Böse gegen noch böser

Alltagskino Vergesst Lars von Trier: Der interessanteste dänische Regisseur heißt Nicolas Winding Refn. Er hat mit "Valhalla Rising" eine gigantische Gewalt-Meditation vorgelegt

Was habe ich gesehen?Valhalla Rising (2009) von Nicolas Winding Refn. Laufzeit: 88 min.

Warum habe ich es gesehen?

Nicolas Winding Refn ist Dänemarks derzeit interessantester Regisseur. Jenseits des etwas bemühten Lars von Trier-Hypes hat er sich ein eigenes dänisches Filmgenre geschaffen von der Kopenhagener-Pusher-Trilogie bis hin zu dem völlig unterschätzten Bronson. Es ist leicht, seine Filme zu kritisieren. Ich sage: Er ist noch unterwegs. Bald wird er einen Oscar bekommen.

Worum geht es?

1000 nach Christus. Düstere Wikinger-Clans ziehen durch die kargen Highlands und lassen ihre Sklaven wie Gladiatoren gegen einander kämpfen. Einer ist stärker als alle anderen, ein furchterregender, blutrünstiger Mann mit nur einem Auge: One-Eye (Mads Mikkelsen). Er wird wie ein Tier gehalten, schläft angekettet in einem Käfig; ihn plagen blutrote Alpträume, brutale Flashbacks aus seiner Vergangenheit. Nur ein kleiner Junge, Are, gibt ihm Wasser und Brot. Als ihm die Flucht gelingt, massakriert er seine Peiniger, den Jungen lässt er am Leben. Schweigend zieht er durch die merkwürdig tote Landschaft, der Junge wortlos einige Meter hinter ihm. Es erinnert an The Road, man spürt Angst, fast Panik beim Zuschauen. Schließlich stoßen sie auf eine Horde Christen, die Heiden auf einem Scheiterhaufen verbrennen und nun einen Kreuzzug nach Jerusalem planen. One-Eye, der im ganzen Film kein Wort äußert, und nur sporadisch durch den Jungen spricht, willigt ein, mitzukommen. Die erste halbe – sehr blutige – Stunde des Films ist vorbei.

Wie geht es weiter?

Die Männer besteigen ein Wikinger-Boot und treiben tage- vielleicht wochenlang übers Meer. Ein dichter Nebel legt sich um das Boot; die verzweifelten Männer glauben, der Junge sei Schuld und wollen ihn opfern. Als sich der Nebel endlich lichtet, sind sie nicht in Jerusalem, sondern in der Neuen Welt. Amerika. Bald stellen sie fest, dass sie in der Hölle sind. Wir lernen, dass One-Eye keine Flashbacks hat, sondern Visionen. Alle sterben.

Was bleibt?

Alles an dem Film ist gewalttätig. Die Handlung, die Worte, die Landschaft, der Himmel. Keine Szene, in der es nicht um das ganz Große geht: Mann gegen Mann, Mensch gegen Natur. Böse gegen noch Böser. Die vier Kapitel des Filmes lauten: "Zorn", "Der schweigende Krieger", "Die Hölle", "Das Opfer" – damit ist im Prinzip alles gesagt. Refn hat den Film in Schottland und auf der Insel Skye gedreht, so weit weg, wie man von der Zivilisation kommen kann; die Landschaft, der Himmel sind angsteinflößend. Und gleichzeitig verlockend. Man spürt Sehnsucht nach der Natur, obwohl – nein: weil – man weiß, dass man dort keinen Tag überleben würde. Kritiker haben die erste halbe (Action-) Stunde gelobt und den langsameren Rest des Films bedauert. Vielleicht gibt es einfach eine andere Lesart: In der ersten halben Stunde erzählt die Gewalt der Darsteller die Handlung. In der zweiten Stunde übernimmt die Natur diese Aufgabe. Es ist eine gigantische, Herzog-artige Meditation über das Leben und das Sterben.

Was stört?

Der Film stellt die Form vor die Funktion. Alles ist einem gesamt-ästhetischen Anspruch untergeordnet. Das stört mich nicht. Das Problem ist, dass wir zu wenig wissen über One-Eye oder den Jungen. Die Motivlage, das Küchenpsychologische bleibt außen vor. Die Christen sind noch spärlicher beschrieben. Sie bleiben so austauschbar, dass ich gegen Ende, als einer im Moor ertränkt wird, dachte, er sei ein anderer, der später wieder auftaucht – gesund und munter.

Der beste Dialog:

Der Anführer der Christen zum Jungen: „Where is he (One-Eye) from?“
Der Junge: „He is right from Hell“.

Was sehe ich als nächstes?

Any given Sunday von Oliver Stone.


Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an oder auch mal eine ganze TV-Serie. Vergangene Woche hat er nach Videocrazy von Erik Gandini die Überlegung verworfen, nach Italien auszuwandern.

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12:00 04.06.2010
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Ausgabe 37/2021

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