Du und die Linke: Eine gescheiterte Umfrage unter Kulturschaffenden

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich möchte kurz von einem gescheiterten Projekt des Freitag berichten. Nun ist es natürlich etwas kitzlig, über Fehlschläge des eigenen Hauses zu schreiben, aber zum einen hat Hans Magnus Enzensberger mit seinem Buch Meine Lieblingsflops gezeigt, wie es geht, zum anderen ist noch nicht ganz klar, wer hier eigentlich an was gescheitert ist.

Die Idee kam mir, als ich auf Spiegel Online eine "Prominenten-Umfrage" las. Eine der Fragen lautete "Sehen Sie Alternativen zu unserem Finanzystem?". Ted Gaier (Goldene Zitronen) antwortete:

"Wenn man das realpolitisch/reformistisch diskutieren will, muss man leider sagen: Der unsympathische, selbstgerechte Herr Lafontaine und diese staubige humorlose Partei Die Linke benennen seit Jahren die Gefahren und machen unentwegt Vorschläge, wie sich das Bankensystem einigermaßen domestizieren ließe. Und plötzlich bekommen ihre Vertreter in Talkshows den größten Publikumsapplaus und zustimmendes, betroffenes Nicken der Fachleute, während sie noch vor ein paar Monaten dem allgemeinen Gespött preisgegeben waren."

Das trifft den Nagel auf den Kopf, dachte ich und weiter: Wäre doch mal interessant zu erfahren, was unsere Kulturschaffenden und Intellektuellen so von der Linken halten. Da ist doch bestimmt viel Ambivalenz im Spiel, und es müsste doch in deren Interesse sein, das Verhältnis mal zu klären, vielleicht kommt unsere kleine Umfrage da gerade recht, die Sache liegt doch in der Luft!

Also her mit unsere Promi-Liste von der Afghanistan-Umfrage, ein wenig ergänzt und los geht es. Von Jutta Ditfurth bis Kuttner, Jürgen wurde alles angeschrieben, was auf drei nicht auf den Bäumen war (und bei uns mit einer E-Mail Adresse registriert ist oder Kontakt via soziales Netzwerk besteht). "Was gefällt Ihnen an der Partei 'Die Linke'? Was nicht?" Text bitte bis 500 Zeichen an uns, ein Beitrag würde uns sehr freuen, wir sind gespannt. Die Mail schickte unser fantastischer Praktikant Hanning in seinem Namen, und vielleicht war das schon der erste Fehler, denn man würde meinen, dass ein Herr Peymann vom Berliner Ensemble eigentlich zu allem Stellung bezieht, aber vielleicht eben dann doch nicht, wenn die Anfrage von unterhalb, sagen wir, eines Ressortleiters (noch viel besser natürlich: der Verleger) kommt.

Aber Peymann war ja nicht der einzige! Es kam ja lange gar nichts, dann ein paar Absagen, und am Ende standen wir mit zwei Statements da.

Danke an Roger Willemsen, der schrieb:

"Die Linke ist gut, schon weil sie den anderen Parteien immer wieder Gelegenheit gibt, sich vor ihr zu blamieren. Heute beherrscht schon jeder Talk-Stammtisch das realpolitische Generalschlüsselargument 'Ja, wie wollen Sie das denn umsetzen?'nund vernachlässigt dabei, wie gut es tun kann, einen richtigen Gedanken, einen berechtigten Anspruch überhaupt formuliert zu finden, und sei es als Erinnerung an das, was Politik eigentlich leisten sollte."

Und ein Dank an Torsun von Egotronic, der schrieb:

"Schon in Zeiten, als sich die heutige 'Die Linke' noch PDS schimpfte, bin ich regelmäßig mit ihr in Konflikt geraten. Ich denke zum Beispiel an Traudel Herrmanns Engagement in Teltow-Seehof. Schon damals zeigte sich eindeutig die hässliche Fratze des Antisemitismus in dieser Partei. Dass sich das bis heute nicht wirklich geändert hat, bestätigt ein Blick auf aktuellere Begebenheiten, wie zum Beispiel die Teilnahme einiger Abgeordneter an der ersten 'Gaza-Flotille', Boykott-Aufrufe gegen Waren aus Israel oder der Auftritt von Inge Höger während der '9. Konferenz der Palästinenser in Europa', bei der sie keine Probleme damit hatte, einen 'palästinensischen Schal' zu tragen, auf dem Israel schlicht nicht existent war. Wenn solche Personen nicht ausgeschlossen werden, helfen auch keine rhetorischen Distanzierungsversuche. Für mich jedenfalls steht nach wie vor fest: Ich will mit so einem Verein nichts zu tun haben."

Das ist doch mal ein Wort. Aber warum schweigt der Rest? Weil der Freitag nicht die Zeit ist? Weil viele es immer noch heikel finden, öffentlich zur Linken etwas zu sagen? Oder weil diese Partei eben doch ganz vielen egal ist? Weil sich die Rolle der Intellektuellen und Künstler tatsächlich sehr verändert hat (wie ein Kollege mutmaßt); will sagen, der Schuster will bei seinen Leisten bleiben? Ist es ein Mix aus alledem? Weiß nicht. Schade trotzdem.

Update: Kollege Strohschneider wünscht noch ein wenig mehr Reflexion im Text. Er fragt: Was bedeutet das eigentlich für eine Partei, die doch eigentlich in Kulturfragen, ich sag mal, Avantgarde sein müsste (wie es die Linken ja historisch gesehen auf ihre Fahnen geschrieben haben).

Update II: Kollege, wer ist eigentlich bei der Linken für Kultur zuständig?

Update III: Strohschneider antwortet: Wohl der Dehm.

12:10 23.11.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 100

Avatar
Avatar
helena-neumann | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community