Von Makler- und Nazi-Jargon

Medienkritik In der ZEIT vergleicht Florian Werner Maklersprache mit der der Nazis. Stimmig ist das nicht.

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Ich war zunächst ganz angetan von dem Artikel, weil er Sprachkritik enthielt, eigentlich auch meine Domäne. Bei näherem Hinsehen entpuppt er sich jedoch als vordergründige und unwissende Angeberei, im Rekurs auf Victor Klemperer und den angeblichen Sprachgebrauch der NS geradezu als verfälschend.

Um die Ähnlichkeit zwischen Maklertexten und der Sprache des NS zu illustrieren, bemüht der Autor die folgende angebliche Analogie:

„Auch hier werden gestelzte lateinischstämmige Lehnwörter aneinandergereiht, bis jede allfällige Bedeutung unter der Last des Gelabers zusammenbricht.“

Einmal abgesehen davon, dass die Bedeutung dieses Satzes unter der Last des Gelabers zusammenbricht: seine Beispiele für lateinischstämmige Lehnwörter sind:

„Exterieur, Objekt, Mondänität, Novität, Exklusivität, Purismus“.

Sie sind, außer vielleicht dem wohl ursprünglich in der Sprache der idealistischen Philosophie benützten „Objekt“, samt und sonders unmittelbar Lehnwörter aus dem Französischen, was z.B. bei „Exterieur“ kaum verwundern dürfte, denn zur Zeit des Absolutismus wurde am Hof nicht nur französisch gesprochen, sondern die barocke Architektur orientierte sich an den französischen Schlössern, und mit der Sache wurden auch die Namen übernommen.

(Interessant in diesem Zusammenhang die Herkunft des Wortes „Balkon“, das aus dem Französischen ins Deutsche übernommen wurde. Ursprünglich kam es jedoch umgekehrt vom deutschen Wort „Balken“. In der Fachwerk-Bauweise, z.B. der nahegelegenen Schwarzwaldhäuser, wurden die Fußbodenbalken über die Grundmauer hinausgezogen und mit Dielen belegt, so dass man darauf ins Freie treten konnte. Das nasalierte „Balkon“ ist dergestalt ein in Stein gehauener Reimport des deutschen „Balken“.)

Überhaupt sind Lehnwörter eingedeutschte Fremdwörter, und kaum jemand wird „Exklusivität“ durch „Ausschließlichkeit“ ersetzen wollen, oder „Novität“ durch das veraltete „Neuheit“, außer man gehört zu den nationalsprachlichen Puristen. Deren Bewegung hatte in der Anfangsphase des Dritten Reiches einigen Einfluss, der dann jedoch zunehmend abflaute. Ob in Gegenwendung dazu ausgerechnet das Lateinische sich durchsetzte, darf tunlichst bezweifelt werden. Dazu bringt der Autor leider kein einziges Beleg-Beispiel.

Im Gegensatz dazu werden in der LTI wohl zumal Schlüsselbegriffe betrachtet, wie „heldenhaft, Bewegung, gleichschalten, Alljuda, fanatisch, total, Gefolgschaft, körperliche Ertüchtigung. Klemperer beschreibt die Überhitzung der nazistischen Offizialsprache durch die ständige Verwendung von Superlativen, die er einen Fluch nennt (Deutschlandfunk, 16.12.2013).

„Anders und ausnahmsweise mit einem Fremdwort gesagt: Es geht um soziale Distinktion.“

Wieso bedient der Autor sich hier „ausnahmsweise“ des Stils der „exklusiven Wichtigtuerei“. Er hätte auch schlicht sagen können: „Es geht um soziale Abgrenzung“.

Von der Attitüde der sozialen Distinktion ist allerdings auch Klemperer nicht allzu weit entfernt, wenn er schreibt: „Mit Fremdwörtern prunkt jeder Autodidakt“. Freilich, jemand, der Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris und Berlin studiert hat, Doktor und Professor geworden ist, darf sich schonmal erheben über die Armseligen, die es ihm gleichtun wollen, sich dann aber mal im Ausdruck vergreifen, also besser bei ihrem Leisten blieben, statt sich aus eigener Kraft zu den wahrhaft Gebildeten emporheben zu wollen.

„Das protzige Hochsicherheitsobjekt, in das die Gebildeten − oder zumindest Begüterten − dereinst einziehen sollen, wird bereits auf dem Feld der Semantik errichtet.“

Was den Herrn Florian Werner betrifft, so ist das jedenfalls erkennbar nicht sein ureigenstes Feld. Er wirft mit Steinen aus dem Glashaus. Zu den zumindest sprachlich einigermaßen Gebildeten würde ich mich wohl zählen, deshalb spreche ich zwar ggf. von „Reichen“, aber niemals von „Begüterten“, denn das ist ein anerkennendes oder gar bewunderndes Prädikat, das ursprünglich bedeutet: Im Besitz von Landgütern, vulgo: adelig. „Reichtum“ ist, in aristotelischen Kategorien gesprochen, eine akzidentielle, also zufällige und äußerliche, Begütert-Sein jedoch eine substanzielle, zum Wesen gehörige Eigenschaft. Ob aber die wahrhaft, autodidaktisch oder schulisch, Gebildeten sich derartige Immobilien leisten können, ist durchaus fraglich. Erfolgreiche Romanschriftsteller vielleicht, sofern man die dazu zählen kann.

Um das Feld der Semantik, hier in Gestalt der Metaphorik, noch einmal zu betreten: der „Anus auf dem Eimer“ schlägt dem Fass nun wirklich die Krone ins Gesicht. Die entsprechende Redensart lautet so lapidar wie trivial: „passt wie Arsch aufm Eimer.“ Dafür ist sich der Herr wohl zu fein, und er, der den Gebrauch lateinischer Lehnwörter für „tönendes Wortgeklingel“ erklärt, bedient sich vornehm der Sprache der anatomischen Wissenschaft. Nicht begreifend offenbar, dass „Anus“ „Ring“ bedeutet, also nur die „Austrittsöffnung des Darmkanals vielzelliger Tiere“ bezeichnet, welcher niemals nicht auf einen noch so kleinen Eimer passen tut. Ein Arsch ist hingegen eine runde Sache, die, nächtens auf dem Eimer sitzend, so manchen Schriftsteller oder Zeichner zu erotischer Kunst anregte.

Mit Anus assoziiere ich hingegen eher Analverkehr oder Anilingus. Jeder Geschmack ist halt anders.

Hätte ich das Wichtigste doch fast vergessen: das ist nicht die angeblich exklusive Sprache, die „aufgeplusterte Prosa“ findet sich so oder ähnlich in jeder, des NS unverdächtigen, Autoreklame wieder. Das Wichtigste sind die dergestalt überhöht angepriesenen Immobilienobjekte selbst, für Reiche oder von Reichen gebaut, die in den gr0ßen Städten immer größere Teile der Bevölkerung an den Rand drängen. Mit gebildeter Kalauerei a la „Friede den Hütten! Krieg dem Palaver!“ ist das eben nicht zutreffend kritisiert. „Krieg den Palästen“ passte schon.

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