Cloud of Consciousness

Der totale Markt Wie sich an jeden Akt unseres Bewusstseins ein Akt der Vermarktung anhängt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn der Mensch beginnt, sich selbst zu verkaufen, ist es offensichtlich, dass sich die alles durchwirkende Kraft des Konsums und der Marktlogik endgültig gegen ihn selbst gewendet hat.

Wir treten ein in das Zeitalter, in dem der Mensch sich bei höchster Weltdurchdringung völlig verliert...der Mensch wird zur Schwundstufe. Das menschliche Bewusstsein wird unendlich erweitert, dies aber mit immer kleiner werdendem Fokus auf den Menschen selbst. Der Markt löst den Menschen ab...virtuelle Warenströme nehmen uns das Selbstwert-Gefühl ab.

Es ist dies das Zeitalter, in welchem jeglicher Bewusstseinsakt direkt von einem konsumptiven Akt überlagert wird. Die virtuelle Beschleunigung der Welt durch das Digitale, das die altbekannte analoge Welt in diesem Jahrhundert endgültig transformieren wird, befördert das traditionelle Bild des Menschen ins Museum der Sonderbarkeiten. Der Mensch soll darauf konditioniert werden, seine Freiheit der vermeinten Logik des Marktes zu unterwerfen.

Was sich verkaufen lässt, ''passiert'' und ist relevant. An alles, was einst nur schön war, heftet sich nunmehr der Markt und macht es berechen- und konsumierbar. Derart werden die schönen Dinge käuflich. Schöne Dinge oder Gefühle, die sich nicht kaufen lassen, gehen dabei entweder auf der Wegstrecke verloren, weil sie in dieser zunehmend nur noch kalkulierenden Welt zerschlagen und verschwinden dann, weil sie nicht mehr verortet werden können. Den unbezahlbar schönen Dingen droht die Auslöschung. Werden sie vom Markt einverleibt, wird der Markt sie durchdringen und ihre Schönheit durch Ertragszahlen und ''sale-ability'' ruinieren.

Schließen Sie die Augen und denken Sie an etwas, das Ihnen unendlich schön vorkommt und dabei doch (noch?) nichts kostet. Und jetzt stellen Sie sich dieses Schöne bitte an die Marktlogik angeschlossen vor...kann es gegen den Markt bestehen und seine reine Schönheit bewahren, wenn sie es sich ''eingepreist'' vorstellen? Sie werden verspüren: das kann es nicht. Sie würden dieses Schöne nie und nimmer mit Geld in Verbindung bringen wollen...und doch ist genau dies, was derzeit mit allen Dingen und allen Lebensformen und durch die digitale Welt unendlich beschleunigt, geschieht: der Markt wird zur Invasivmacht, der alle Bereiche unseres Lebens durchdringt und auf ihre reine Nutzbarkeit und ''sale-ability'' hin durchkalkuliert. Ich habe dies den ''invasiven Kapitalismus'' genannt.

Das digitale Medium ist der Scherge und wirkmächtigste Agent des Marktes, der zur neuen Naturkraft wird. Das digitale Medium spiegelt dem Menschen eine Neue Welt vor, in der er seinen Geist ins Unendliche entfalten kann. Und tatsächlich ist dies in gewisser Weise der Fall. Die digitale Welt, die in den nächsten Jahren endgültig aus den ''Maschinen'' in die ''greifbare'' (analoge) Welt, wie wir sie kennen, einströmen und diese greifbare Welt und unsere Auffassung von ihr völlig verändern wird, schafft ein neues Kollektivbewusstsein, das sich jeder einzelne Mensch, zwar nicht in summa, aber doch partizipativ und jederzeit auf Abruf ''selbst bewusst'' machen kann. Da ist eine Art von Bewusstseins-Wolke (cloud of consciousness), die man nicht mehr eindeutig verorten kann, die aber mehr ist als das allgemeine Denken, eine Art Kollektiv des menschlichen und mitgeteilten Bewusstseins. Wäre es also nur um diese cloud of consciousness zu tun, das menschliche ''Projekt'' stünde vielleicht vor einem glückseligen Zeitalter der Erweiterung der Humanität und Hebung des Menschenbildes zu glücklicheren Formen.

Wäre da nicht ''der Markt'' und seine irrwitzige und notwendige Logik der Kompatibilität an dieses Kollektivbewusstsein. Der Markt überlagert das mitgeteilte Bewusstsein und macht es käuflich. Der tiefere Grund des mitgeteilten Bewusstsein ist plötzlich nicht mehr der Zweck einer Botschaft, der Zweck einer mitgeteilten Bewusstseinseinheit, sondern der Zweck der mitgeteilten Botschaft wird durch den Markt und seine infame Logik allein noch der ''Marktwert''. Der ''Marktwert'' ist Selbstzweck, der nach der Mathematik auf Gewinn und Preis ausgerichtet ist, nicht auf unvermitteltes Glück, Freiheit oder Autonomie. Der Mensch wird ausgerichtet und relativ...relativ zum Markt. Wir dürfen uns nicht scheuen, von einer Apotheose des Marktes auszugehen.

Wenn sich der ein oder andere Leser nun fragt: ''Was aber kümmert mich der Markt?'', dann möge er bitte überlegen, wie sehr ihn der Markt kümmert. Oder wie sehr sich bereits der Markt UM IHN kümmert. Dem Markt ist daran gelegen, den einzelnen Menschen und seine Bewusstseinsmitteilungen relevant (einmal mehr das Zauberwort: die Relevanz!) zu machen, damit der Bewusstseinsakt auffällt, share- und sale-able wird. WAS dabei relevant wird und sei es exakt dieser marktkritische Text hier, ist völlig egal. Der Markt schafft es, alles sale-able zu machen, eben weil er wie der Gott der Philosophen die ganze Welt durchdringt. Er kennt daher kein Gegenteil...selbst Kräfte, die sich advers gegen ihn richten, kann er vermarkten und aufwerten, solange er diese gegen ihn gewandten Kräfte relevant machen und sie zugleich verkaufen kann.

Der überzeugende Feind des Marktes ist die fehlende Wertsteigerung, die ausbleibende Vermarktung. Dass dahingegen der Rock'n Roll (als ein enttäuschendes Beispiel für viele) jegliche Widerstandskraft gegen das bestehende System verloren hat, liegt daran, dass auf den schönsten Indie-Festivals alles, aber auch wirklich alles Sponsoren-verkleistert ist. Wir erinnern uns:

''Your self-destruction doesn't hurt them.
Your chaos won't convert them.
They're so happy to rebuild it.
You'll never really kill it.
Yeah, excess ain't rebellion.
You're drinking what they're selling...''

Der kritische Konsument? Bleibt Konsument...der kritische Konsument ist kein Kritiker, sondern formuliert allein einen ansonsten völlig irrelevanten Subkommentar zu seinem eigenen Kaufverhalten, das er aber nicht unterlassen kann und wird. Der kritische Konsument sitzt mit seinem Apple im Oberholz und bloggt über die menschenunwürdigen Produktionsumstände von Apple-Geräten durch Foxconn in China.

Es ist unser neu aufziehendes Zeitalter, das Hyperium. Der Mensch im Hyperium konsumiert sich selbst und seine eigenen Grundlagen...während der Mensch immer unbewusster wird, zieht er den Markt zu einem universalen Moloch durch, der alles durchdringt...die neue Naturkraft auf der Erde ist der Markt. Er berechnet eine Welt, die ausschließlich noch aus Warenströmen und konsumier- und handelbaren Bewusstseinakten bestehen soll. Ziel dieses Marktes ist nicht die Beförderung des Menschenglückes, was er in kleinen Lippenbekenntnissen in der Werbung aber implizit verspricht, sondern allein die Simulation des Glücks. Diese Simulation kann man sich kaufen, eine kleine Weile davon zehren und dann muss man sie wieder kaufen. Und jeder einzelne von uns ist schäbiger Agent dieser Glückssimulation durch den Markt oder soll das sein: daher trichtert man uns ein, wir seien in Zukunft alle Produzenten und sicher irrsinnig erfolgreiche Verkäufer, wenn wir uns nur selbst gut und willfährig genug vermarkten, wirklich: ver-markten!

Dabei wird alles eingepreist und ver-wertet, damit es wert-voll erscheint. Wohin sich die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein (einer gedachten Masse) wendet, da keimt schon der Preis. Das kostenlose ursprünglich Schöne wird ''aufgewertet'', transformiert (dabei geht das ursprüngliche Schöne durch die Einpreisung unwiederbringlich verloren) und dann verkauft. Was man vorher in schöner Besinnlichkeit ohne auch nur den leisesten Gedanken an einen ''Preis'' bewundern durfte, ist plötzlich nur noch ''interessant'', hip oder ''faszinierend'' und kann und soll gekauft werden, damit man daran teilhaben ''darf''. Wo etwas einfach nur da war, ist es plötzlich ein Event geworden und unterliegt einer Lizenz, weil irgendwer entdeckt hat: ''Hey, ich kann einen Preis daran haengen.'' und sich nun daran bereichert, die Anteilhabe am vermeinten Schönen (das dies dann schon längst nicht mehr ist) verkaufen zu können. Irgendwann kann man dann noch die wohlgemeinte (aber gerade deshalb so perfide gängige und durchschaubare) Lüge an das Argument anhängen: ohne die Menschen, die für dieses ''Event'' zahlen, gäbe es eben dieses schöne ''Event'' nicht (mehr). Man kennt dieses Argument z.B. aus dem Tierschutz oder von um ihre Einkünfte bangenden und deshalb jammernden ''Künstlern'' (wer hat da grad an Sven Regner gedacht? Wie können Sie nur, lieber Leser?)

''They paved paradise and put up a parking lot,
with a pink hotel, a boutique and a swinging hot spot...

They took all the trees and put them in a tree museum...
then they charged all the people a Dollar and a half to see them...''

Joni Mitchell, Big yellow Taxi

Wo wir also alle zu Marktgläubigen und auf Kauf/Verkaufseligkeit konditioniert werden und zu Agenten des Glückes der Wenigen, die davon WIRKLICH profitieren (profitieren!), werden wir alle in selber Konsequenz zu Simulanten des Glückes. Dabei geraten wir uns selbst immer mehr aus dem Blick und glauben zunehmend daran, dass wir Glück kaufen und verkaufen können und dass der Markt und der Markt allein unser Glück ausrichten wird...

Wenn Sie jetzt nicht verstanden haben, wovon ich hier ueberhaupt rede, legen Sie sich diesen Text bitte zur Wiedervorlage auf, sagen wir: November 2017...

...nächstens mehr...

07:54 29.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Paul Duroy

Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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Paul Duroy

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