Julius Eastman der Vergessenheit entrissen

Maerzmusik 2017 Eastman hat versucht, „das, was ich bin, in vollen Zügen zu sein – schwarz in vollen Zügen, ein Musiker in vollen Zügen, und ein Homosexueller in vollen Zügen“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Julius Eastman der Vergessenheit entrissen
Julius Eastman (1940 - 1990)

Foto: Presse

Die MaerzMusik, seit 2015 unter dem neuen künstlerischen Leiter Berno Odo Polzer nicht mehr ein Festival „für aktuelle Musik“, sondern „für Zeitfragen“, geht in die dritte Runde. Als Schwerpunktthema wird „Decolonizing Time“ angegeben. Polzer fragt nicht so sehr nach aktueller Musik als nach der Aktualität überhaupt: wie ein „inmitten Europas“ verortetes Festival „ein neues ‚Uns‘ reflektieren, zur Sprache bringen und beheimaten“ könne, „das im Zuge der rasanten Neuordnung lokaler und globaler Verhältnisse entsteht“. Antwort geben „zehn komponierte Abende“ zwischen dem 16. und 25. März, die „sich mit klanglicher Immersion, Marginalisierung, Rassismus, Homophobie, Kolonisierung, Psychogrammen westlicher Gesellschaften, der Normativität künstlerischer Praktiken, Gender, Umwelt- und Finanzkrisen, Ungleichheit, spekulativer Geschichtsschreibung, Gedächtniskulturen, Science Fiction, spekulativer Narration, ‚multispecies feminism‘, Mystizismus, Kollektivität, Befreiung, Spiritualität und der Wahrnehmung von Zeit“ beschäftigen, „um nur die wichtigsten zu nennen“.

Mir ist dieser Anspruch immer zu allgemein und zu hoch vorgekommen, außerdem sehe ich in der MaerzMusik trotz allem immer noch ein Musikfestival, auch wenn tagsüber wieder „Thinking Together“-Konferenzen, –Workshops und –Lesegruppen dazukommen. Von einem „Festival, das im Hören verwurzelt ist“, spricht Polzer. Wenn aber Musik immer noch der Ausgangspunkt ist, oder wo sie es ist, würde ich eine Sensibilisierung für das Aktuelle und für „Zeitfragen“ überhaupt eher davon erwarten, dass „Kolonisierung“ oder andere Inhalte aus der Musik erschlossen werden, sofern dies möglich ist, als dass umgekehrt Musik vorgegebenen Inhalten zugeordnet wird. Es ist ja auch möglich, dass die Schöpfer aktueller Musik von der Aktualität und vom Zeitgemäßen ihre ganz eigenen Vorstellungen haben. Polzer hebt hervor, dass sich gegenwärtig eine „merklich andere Zeit“ hervorbringe, und führt dazu an, dass vor zwei Jahren noch niemand von einer „Flüchtlingskrise“ oder von „post-faktischer Politik“ gesprochen habe. Das ist wohl wahr. Aber angenommen, ein Festival im Jahr 1916 wäre ebenso vom damals politisch Aktuellen ausgegangen – Attentat in Sarajevo, Italiens Kriegseintritt gegen Deutschland, „Heimatfront“, „Westfront“, „Gebirgskrieg“ -, wer hätte auf die Idee kommen können, solchen Begriffen und Ereignissen ein Kunstwerk wie Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat zuzuordnen?

*

Trotz alledem! Die Festival-Ideologie ist das eine, das tatsächliche Programm das andere, und dieses Programm ist sehr interessant. Es ist diesmal auch eine erfreuliche Mischung neuester und schon eher „klassischer“ Avantgardemusik zustande gekommen, auch von strikt musikalischer und mit anderer Kunst zusammengesetzter Form. So werde ich vom Konzertabend des 19. März berichten, wo das 10. Streichquartett von Georg Friedrich Haas neben Everything is Important „für Stimme, Streichquartett und Film“ von Jennifer Walshe zur Aufführung kommt, beides Werke von 2016. Im letztgenannten Werk soll es „um Technologie, Umweltkatastrophen und wirtschaftliche Ungleichheiten“ gehen. Und als „klassische“ Veranstaltung lasse ich mir „Utopie Streichquartett I“ am 25. März nicht entgehen, wo Kompositionen von Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm aus den 1970er und 80er Jahren gespielt werden, ebenso wenig indessen Teil II mit Uraufführungen von Jörg Mainka und Chiyoko Szlavnics.

Heute will ich vor allem auf den hochinteressanten Beginn des Festivals hinweisen. Man kann ihn ebenfalls „klassisch“ nennen, er ist aber zugleich ganz neu für Hörer hierzulande. Für morgen Abend, wo The Electric Harpsichord for Keyboard and Live-Electronics von Catherine Christer Hennix dargeboten wird, werden Karten nicht mehr erhältlich sein. Es gilt als „das unbekannte Meisterwerk des frühen amerikanischen Minimalismus“. 1976 nur ein paar Mal aufgeführt, wurde es 2010 veröffentlicht und erhält nun eine neue Live-Umsetzung, weshalb das Werk zugleich auch als Uraufführung angekündigt ist. Der Charakter wird aber noch so sein, wie man es sich auf You Tube anhören kann und wie der amerikanische Konzept- und Fluxus-Künstler Henry Flint sich erinnert: „ein neues Genre, oder Kapitel, der ‚Psychologie‘, ein halluzinatorisches oder illuminierendes Klang-Umfeld“ und eine „Gleichförmigkeit der Struktur“, die „das Gefühl [erzeugt], dass die Zeit aufgehoben ist“. Wo Polzer, siehe oben, von „klanglicher Immersion“ (klanglichem Eintauchen) sprach, hat er dies Werk gemeint; es ist nicht der Aktualität zugeordnet, sondern der immer aktuellen Frage, was Zeit für uns ist. Im weiteren Verlauf des Festivals wird aber auch noch eine „richtige“ Uraufführung von Hennix erklingen, Raag Surah Shruti für Stimme, Tamburium und Ensemble am 22. März.

Offiziell wird das Festival am 17. März, also übermorgen, mit drei Werken für vier Klaviere aus den Jahren 1978 und 79 von Julius Eastman eröffnet, Evil Nigger, Gay Guerilla und Crazy Nigger. Auch diese Werke kann man sich auf You Tube anhören und wer es tut, wird wohl motiviert sein, sich noch eine Karte für das Konzert zu besorgen. Eastmann (1940-1990) ist ein afroamerikanischer Künstler, der wie Hennix, aber ganz anders als sie „minimalistisch“ komponierte, im Übrigen auch Pianist, Sänger, Choreograph und Tänzer war und der, so die Programm-Ankündigung, „als einer der Wenigen innerhalb der Welt der neuen Musik [...] seine Stimme [erhob] gegen Homophobie, Kapitalismus und Rassismus“. Er selbst hat gesagt: „Was ich zu erreichen versuche ist, das, was ich bin, in vollen Zügen zu sein – schwarz in vollen Zügen, ein Musiker in vollen Zügen, und ein Homosexueller in vollen Zügen.“ Das Festival will ihn der Vergessenheit entreißen und stellt deshalb auch einen „Dokumentationsraum“ zur Verfügung, der Archivmaterialien, historische Tondokumente, Videos und Partituren enthält, außerdem wird ein einjähriges Recherche-Projekt über ihn eröffnet.

Für mich wird die Begegnung mit Hennix und Eastman nicht zuletzt eine Gelegenheit sein, mich mit Minimal Music auseinanderzusetzen, die ja kein „Minimum“ in dem Sinn ist, dass sie andere neue Musik vereinfacht oder zurückdreht, wie man leicht denken kann, wenn man nur weiß, dass sie Wiederholungen liebt, tonal ist und eine gewisse Monotonie pflegt. Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass sie „Einflüsse aus asiatischer (vor allem indischer und indonesischer, besonders des Gamelan) und afrikanischer Musik (besonders deren Polyrhythmik), der Notre-Dame-Schule des 12./13. Jahrhunderts, (Free-)Jazz sowie aus bestimmten Formen des Rock (Psychedelic Rock) [verarbeitet]“.

Links zu allen Musikbeiträgen seit 2010 hier

12:07 15.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare