentrale Thesen der Rechten für einfältig halte. Der „große Austausch“ zum Beispiel ist in meinen Augen einfach eine verschwörungstheoretische Verbrämung von Migration, wie sie durch viele Ursachen (Nord-Südgefälle, Krieg etc.) bedingt ist.

Ja, in der Rede vom Großen Austausch schwingt ein gewisses Verschwörungspotential mit. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, für Rechte wie für Linke. Wenn Leute sich ausgeliefert fühlen und keine eigene Wirksamkeit entfalten können, konstruieren sie Hintermänner und sinistre Kräfte. Wobei, ich weiß nicht, ob es mächtige Machenschaften gibt, die Globalisierung und Austausch befördern. Kann sein. Ich habe Gründe gelesen, die das nahelegen. Es interessiert mich aber nicht wirklich, weil ich selbst darauf gar keinen Einfluß hätte. Was würde mir also ein solches Feindbild bringen? Ich hab ja so viele Freiheiten im Nahbereich; Erziehung, Ernährung, Lektüre undsoweiter, das ist fordernd genug. Insgesamt einen Großen Austausch zu leugnen, wäre doch aber blind! Sie wissen doch genau, wie sich die ethnische Zusammensetzung in unseren Städten in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat! Migration und Durchmischung gab es immer, aber doch niemals so jäh! In solchen Zahlen!

Und noch ein Grund, warum ich nicht rechts sein kann. Der Humor. Es gibt ihn nicht. Die Linke hatte ihre neue Frankfurter Schule. Einen Henscheid. Was hat die Rechte? Wer lacht über die Verstiegenheiten der identitären Bewegung?

Witzig, daß Sie gerade Henscheid nennen! Fragen Sie mal Henscheid, ob er sich heute noch den Linken zurechnen würde! Ich glaube: nein. Ich hab mit meinen witzischkeitsbegabten größeren Kindern vor einiger Zeit das Caricatura Museum besucht, das ja auf der Neuen Frankfurter Schule fußt. Ich dachte, daß würde ein extrem heiterer Ausflug. Ich war lange Zeit Abonnentin der Titanic, die haben sogar mal pseudonyme Einsendungen von mir abgedruckt. Aber, ach, das Urteil nach Sichtung der musealen Witzmasse in Frankfurt war einhellig: Schenkelklopferhumor! Soo billig! Immer schön druff auf die, die eh nichts zu lachen haben! Eigentlich geht das gegen jede Humortheorie, wonach der Outcast, also das je geschichtlich unterlegene Subjekt, Grund hätte, sich lustig zu machen. Der gnadenlose exlinke Humorist Matthias Beltz ist leider viel zu früh verstorben. Er hatte zuletzt befunden, entblößende Komik ginge heute eigentlich nur noch von rechts. Links sah nur sperrangelweitoffene Türen.

Apropos Identitäre Bewegung: Zum Lachen ist denen halt noch wenig Zeit und Grund geblieben! Ich bin heilfroh, daß es nach Jahrzehnten der biederen rechten Stock-im-Arsch-Rhetorik mal clevere Typen gibt, die keine Schnarchnasen sind. Wir führen ja in Schnellroda diese Akademien durch. Früher fanden sich dort je fünfzig belesene Jungakademiker in sehr ordentlicher Kleidung ein, alles Einsertypen an ihren Unis. Sehr okay, sehr eloquent. Heute ist es eine etwas wildere, inspirierende Mischung an Selbstdenkern. Deutlich mehr Frauen, mehr Migrationshintergründler. Eine Art hintergründigen Witz haben die alle. Irgendwann wird der zum Tragen kommen. Sie wissen doch, wer zuletzt lacht…

Das Gespräch führte Michael Angele

17:30 18.08.2017
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