Ist das noch Neugier oder schon Rassismus?

Alltagsrassismus „Woher kommen Sie?“ Gedanken zu einer oft gestellten Frage
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Ist das noch Neugier oder schon Rassismus?
Im Schwimmbad trifft sich der Querschnitt einer vielfältigen Gesellschaft. „Wo kommst du denn her?“ ist hier eine unangebrachte Frage

Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Woher kommen Sie? Aus Hannover! Nein, ursprünglich? Aus Hanau!?

Jeder Nicht-Weiße kennt diese Gespräche. Doch warum reagieren wir Nicht-Weißen zunehmend allergisch auf diese Frage? Was ist schon dabei? Da interessiert sich doch jemand für einen!

Wirklich?

Wer sich für mich interessiert, der soll mich bitte fragen, was mich bewegt, was ich beruflich mache, was meine Hobbies sind, was ich liebe und was ich verachte. Wer sich für mich interessiert, der soll sich mit mir als Person auseinandersetzen. Die Frage „Woher kommen Sie“ ist dabei natürlich erlaubt. Aber wer sich wirklich für mich interessiert, der soll bitte meine Antwort akzeptieren. Wer weiter nachbohrt, der hat ja eine bestimmte Menge an möglichen Antworten auf seine Frage bereits ausgeschlossen.

Es gibt eine Frage hinter der Frage „Woher kommen Sie?“. Die eigentliche Frage ist „Warum sind Sie braun?“. Auch das ist eine legitime Frage. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand diese Frage verdeckt als „Woher kommen Sie?“ stellt. Entscheidend ist, an welcher Stelle im Gespräch diese Frage gestellt wird und wie das Beziehungsverhältnis der Gesprächspartner zueinander ist. Am Anfang des Gespräches gibt es kein Beziehungsverhältnis der Gesprächspartner. Das wird in den ersten Momenten definiert. Hierzu gibt es diverse kommunikationspsychologische Arbeiten. Dient also die Frage „Woher kommen Sie?“, bewusst oder unbewusst, zur Festlegung des Beziehungsverhältnisses der Gesprächspartner? Im Folgenden will ich zur Veranschaulichung einige Beispiele anführen:

1. 5-jähriges Mädchen (meine Patientin; ich bin Kinderchirurg): Warum bis du denn so braun?

Mutter verlegen: Sophie (Name geändert), sowas fragt man nicht!

Ich: Alles OK. Ich bin so braun, weil meine Eltern auch so braun sind.

2. 50-jähriger Unbekannter im Schwimmbad: Wo kommst du denn her? Aus Indien?

Ich: Nein, aus Frankfurt (damals stimmte das).

3. 30-jähriger Arbeitskollege am 2. Arbeitstag: Sag mal, wo kommst du eigentlich ursprünglich her?

Ich: Aus Pakistan.

Das sind drei Beispiele aus hunderten, die ich tagtäglich erlebe. Gehen wir also diese Beispiele einmal durch.

Im ersten Beispiel hat mich die kleine Sophie (Name geändert) einfach geradeaus gefragt, was sie gedacht hat. Ist das schlimm? Nein! Entscheidend ist nämlich, dass ich mir sicher bin, dass für Sophie die Antwort auf diese Frage unerheblich zur Festlegung unseres Beziehungsverhältnisses ist. Ich bin der Arzt und sie ist meine Patientin. Das hat sie akzeptiert und hat mich gefragt, was ihr gerade in den Sinn kam. Und Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass sie mit Pakistan, Somalia oder Australien keinerlei positive oder negative Assoziationen hat. Ein Kind hat erstmal keine Vorurteile. Der Arzt ist doof, weil er sie pikst oder er ist cool, weil er ihr den Ellenbogen wieder einrenkt.

Das zweite Beispiel beinhaltet unterschiedliche Aspekte. Das Beziehungsverhältnis bis zu dieser Frage ist lediglich, dass wir uns im gleichen Schwimmbad aufhalten, sonst aber nichts miteinander zu tun haben. Es gibt also zunächst einmal keinen offensichtlichen Grund für ihn, mich überhaupt anzusprechen. Der Mann hat mich aber angesprochen und gefragt, wo ich herkomme. Nur mich, sonst keinen in diesem Schwimmbad. Woran hat er also ausgemacht, dass diese Frage irgendeine Berechtigung hat? Lediglich an der Hautfarbe. Hat dieser Mann also wirklich Interesse an meiner Person? Wohl kaum. Vielmehr will er im besten Fall seine Neugierde über den höheren Aktivitätsstatus meiner Melanozyten stillen. Im schlimmeren Fall möchte er gerade mit dieser Frage bewusst das Beziehungsverhältnis festlegen. Also für sich die Frage klären „Wieviel zivilisierter bin ich denn im Vergleich zu dem da“. Und um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, hat er mir auch selbst schon gesagt, in welche geographische Richtung meine Antwort zu gehen hat. An dieser Stelle ist noch ein anderes Detail von Relevanz. Das „Du“. Er hat andere Menschen im gleichen Schwimmbad mit „Sie“ angesprochen. Aber warum er das Gefühl hat, bei mir sei das „Du“ ausreichend, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Aber der Effekt ist klar: Hier entsteht ein asymmetrisches Beziehungsverhältnis, in dem sich dieser Mann, der ja auch deutlich älter ist als ich, über mich stellt. Folglich ist er mit meiner Antwort „aus Frankfurt“ auch nicht einverstanden und das Gespräch ist genauso abrupt wieder beendet, wie es angefangen hat.

Beispiel 3 ist die Art, wie man gerne kommuniziert. Dann ist die Frage nach der ursprünglichen Herkunft auch kein Problem mehr. Mein Arbeitskollege hatte mich kennengelernt, hatte mich als seinen Arbeitskollegen akzeptiert, wir hatten bereits diverse Informationen über uns gegenseitig ausgetauscht. Und dazu gehört dann natürlich auch die Frage, woher meine Vorfahren kommen. Dies beantworte ich dann auch gerne und es entsteht wirklich ein Gespräch auf Augenhöhe. Unser Beziehungsverhältnis war nämlich auch ohne diese Information vorher schon geklärt worden.

Die drei Beispiele sind sicherlich nicht repräsentativ und es gibt eine Fülle von Nuancen, sowie es eine Menge unterschiedlicher Beziehungsverhältnisse gibt. Die Beispiele dienen also nur der Veranschaulichung.

Bleibt noch die Frage zu klären, welche Assoziationen unterschiedliche Herkunftsländer auf den Gesprächspartner haben. Nehmen wir wiederum zur Veranschaulichung zwei fiktive Menschen mit Migrationshintergrund: Zwei Männer, beide sind 30 Jahre alt, beide sprechen fließend Deutsch in Wort und Schrift. Der eine, nennen wir ihn Laurent, ist weiß, stammt aus Frankreich und ist im Alter von 2 Jahren mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main gezogen. Der andere, nennen wir ihn Maurice, ist schwarz, stammt aus dem Senegal und ist ebenfalls im Alter von 2 Jahren mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main gezogen.

Die Eltern des einen sind Expatriate, die beide als Forscher in leitender Position am Max-Planck-Institut arbeiten. Sie sprechen fließend Deutsch mit einem französischen Akzent. Sie verdienen gut und können ihrem einzigen Sohn eine gute Bildung finanzieren. Der Sohn hat an der Frankfurt School of Finance seinen Master in International Business Administration absolviert und wird zukünftig 200.000€ pro Jahr verdienen.

Und jetzt seien Sie ehrlich zu sich und beantworten Sie sich, wessen Familie Sie sich gerade vorgestellt haben, die von Laurent oder die von Maurice?

Es ist nicht schlimm, wenn Sie sich Laurents Familie vorgestellt haben (andersherum auch nicht). Der Mensch denkt in Schubladen. Das ist ein entscheidender evolutionärer Vorteil. Wenn der Urmensch ein Brüllen vernommen hat, war es vielleicht vorteilhaft auf die Erfahrung zu vertrauen und anzunehmen, dass ein Säbelzahntiger in der Nähe ist. Wer den Säbelzahntiger erst näher kennenlernen wollte, hat diese Begegnung evtl. häufiger mal bereut. Es ist halt statistisch so, dass Senegalesen seltener als Forscher nach Deutschland kommen, nachdem sie in ihrem Heimatland eine gute Bildung erfahren haben. Das ist aber gar nicht der Punkt. Vielmehr müssen wir uns dieses Schubladendenken vergegenwärtigen und eingestehen, um zu verstehen, was die Frage nach der Herkunft für jemanden wie Maurice oder wie mir bedeutet. Wenn ich also auf die Frage nach der Herkunft „Pakistan“ antworte, entsteht (abgesehen davon, dass die Antwort „Pakistan“ nicht der gefühlten Herkunft entspricht) automatisch die Befürchtung, dass mein Gegenüber mich auch in eine solche Schublade gesteckt haben könnte, ob bewusst oder unbewusst. Die Befürchtung besteht natürlich nicht mehr, wenn schon vorher verbal oder non-verbal geklärt wurde, dass eine Einordnung in irgendeine Schublade nicht mehr nötig ist, da man sich kennt.

In der Diskussion mit weißen Deutschen bekomme ich immer wieder zu hören, dass sie sich doch auch freuen, wenn sie im Urlaub nach ihrer Herkunft gefragt werden. Auch sagen manche, dass sie einfach gerne fragen, weil sie sich für das „Fremde“ interessieren und so interessante Gespräche zustande kämen. Dazu muss man, glaube ich, nicht viel sagen. Ich bin schließlich weder im Urlaub, noch bin ich fremd. Aber genau dazu macht man mich doch, wenn man mir wieder und wieder die gleiche Frage stellt. Und dieses Label ist generationsübergreifend, führt diese Ausgrenzung auch bei meinen kleinen Nichten zu vollkommener Verwirrung. Geboren in Deutschland wissen sie gar nicht, was ein „Pakistan“ ist. Sie haben Europa noch nie verlassen. Aber von Dritten werden Sie stets mit „Indien, Pakistan oder so“ in Verbindung gebracht.

Jeder weiße Deutsche sollte sich also einmal in den nicht-weißen Deutschen hineinversetzen, um zu verstehen, was in diesem vorgeht, wenn er diese vermeintlich nett gemeinte Frage zu Beginn eines Gespräches stellt. Der nicht-weiße Deutsche ist verwirrt: Was will mein Gegenüber von mir wissen? Soll ich Hannover, Hanau oder Pakistan sagen? Was möchte ich eigentlich gerne sagen? Was ist überhaupt die richtige Antwort, wo ich doch in Saudi-Arabien geboren wurde? Und, und das ist nach meiner Erfahrung das Wichtigste, verletze ich mein Gegenüber und werfe ihm gar non-verbal oder zwischen den Zeilen Rassismus vor, wenn ich wohlwissend, dass mein Gegenüber sowas wie „Pakistan“ hören möchte, trotzdem, fast schon provokativ, „Hannover“ sage?

Also liebe weiße Deutsche: Ich bin Arzt. Ich bin promoviert. Ich bin Ehemann. Ich bin Bruder. Ich bin Sohn. Ich bin Muslim. Ich bin Gamer, BMW-Fahrer und Fan von Eintracht Frankfurt. Ich bin Deutscher. Ich bin nicht „gut integriert“, sondern ein natürlicher Bestandteil dieser Gesellschaft. Ich bin wegen meiner Fremdheit nicht interessanter als ihr wegen eurer Fremdheit. Ich bin mehr als nur meine Hautfarbe.

Ich bin hier! Und ich bin von hier!

14:42 21.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

M. Valeed A. Sethi

Ich (34, Sohn pakistanischer Flüchtlinge) bin Kinderchirurg in der Region Hannover. Ich arbeite für die Hilfsorganisation Humanity First.
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M. Valeed A. Sethi

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