deutsches Tagebuch, 3

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Sie war während einer ihrer nächtlichen Internetausflüge bei Immobilienscout gelandet und befand sich unversehens auf einer reizenden Website, die ein Häuschen im tiefen Südwesten Frankreichs, verborgen in einem Meer von blühenden Oleanderbüschen, anbot. Den Ortsnamen "Le Paradies" fand Heidelinde urkomisch und schon beim erstmaligen Lesen durchzuckte sie das vergessene Gefühl. Sie musste es einordnen, weil alles eingeordnet werden muss, denn ohne Einordnung fällt man in ein tiefes schwarzes Loch. Sie ordnete das Gefühl der Freude zu, allerdings in Ermangelung anderer Begriffe und stellte betrübt fest, dass sie viel von ihrem einst so reichen Sprachschatz ebenfalls vergessen hatte, denn das vergessene Gefühl war keine reine Freude gewesen. Sie schrieb sich die Telefonnummer auf, nur die, es war eine Festnetznummer.

Am nächsten Tag hatte sie einen überaus wichtigen Prozess am Oberverwaltungsgericht in München zu führen, es ging um eine Gebietsnutzungsänderung großen Ausmaßes. Heidelinde vertrat in diesem Prozess eine bekannte Hotelkette. Ihre Gedanken waren jedoch immer noch, seit gestern Nacht, in "Le Paradies", als ob dieser Ort sie von Ferne angesogen hätte , sie roch den Oleander und sah die kleinen geschlossenen Fensterläden, sie musste Maximilian anrufen, unbedingt. Der Richterspruch fiel positiv für ihren Mandanten aus und man lud sie zum Mittagessen ein, aber Heidelinde war verschwunden. Ff

17:01 03.12.2010
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Geschrieben von

Novalis

lebt halb in Frankreich, halb in Deutschland, suchte die Blaue Blume, fand sie und erkannte, dass Realität Illusion ist und Illusion Realität.
Novalis

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