Für die Anstößigkeit

Kulturkampf An der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf ist die Entscheidung gefallen: Eugen Gomringers Gedicht "avenidas" muss weichen
Für die Anstößigkeit
Eugen Gomringer

Foto: imago/gezett

Jetzt ist es entschieden: Eugen Gomringers „avenidas“, das die Südwand der Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf schmückt, soll übermalt und durch ein Gedicht Barbara Köhlers ersetzt werden. Beide sind Preisträger des von der Hochschule ausgelobten Lyrikpreises. Studierendenschaft wie Senat wollen Gomringers Lyrik nicht mehr an so zentraler Stelle des Hochschulgeländes sehen. Vorangegangen war 2016 ein offener Brief des Asta, der „die klassische patriarchale Kunsttradition“, in der das Gründungsdokument der konkreten Poesie stände, ktitisiert. Frauen kämen hier lediglich als schöne Musen vor: „Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer,“ solche Zeilen wirkten wie „eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können“, schrieben die Studierenden.

Der Beginn einer Debatte: Die einen sahen die Kunstfreiheit in Gefahr und faselten das Gespenst der Bücherverbrennung herbei. Die anderen stellten sich hinter die Studierenden, die sich von Gomringers Zeilen direkt betroffen und verletzt fühlten. Ob das Gedicht tatsächlich einen übergriffigen und sexualisierenden männlichen Blick feiert, kann allerdings bezweifeln, wer über auch nur elementarste Kenntnisse der Lyrikinterpretation verfügt, selbst wenn eine gewisse Ambivalenz bestehen bleibt. Gomringers bewundernder Betrachter nämlich ist ebenso Objekt des Gedichts wie die Alleen, Blumen und Frauen, die es benennt.

Kunst am Bau

An der Entscheidung der Hochschule ist trotzdem erst einmal nicht viel auszusetzen: Es ist ihre Wand, die Studierenden in deren Gestaltung mit einzubeziehen ist lobenswert, und man darf natürlich auch geltend machen, dass eine Straßenszene, in der ein Mann Blumen – traditionelles Symbol weiblicher Schönheit – und Frauen seine Bewunderung zollt, an der Mauer einer Hochschule mit einem überdurchschnittlich hohen Frauenanteil sowieso keine ganz glückliche Wahl darstellt. Man kann noch entspannter feststellen – und darin ein Stück weit der Hochschule folgen –, dass es sich hier um Kunst am Bau handelt und das Gedicht als Teil der Fassade eines Nutzbaus keinen Ewigkeitsanspruch hat.

Dass die Entscheidung dennoch beunruhigt, liegt daran, was die Debatte um „avenidas“ eigentlich ins Rollen gebracht hat. Es hat nichts mit einem wenig avancierten Kunstverständnis und zunächst wenig mit unterentwickelter Lektürekompetenz zu tun. Die Aufregung ist Symptom einer Entwicklung, in deren Verlauf die Grenzen des persönlich Zumutbaren immer weiter herabgesetzt werden. Wenn schon ein Gedicht wie dasjenige Gomringers als Beschreibung potentieller Übergriffigkeit und Sexualisierung gelesen wird, dann lässt das nicht nur auf ein absurdes Maß an Empfindlichkeit im Sozialen schließen, sondern auch auf ein Verständnis von Sexualität, das diese gerne vollends aus dem öffentlichen Raum verschwinden sähe.

Was bleibt?

Solange sich solches Denken auf öffentlich Ausgestelltes bezieht, ist das vielleicht noch mit Kopfschütteln hinnehmbar. Schließlich feiert die Hellersdorfer Wandbeschriftung Gedicht wie Autor. Aber es erinnert auch daran, dass an Hochschulen mittlerweile oft ganze Lehrpläne so konzipiert werden, dass Befindlichkeiten jeglicher Art nicht verletzt werden – ungeachtet der Tatsache, dass ein Seminar, dass sich etwa mit Goethes Faust auseinandersetzt, diesen im Normalfall nicht als Vergewaltiger Gretchens feiert, sondern sich mit einem Dokument der Kultur auseinandersetzt.

Wehklagen und Empörung darüber, dass die ASH die Kunstfreiheit mit Füßen treten würde, sind also fehl am Platz. Es geht weniger um die Freiheit der Kunst als um mangelnde Resilienz, wenn man so will, gegenüber Ambivalentem. Um fehlende Routine im Umgang mit Dokumenten einer Kultur, die immer auch in gewisser Weise solche der Barbarei sind. Man sollte von einer Hochschule erwarten können, dieses Wissen zu pflegen und an ihre Studierenden weiterzugeben.

Was bleibt? „avenidas“ wird bleiben, im Gespräch, im Netz, in der Welt. Die Diskussionen, die Lektüren und die Kritik: Sie erinnern noch einmal daran, dass Kunst und Literatur anstößig sein und damit eine ihnen eigene Macht entfalten können. Auch und vor allem jenseits des Seminars, der Galerie oder des Museums. Eigentlich ein schöner Effekt einer ärgerlichen Sache.

15:55 24.01.2018
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