Ich frage, also bin ich

Philosophie Wieland Elfferding nähert sich den abendländischen Denkern ganz elementar
Michael Jäger | Ausgabe 01/2017 71
Ich frage, also bin ich
Plato (links) und Aristoteles: So stellt man sich Philosophen vor!
Foto: Picture Post/Getty Images

Die Erstbegegnungen mit Philosophie, die Wieland Elfferding im schmalen Reclam-Format vorlegt, sind aus jeweils halbstündigen Vorlesungen vor Abiturienten entstanden. Als Schüler war ihm selbst das unverhoffte Geschenk einer solchen Gabe fürs Leben zuteilgeworden, als scheidender Studienrat gab er es jetzt weiter. Elfferding hatte es seinerzeit zum Philosophiestudium angeregt, heute ist die Bedeutung solcher Vorlesungen vermutlich noch viel größer. Sie halten nämlich daran fest, dass Denken sehr viel mit Fragen und Antworten zu tun hat: Fähigkeiten, die in der bloß auf Information fixierten Internetkultur verlorenzugehen drohen, wie man jeden Tag im Netz beobachten kann. Schon der Titel macht diese Intention deutlich: Fragen der Philosophie.

Das ist keine gewöhnliche Philosophie-Einführung, wo versucht wird, die wichtigsten oder berühmtesten Philosophen zu nennen und ihre Lehren kurzgefasst zu präsentieren. Auch Wieland Elfferdings elf Kapitel wechseln zwar von einem Philosophen zum nächsten, doch sind sie bei ihm gleichsam nur Material, an dem er den Sinn für philosophische Hauptfragen zu wecken versucht. Das fängt mit der Frage an, was man sich unter einem Philosophen überhaupt vorstellen soll. Da könnte er nun gleich mit Platon einsteigen, der geschrieben hat, ein Philosoph sei einer, der zu fragen und zu antworten verstehe, stattdessen gibt aber der frühneuzeitliche Mathematiker und Philosoph René Descartes das Exempel ab. Und gleich erschrickt man über die Abgründe, in die radikales Fragen führen kann.

„Ich denke, also bin ich“: Sehr überzeugend zeigt Elfferding, dass der berühmte Satz des französischen Rationalisten auf das eigenartige Erlebnis zielt, im eigenen Kopf so etwas wie eine leere Bewusstseinswand vorzufinden, auf der sich alles sonst noch Erlebte abzeichnet, seien das äußere oder innere Vorkommnisse. Ob man sich über dies Sonstige täuscht oder es begreift, wer könnte von sich behaupten, dass er oder sie es weiß? Aber dass da diese Aufzeichnungsfläche ist, das ist sicher. Nur muss man schon ein Philosoph sein oder philosophisch fühlen, von welchem Gefühl auch die großen Künstler geschlagen sind, um die leere Wand als solche erleben oder wenigstens gedanklich isolieren zu können. Das Problem ist, dass sich die Wand immer schon mit Bildern und Zeichen be- und verdeckt.

Sinnliche Gewissheit

Im zweiten Kapitel ist dann das Fragen und Antworten an der Reihe, vorgeführt anhand eines platonischen Texts. Immer geht Elfferding von kurzen Textteilen aus. „Wie wollen philosophische Texte gelesen werden?“ ist das dritte Kapitel überschrieben, das sich passenderweise mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem härtesten Brocken, abmüht. Elfferding erzählt da, wie es ihm im ersten Philosophiesemester erging. Hegels Phänomenologie des Geistes stand auf dem Programm. Von der ersten Arbeitsgruppensitzung erwartete er, dass die ersten Seiten des Buchs besprochen werden würden.

In zwei Stunden gelang aber nur die „Lektüre genau eines Satzes, nämlich des ersten Satzes“. Elfferdings Vorlesung kann die ersten Seiten aber deshalb erklären, weil in seinem „Kurs“ schon zwei Vorlesungen vorausgegangen sind: Er zeigt, wie Hegel nach der „sinnlichen Gewissheit“ fragt und dass die Antwort der cartesischen ähnelt. Wenn nämlich die Menschen über ihre sinnliche Erfahrung nachdächten, das heißt sie befragten, würden sie von da aus auf sich selbst als Erfahrende zurückgeworfen.

Danach sind die radikalen Fragen dran, die Karl Marx und Friedrich Engels aufgeworfen haben: ob man zum Verändern der Welt Philosophie überhaupt noch braucht, und wenn ja, ob es eine „Grundfrage“ der Philosophie gibt. Anschließend kommt die Aufklärung in Person von Kant an die Reihe. Befragt wird seine Schrift Zum ewigen Frieden, denn wer verändern will, wird es mit der Politik zu tun bekommen, und da stellt sich die Frage dieses fünften Kapitels: „Kann man in der Politik streng philosophisch denken?“

Die zweite Hälfte des Büchleins spannt dann einen Bogen von der Frage nach dem Verhältnis von „Glauben und Wissen“ zur Frage nach der Revolution, die von Habermas über Brecht und Nietzsche, Wittgenstein und Searle zu Ernst Bloch führt. Das Büchlein kann allen Internetnutzern wärmstens empfohlen werden, sie werden lernen, dass man Antworten, philosophische und andere, nicht ergoogeln kann.

Info

Fragen der Philosophie. Erstbegegnungen Wieland Elfferding Reclam 2016, 184 S., 6,60 €

06:00 18.01.2017
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