Die Leidenschaft als Zitat

Spätstil Ein Berliner Konzertzyklus feiert Edward W. Said und erkundet das Abgeschnittensein von der Welt
Ausgabe 15/2018
Edward W. Said lebt im akustischen Exil. Er ist taub geworden
Edward W. Said lebt im akustischen Exil. Er ist taub geworden

Foto: Gezett/Imago

Der Konzertzyklus „Edward W. Said Days“, der Anfang April im Berliner Pierre-Boulez-Saal gegeben wurde, erinnerte nicht nur an das berühmte Buch Orientalism des palästinensischen Literaturtheoretikers, das vor 40 Jahren erschien. Auch und vor allem sein letztes Buch On Late Style (2006), das ganz der Musik gewidmet ist, stand Pate. Said bringt hier den Spätstil auf den Begriff des Exils.

An den drei Abenden war der späte Streichquartett-Zyklus op. 130 bis 132 Ludwig van Beethovens zu hören, gespielt vom Michelangelo String Quartet, der durch ein einziges Motiv verklammert ist. Es steht am Anfang von op. 132, der zeitlich ersten Komposition (1825), klingt wie eine ernste Frage und ähnelt dem B-A-C-H-Motiv, mit dem Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge (1742 – 1750) endet. In op. 131, dem letzten Werk des Zyklus (1826), ist die Frage hörbar zur Antwort geworden, die an die Endgültigkeit des Todes gemahnt. Im Zentrum von op. 132 steht aber vorerst ein „Dankgesang“ nach Genesung von einer Krankheit.

Ein Werk des Exils? Said sagt, Exil sei Abgeschnittensein von der Welt, die vormals die eigene gewesen ist. Das ist seine eigene Situation, in anderer Weise aber auch diejenige Beethovens: weil er taub wurde, und auch, weil er im Alter zwar Vitalität, aber nicht mehr Leidenschaft erklingen lässt. Die der Leidenschaft eigene Zielstrebigkeit fehlt völlig, und so wirkt op. 132 ein wenig unzusammenhängend. Da aber eigene Vitalität ohne Leidenschaft gar nicht denkbar ist, kann man diejenige, die das Quartett zu Gehör bringt, nur als zitierte verstehen. Das ist das Exil. Beethoven sieht einer Welt zu, von der er sich schon verabschiedet hat. Mit gutem Mut übrigens, weil er an den Fortschritt glaubt, wie er in einem anderen Spätwerk, seiner neunten Symphonie (1824), noch einmal unterstrichen hatte.

Am Samstag wurde op. 132 mit Arnold Schönbergs Ode to Napoleon Buonaparte for String Quartet, Piano, and Speaker op. 41 (1942) kombiniert, die den Fortschrittsglauben zurücknimmt. Es spielten Studenten der Barenboim-Said-Akademie. Die Ode ist ein langes Gedicht Lord Byrons und war 1814 dessen Kommentar zu Napoleons Abdankung. Byron, der zunächst Hoffnungen auf den Kaiser gesetzt hatte, schmäht ihn nun als Tyrannen, der das Leben anderer verwüstet habe.

Gestohlene Quelle

Schönberg denkt nicht nur an Hitler, wenn er das aufgreift, sondern auch an die Demokratie, die er durch Hitler an ihr Ende geführt sieht. Seine Musik ist Spätstil von dem Moment an, wo er seinen eigenen Weg der Zwölf-Ton-Technik gefunden hat. Mit allen Werken seitdem befindet er sich im Exil einer Welt gegenüber, die deren Unverständlichkeit beklagt und weiter an sich selbst glaubt. Bei allem Pessimismus ist Schönbergs Musik jedoch der Beginn eines musikalischen Aufbruchs gewesen.

Zwischen Schönberg und Beethoven hielt der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole seine Lecture A Quartet for Edward Said, einer Collage aus Einführung in Beethoven, seinem eigenen Leben, seinem Roman Open City (2011) und dem Schicksal der Palästinenser. Er veranschaulichte damit Saids Charakterisierung von Werken des Exils als „kontrapunktisch“. Immer wieder zitierte er den Satz „Es gibt keine Gerechtigkeit unter der Besatzung“, den die jetzt 17-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi sprach, als sie 2017 einen israelischen Soldaten ohrfeigte. Sie sitzt dafür im Gefängnis. Eine Wasserquelle ihrer Familie war 2009 in eine israelische Siedlung umgeleitet worden.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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