Hayek endlich den Garaus machen

Die Buchmacher Stephan Schulmeister legt einen lesenswerten Frontalangriff auf den Neoliberalismus vor
Pepe Egger | Ausgabe 30/2018 6
Hayek endlich den Garaus machen
Die Abrissbirne gegen neoliberale Theoriegebäude schwenken – reicht nicht aus

Foto: Odd Andersen/AFP/GettyImages

Stephan Schulmeister hat seinen großen Wurf vorgelegt. Der Weg zur Prosperität ist, mit Fußnoten und Blibliografie, fast 500 Seiten stark, aber trotzdem kein dicker Brocken, sondern eher ein massiver, auf Lesbarkeit hin geschriebener Frontalangriff auf den Neoliberalismus. Der österreichische Ökonom, der von sich selbst sagt, er sei „gar kein Linker“, und hier die Ergebnisse seines 40-jährigen Arbeitslebens am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO in Wien verdichtet, versucht nicht weniger, als die „neoliberale Marktreligiösität“ zu desavouieren, ja: ein für allemal zu beerdigen.

Dass er sich dabei ein Vorbild an Friedrich von Hayek nimmt, dem Großmeister des Neoliberalismus, verschweigt Schulmeister nicht: Schon der Titel ist eine Anlehnung an Hayeks 1944 erschienenes Hauptwerk Der Weg zur Knechtschaft, während die Widmung „Den Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft“ jene von Hayek („Den Sozialisten in allen Parteien“) ironisiert. Selbst noch die Bemühung um Verständlichkeit folgt Hayeks Einsicht, dass die wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung ein Kampf um die Deutungshoheit auch unter Nichteingeweihten ist, um die akademisch-politisch-mediale Hegemonie. Dieser Einsicht verdankt sich ja nicht zuletzt die Vorherrschaft des Neoliberalismus als hartnäckiges Paradigma seit den 1970er Jahren, als Brille, durch welche wir die Welt wahrnehmen.

Eben dieses Paradigma will Schulmeister nun also demolieren: von seiner mikroökonomischen Uridee (der These, Märkte seien selbstregulierende Systeme) bis zu seiner makroökonomischen Doktrin (freie Wechselkurse fänden von allein ihr fundamentales Gleichgewicht, Arbeitslosigkeit sei durch Lohnsenkungen und Sozialabbau zu bekämpfen, Staatsschulden durch Austerität). Schulmeister nimmt immer neue Anläufe, attackiert die Theorie (etwa Friedmans tautologische Thesen zur Selbstregulierung der Finanzmärkte oder zur strukturellen Arbeitslosigkeit) und die Praxis (die Desastertherapie in Griechenland).

Man findet so eine Ehrenrettung Adam Smiths gegen die Verfälscher des Diktums von der „unsichtbaren Hand“, und eine Ehrenrettung Keynes gegen die „Trivialkeynesianer“, die die Wirtschaft als Dampfmaschine sehen, bei der sie mithilfe von Inflation an der Arbeitslosigkeitsrate drehen können.

Herzstück ist Schulmeisters These vom Gegensatz zwischen „realkapitalistischer und finanzkapitalistischer Spielanordnung“: Weil das Profitstreben seit den Siebzigern immer mehr auf den deregulierten Finanzmarkt statt auf die realkapitalistische Güterproduktion geleitet worden sei, waren steigende Staatsverschuldung und sinkendes Wachstum zwangsweise die Folge. Jede negative Konsequenz der Anwendung des neoliberalen Programms aber, wie steigende Arbeitslosigkeit und Rezessionen, wurde mit der ebenso falschen Therapie bekämpft und zeitigte so immer neue Probleme.

Schulmeister gibt sich nicht damit zufrieden, die Abrissbirne gegen das neoliberale Theoriegebäude zu schwenken, sondern entwirft auch eine neue Blaupause zum Wiederaufbau, eine „Navigationskarte“ zum Erreichen von Prosperität: „Ruhigstellung“ der Finanzmärkte, eine europäische Investitionsstrategie und ein „öko-sozialer Wachstumspfad“, schließlich eine Erneuerung des Sozialstaats auf europäischem Niveau.

Es ist zu wünschen, dass Der Weg zur Prosperität mindestens ebenso erfolgreich sein wird wie Hayeks Weg zur Knechtschaft.

Info

Der Weg zur Prosperität Stephan Schulmeister Ecowin Verlag, 2018, 475 Seiten, 28 €

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