Michael Angele
31.05.2011 | 08:00 3

Eine revolutionäre Erkenntnis für den Buchmarkt

Kulturkommentar Wer ist die primäre Zielgruppe eines Buchs? Das war bisher nicht so klar. Nun gibt es Gewissheit. Michael Angele hat sich die Verlagsvorschauen angesehen

Nachdem die neue Unsitte der „Vorvorschauen“ (per Email) zu Ende gegangen ist, verschicken die Buchverlage nun die Vorschauen selbst. Es sind Hunderte von Katalogen mit dem Herbstprogramm, der Außenstehende macht sich ja keine Vorstellung. Jeder Tag bringt einen Packen so groß, dass auf Kosten einer Kollegin vom Vertrieb das Postfach vergrößert werden musste, und man möchte lamentieren, wie verkommen eine Welt ist, in der man uns mit dem Herbst kommt, wenn der Frühling sein schönstes Kleid trägt. Analog zum Weihnachtsgeschäft, das auch jedes Jahr früher anfängt.

Aber man kann sich dieses Lamento schenken. Die Vorschauen sind schlicht dazu da, dass wir, die Zimmermädchen des Literaturbetriebs, den Lesern das Bett machen können, und in ihrer Masse zeigen sie etwas sehr Schönes an: Dass enorm viele Menschen ein Buch schreiben und veröffentlichen. Das geht in Deutschland jährlich in die Zehntausende. Irre. Es sind so viele, dass die, auf von uns vorschnell behauptete These von Ende des Bücher­lesens revidiert werden muss. Auch wenn immer mehr junge Menschen eine HBO-Serie einem Buch vorziehen, ändert das ja nichts an folgendem, der Literaturwissenschaft vertrauten Zusammenhang: Bücher bestehen primär aus Büchern, anders gesagt, wer Bücher schreibt, der liest auch Bücher.

Die Autoren selbst

Aber ein Autor muss nicht nur sein Buch quasi erlesen, er muss auch, will er nicht untergehen, die Konkurrenz beobachten. Dass diese Aufgabe das Lesen von Neuerscheinungen extrem befördert, leuchtet doch wohl ein, so dass man die Faustregel formulieren kann: Die Kernzielgruppe eines Buchs ist die fromme und prosperierende Gemeinde der Autoren selbst. Die Verlage mögen ihre Schlüsse ziehen.

Nehmen wir ein beliebiges Beispiel, hier aus dem Folio-Verlag, dessen ­Programm gestern im Postfach landete. Spitzentitel ist das Buch Unterm Messer von Eva Rossmann. „Ein Mira-Valensky-Krimi“. 1.) Die Autorin verschafft sich ein Bild von der Konkurrenz. Bei ­geschätzt 200 deutschsprachigen und weiteren 2000 Übersetzungen aus dem Schwedischen kann jeder selbst ­überlegen, wie intensiv man sich da einlesen muss. Sodann schreibt die ­Autorin 2.) ja ihr eigenes Buch, welches, so lesen wir, auf einer „Beauty-Oasis“ im „steirischen Vulkanland“ spielt. „Einst waren in dieser österreichischen Region vierzig Vulkane aktiv.

Explosiv wird es auch für die Wiener Journalistin…“ Meint, dass nicht nur ein Buch wie Steirisches Vulkanland: Auf den ­Spuren der Vulkane. Wanderführer mit Top-Routenkarten, sondern auch ein Klassiker wie die Theorie der Metapher (hg. Anselm Haverkamp) zum Lese­pensum gehören, dazu kommen die ­Bücher von Peter Hahne („doch was, wenn nur noch die Gier nach Geld und Ruhm zählt?“) und vieles mehr. Last but not least will die Autorin auch ­einfach mal so etwas lesen, und da sie Autorenrabatt beim eigenen Verlag hat, liest sie, sagen wir, Lilys Ungeduld. An dieser Stelle müssen wir leider ­abbrechen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die große Gruppe der Schreiber, die für die Schulbade schreiben, sowie die Leser, die einfach gerne mal ein Buch lesen (soll es geben), noch gar nicht in die Überlegungen eingeflossen sind.

So gesehen müssten noch viel mehr Bücher gedruckt und noch weitere Postfächer des Vertriebs annektiert werden. Dass es nicht geschieht, dürfte ähnliche Gründe haben wie damals bei den Kettenbriefen, bei denen ja auch irgendwie der Wurm drin war.

Kommentare (3)

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lisaschwert 31.05.2011 | 12:18

Eine gewisse Verärgerung schwingt schon mit über die Postfacheinnahme, Herr Angele, versteckt hinter der Revolution. Ihre Erkenntnis in allen Ehren, aber so neu ist die nicht.
Als Außenstehender frage ich mich lediglich welches Buch ich denn nun lesen soll, ich orientiere mich an Buchsendungen und nach Tagesgusto, das kann aber auch mal ein Griff ins Klo sein. Sowas wie eine Schreibbeschränkung, um die Qualität hoch zu halten, gibt es nämlich nicht. Ich erinnere mich mit Grauen an "Everything Is Illuminated" von Foer, damit kam ich gar nicht zurecht trotz Hype (ist aber wohl Geschmackssache).

Ullrich Läntzsch 31.07.2011 | 15:00

Lieber Michael Angele,

ja, ich denke Sie werfen übers Postfach eine interessante Frage auf, wie entscheidet man sich für welche Lektüre, welchen Film, welches kulturelle Ereignis auch immer.

Mein Prinzip ist seit langen der Zufall, dem gegenüber ich immer offen bin. Denn ich weiß mir kein Schema, nachdem ich sortieren könnte. Für jede Anregung bin ich daher dankbar, woher sie auch immer kommen mag.

Mein letztes Lesevergnügen, Bobby anders HINTER EIS.
Bücher, die mich wirklich restlos faszinierten fand ich leider - gemessen an der Anzahl - nur sehr wenige.

Allerbeste

ps
HINTER EIS könnte ich mir auch gut für eine Runde lesen vorstellen - Roman eines Mannes über eine Welt in der die Frauen die Macht an sich gerissen haben.