Die Deutsche Universität Kairo

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Am Mittwoch den 8. Juni planten einige Studenten eine Protestaktion in der German University Cairo (GUC). Man fährt über eine Stunde aus dem Downtown, bei Stau sind es auch schon Mal drei, bis man in New Cairo City ist, wo 2003 die Deutsche Universität gebaut wurde. Diese Privatuni wirbt damit, unter der Aufsicht und in Kooperation mit den deutschen Universitäten in Stuttgart und Ulm zu stehen, ferner der deutschen Bildungsministerium, der Botschaft, der Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) und der Goethe-Institut. Es ist unklar, wieviel deutsche Steuergelder hier hingeflossen sind.Erwartet wird jedenfalls eine Institution für kulturellen Austausch und mit einer Top Ausbildung. Diese Uni ist eine Art Vorzeigeprojekt der deutschen Industrie und soll ein wichtiger Brückenkopf für die Märkte des Nahen Osten. Direkt dran soll ein großer Industriepark entstehen, deren erste Gebäude bereits hochgezogen sind. Eine Studentendemo in der deutschen Uni klingt dann auch erstmal harmlos. Die Brisanz dieser Geschichte liegt darin, dass diese Uni zwar deutsch heißt, aber wie ein ägyptisches Konzern aus dem System Mubarak geführt wird.

Ich erfuhr von der Aktion über Mustafa, den uns eine Professorin der amerikanischen Universität empfohlen hatte. Als ich die Aktion zu filmen begann, erstaunten sie alle, dass ich eine Kamera durch die Security bekommen hatte. Ich hatte eine Einladung vom jemanden mit hohem akademischen Grad, und so ging die Security fest davon aus, dass ich aus Deutschland wegen Geschäfte, aber sicher nicht für die paar Demonstranten hergereist bin, so wurde meine Tasche nicht durchsucht. Mustafa erzählte mir dann auch vor der Kamera ausführlich von der Sicherheitspolitik. Er ist am Golf aufgewachsen, spricht fließend englisch und hat nichts mehr zu befürchten, in zwei Wochen macht er seine letzten Masterprüfungen und ist hier durch. Die Security bewacht nicht nur die Eingänge, sondern ist auf jede Etage, in jedem Hof. Die Bewegungen der Studierenden und der Mittelbau sind unter ständiger Überwachung. Auch deren soziale Medien. Mustafa war z.B. war vor einigen Wochen auf einer Konferenz in Dubai eingeladen. Doch nach der Revolution twitterte er über die miesen Zustände der Uni. Prompt bekam er eine Nachricht, dass er nicht die Uni repräsentieren kann und seine Reise wurde gestrichen. Ungefähr zwei Monate nach dem Sturz Mubaraks machte einige Studierende einen Sit-In mit der Forderung nach einer offiziellen Gewerkschaft. Daraufhin wurde ein gutes Duzend dieser Leute vorübergehend exmatrikuliert.

Die Aktion am 8. war in Solidarität mit dem Mittelbau. Zunächst war aber niemand von Ihnen dabei. Die 2 Hand voll Studenten zogen mit einigen Selbstbemalten A3-Schildern in den Händen durch die Gänge. „Wir sind heute nicht für unsere Forderungen hier, sondern in Solidarität für Andere“ sagt mir ein Freund von Mustafa. Sie reden mit den offiziellen und einigen Kommilitoninnen und nach einer Weile wuchs die Gruppe auf gut 40 an. Nun lernte ich einige TAs (Teachers Assistants) kennen, wie der Mittelbau hier genannt wird. Sie nahmen mich hoch in einem der Büros. „Die Security wird sicher herkommen und fragen, was wir den so gemacht haben“, sagte mit Salma, in deren Büro wir uns trafen.Über zwei Stunden erzählten sie von den Missständen, aber vor die Kamera wollte keine von Ihnen.Deren Löhne sind seit der Gründung der Uni nicht gestiegen, so um die 400 Euro verdienen sie. In Ägypten sind nicht die ärmsten, aber sogar dort schreibt das Arbeitsgesetzt einen jährlichen Inflationsausgleich der Löhne zwischen 6-10% vor. Die vollen Stellen sind jeweils auf 14 Stunden Lehre, Administration und Forschung ausgelegt. Die 14 Stunden Leere frisst aber alles auf, weil soviel Vor- und Nachbereitung dazugehört. „Schau dir Mal die Veröffentlichungen der Uni an, dann sieht man, dass hier kaum noch geforscht wird, es wird nur noch Geschäft gemacht“. Die Studiengebühren sind zwischen 3000 und 6000 Euro im Jahr. Dazu stellt die Uni ständig Rechnungen für Prüfungen und Sonderleistungen. Auch ihre Mails wurden schon mal geöffnet und gelesen. Studenten haben erzählt, die Uni wollte sie als Spione zur Überwachung der TAs abwerben, und bot als Gegenleitung geschenkte Prüfungen. Politisch Engagierte hätten es besonders schwer. Sie bekamen Drohungen ihre Stipendien zu verlieren. Als im Februar der bekannte Prof. Amr Hamzway in der Uni war, um über Menschenrechte zu sprechen, wurde die TA, die ihn eingeladen hatte zwangsversetzt.

In den Fluren der Uni gibt es eine Fotoausstellung über die Revolutionstage am Tahrir. Ja, Die Revolution ist auch langsam hier angekommen. Das sieht man auch in dem kleinen Kreis der engagierten Studis und den TAs an, die langsam ihre Angst verlieren und für ihre Rechte eintreten; in dieser deutsch genannten und geförderten Uni, die wie ein ägyptischer Konzern aus dem System Mubaraks geführt wird.

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14:59 22.06.2011
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Geschrieben von

Pedram Shahyar

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