Paranoia auf der Frankfurter Buchmesse

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Die Buchmessenwelt ist eine Kinderfantasiewelt. Wie in jener gibt es in dieser zwei Wahrheiten. Eine für die Eingeweihten und eine für die da draussen, vulgo die Leser. In der Welt hier drinnen werden folgende Geheimnisse geteilt:

- Keiner kommt dazu, die Bücher zu lesen, um die es doch geht

- Jeder will möglichst viele möglichst wichtige Kontakte knüpfen

- Wer keine Einladung zu einer Party am Abend hat, kann sich (fast) die Kugel geben

Das wichtigste Geheimnis in dieser Kinderwelt aber ist, wie in jeder Kinderwelt: Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin also nicht kontaktgeil, partygeil, lesefaul. Dieses kostbare Geheimnis enthüllt sich in jedem Gespräch, das man auf dieser Buchmesse führt, aufs Neue. Denn auch der, mit dem man gerade spricht, ist seltsamerweise nie wie die anderen (also nicht kontaktgeil, partygeil, lesefaul). Nein, der andere und ich, das sind auf dieser Buchmesse immer und in jedem Fall: Die zwei einzigen vernünftigen Menschen in diesem Irrenhaus. Zwei die "eigentlich" lieber an einem ganz anderen Ort wären, zwei, die schon nach einer Stunde Messe völlig erschöpft von dem Rummel sind und sich fest vornehmen, später im Hotel nur noch zu lesen, am besten einen argentinischen Roman.

Die ganze Buchmessewelt besteht, so gesehen, nur aus überduchschnittlich vernünftigen, angenehmen und klugen Menschen. Und sie besteht gleichzeitig aus den intrigantesten, oberflächlichsten und eitelsten Fatzkes, die man sich vorstellen kann. Das ist das Paradoxon dieser Buchmesse. Vermutlich ist es unauflösbar. Eine, die dieses Paradoxon vollkommen begriffen hat, ist die "Zeitung zur Buchmesse" der FAZ. Die Beilage geht weg wie warme Semmeln. Auf dem Titel der Ausgabe von Tag zwei sind 11 mehr oder weniger bekannte "Eierköpfe" aus der Branche abgebildet. Das erste, was ich gedacht habe, Gott sei dank bin ich nicht wie die. Vermutlich eine fast unvermeidbare Selbsttäuschung, die jeden hier befällt, also sogar noch die Abgebildeten selbst.

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18:09 07.10.2010
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