Mit Haltung und Wissen

Erinnerung In der Nacht zum Dienstag ist Ekkehart Krippendorff, Politikwissenschaftler und Mitbegründer der deutschen Friedensforschung, im Alter von 83 Jahren gestorben

Ekkehart Krippendorff ist Freitag-Lesern wohlbekannt, hat in der Zeitung schon in den 1990er Jahren geschrieben. Nicht nur als Friedensforscher. Von der Bandbreite seiner Studien zeugt etwa sein Artikel Shakespeare lebt in der Ausgabe vom 28. 7. 2000, wo er über ein Stück von Shakespeare, Richard II., schreibt, es zeige „den untergründigen Legitimationsverlust aller politischer Klassen, der konservativen so gut wie der effizienten sozialdemokratischen“. Diesen Legitimationsverlust hat er schon in der Zeit um 1968 empfunden, die sein Leben prägte.

Sein Name ist eng verbunden mit der deutschen „68er“ Bewegung, die in Westberlin begann und sich in den allerersten Anfängen auch am Konflikt zwischen Studierenden und Rektorat der Freien Universität entzündete. Das „Krippendorff-Semester“ im Sommer 1965 erhielt diesen Namen, weil das Rektorat den Vertrag mit dem damaligen wissenschaftlichen Assistenten am Otto-Suhr-Institut nicht verlängerte und die Studierenden dagegen protestierten. Krippendorff wurde gekündigt, weil er die Ausladung des Publizisten Erich Kuby, den die Studierenden zu einem Vortrag eingeladen hatten, durch das Rektorat kritisiert hatte. So waren damals die Verhältnisse. (Auch Kuby schrieb später für den Freitag.) Nachdem er schon zwei Gastprofessuren an US-amerikanischen Universitäten absolviert hatte, wurde ihm noch 1970 von der Freien Universität aus politischen Gründen die Habilitation verweigert. 1978 bekam er aber die Professur für Politikwissenschaft und Politik Nordamerikas am John F. Kennedy-Institut.

Der Vietnamkrieg, den die USA in den 1960ern vom Zaun brachen, hat ihn zum radikalen Pazifisten gemacht, der er zeitlebens geblieben ist. Er forderte eine „Bundesrepublik ohne Armee“ und wusste doch zugleich, „dass sich alle Herrschaftsstrukturen, alle Regierungsformen auf Gewaltverhältnisse zurückführen lassen, dass sie alle ‚aus Gewalt geboren‘ sind“. Mit seiner Zuschreibung einer „Symbiose von Staat und Krieg“, die sich aus der Durchsetzung des männlichen Waffenmonopols entwickelt habe, ist er auch für die feministische Forschung wichtig geworden. Man wird Krippendorffs Bücher weiter lesen: Staat und Krieg, 1985, Politik in Shakespeares Dramen, 1992, Die Kunst, nicht regiert zu werden. Ethische Politik von Sokrates bis Mozart, 1999, Die Kultur des Politischen. Wege aus den Diskursen der Macht, 2009, und andere. Danke, wir haben viel gelernt, Haltung und Wissen.

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14:12 02.03.2018
Geschrieben von

Ausgabe 28/2020

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