Hier kitzelt ein ganz gemeiner Hund

Alltagslektüre 52 Bücher in 52 Wochen: Mikael Krogerus lässt sich auf die voyeuristische Verlockung ein, die Thomas Glavinic in "Das bin doch ich" darbietet - und fühlt sich betrogen

Was habe ich gelesen? Thomas Glavinic: "Das bin doch ich" target="_blank">Das bin doch ich" (Hanser, 2007)

Seitenzahl: 238.

Amazon-Verkaufsrang: 103.072

Warum habe ich es gelesen?

In einem Interview sagte Glavinic, das Buch sei keine Autobiographie. Er fügte hinzu: „Wäre das mein Leben, würde ich Selbstmord begehen.” Ich kaufte es sofort.

Worum es geht?

Der Ich-Erzähler des Romans ist der Schriftsteller selbst, Thomas Glavinic, der gerade das Manuskript seines neuen Romans vollendet hat. Der Verlag hat noch nicht zugesagt, und er kann kein neues Buch anfangen. Er füllt die schleppenden Tage mit stundenlangen Computerspielen, exzessivem Alkoholkonsum und hypochondrischen Zwangsvorstellungen über Hodenkrebs. Er checkt fünfmal in der Stunde seine Mails. Ab und zu besucht er Literaturveranstaltungen erfolgreicher Kollegen, bei denen er sich hemmungslos volllaufen lässt. Man ahnt nach ein paar Sätzen: Das Dazwischen ist keine Übergangsphase, das ist sein Leben: eine Flucht vor anderen, vor dem „Zuviel“ des sich Verhalten-Müssens in der Welt. Auf dieser Flucht vor fundamentalistischen Katholikinnen, laut telefonierenden Zugreisenden, vorwurfsvollen Familienmitgliedern, labernden Taxifahrern und vor allem: dem Erfolg anderer Autoren, manövriert sich Glavinic in groteske Situationen, zum Bespiel in ein Flug-Angstseminar auf 1000 Metern Höhe oder Blinddates mit unbekannten Ärztinnen, die ihn von seiner Hypochondrie heilen wollen. Irgendwann ist das Buch zu Ende, so plötzlich wie es angefangen hat.

Was bleibt hängen?

Dass nichts passiert. Das Buch handelt von Halbbegegnungen, Halbgefühlen und Halbleben. Man ärgert sich über Glavinics Teilnahmslosigkeit, möchte ihm am liebsten Sanostol verabreichen, ihm ein andern mal um den Hals fallen. Ein grässlicher Typ, unsympathisch und doch zum Schreien komisch – das Gegenstück zu Othello. Ein Anti-Othello.

Wie liest es sich?

Man fühlt sich wie nach einem Orgasmus: betrogen. Der Leser wird als Voyeurist einer Nabelschau entlarvt, die dann doch keine ist. Denn klassischer Voyeurismus wäre ja: sehen, ohne gesehen zu werden. Aber bei Glavinic schaut das Objekt der Begierde plötzlich zurück und man erkennt: Der Ich-Erzähler ist nicht Glavinic, es ist eine durch und durch konzipierte Figur, die es nur gibt, weil es mich als Leser gibt. Und schnapp, sitzt man in der Falle. Die makellose Konstruiertheit der Figur ist eine Anmaßung, nach drei Seiten hat man kapiert, wie sie funktioniert. Und daran arbeitet man sich die restlichen 200 ab, mal genervt, mal erheitert, aber vor allem in der untrüglichen Ahnung: Hier will ein ganz gemeiner Hund meine Sehnsucht nach echten, tiefen, authentischen Gefühlen aus mir herauskitzeln, um mir dann triumphierend vor Augen führen: diese Gefühle sind genauso konstruiert wie seine Figur. Die Parodie der Echtheit entlarvt die Echtheit selbst als Konstruktion. Puh. Kein Wunder, dass es den Kritikern gefiel.

Das beste Zitat

„Außer mir ist niemand im Waggon, es ist still, ich fühle mich wohl. Mit einer einzigen Einschränkung: Ich habe einen Ohrwurm, der mir zunehmend auf die Nerven geht. Von hinten kommt ein Mann, der zwei Reihen hinter mir Platz nimmt. Mich ärgert das. Der Waggon ist groß genug, um sich gegenseitig vom Leib zu halten, warum kann sich der Kerl nicht ans andere Ende setzen?“

Wer sollte es lesen?

Leute, die sich gern über die Literatur-Welt aufregen.

Was lese ich als nächstes?

„Die Traumdeutung“ von Sigmund Freud

Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch einem persönlichen Lese-Check. Zuletzt: "Othello" von William Shakespeare

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