deutsches Tagebuch 8

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Ansächen, ansächen, gucken, dann wissen warum.!" Dieser Junge am Fenster, der offensichtlich Raffael heißt, hebt ohne Aufforderung sein Gesicht und er sieht Stefanie Walters an. Ihr stockt der Atem. Aus einem feinen, bräunlichen Oval leuchten ihr strahlende, von dichten schwarzen Wimpern umgebene hellblaue Augen entgegen, die sie mit einer Herzlichkeit anlachen, dass sie beginnt zu schwanken und sich an einem Schülertisch festhalten muss. Ein Mädchen mit buntem Kopftuch, das an diesem Tisch sitzt, erklärt ihr:" Wir müssen alle ganz leise sein, sonst macht Raffael die Augen zu und dann kann sie niemand mehr sehen, und das wollen wir nicht." "Hallo Raffael," Stefanie Walters spricht extra leise und versucht ein kleines Gespräch in Gang zu bringen, sie ist verwirrt und weiß nicht, wie dieser Schulvormittag enden wird. Ihr Herz klopft mächtig und sie kann nicht orten, in welche Richtung. "Hallo, äh, Raffael, äh, sag mal... " Das Mädchen mit dem Kopftuch flüstert ihr zu:" Raffael ist stumm, er hat noch nie gesprochen."

Stefanie Walters weiß nicht, wie lange sie in diese Augen gesehen hat, sie spürt nur, wie sie in eine unbefestigte Zone ihres Daseins gleitet und herumirrt und sie erlebt in Bruchteilen von Sekunden den Gesang ihres eigenen, in einem stetigen Rhythmus an-und absteigenden Werden und Ent-Werden.

Es klingelt zur Pause und die Kinder gehen, ohne übereinander herzufallen, ohne Schubsen und Gekreische in den Schulflur. Stefanie folgt ihnen. Raffael überragt die anderen Kinder, dreht sich nach Stefanie um und sieht sie an. Stefanie weiß, dass ihr schon fertiges Versetzungsgesuch heute Mittag nach der Schule im Mülleimer landen wird. Fortsetzung folgt

14:53 17.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Novalis

lebt halb in Frankreich, halb in Deutschland, suchte die Blaue Blume, fand sie und erkannte, dass Realität Illusion ist und Illusion Realität.
Novalis

Kommentare 2