Kolumne #6 Erwartungen oder die Arbeit des Wartens

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Es mutet fast soldatisch an, was wir uns oft selbst antun, indem wir nichts weiter tun, als etwas zu erwarten. Ein Plädoyer für den bewussten Kontrollverlust.

Was genau wollen Sie jetzt lesen? Dass ich – warum auch immer – d i e Antwort auf die Eurokrise habe? Nun ich kann so viel sagen: Auf kurz oder lang bricht jeder Staat, jedes Unternehmen, jeder Mensch unter einem Schuldenberg zusammen, wenn er eine gewisse Größe überschreitet. Das ist reine Mathematik und äußert sich in einer exponentiellen Gleichung. Wir sagen, dass wir den Griechen helfen wollen. Indem wir ihnen wieder und wieder neue Kredite geben, für die wir wieder und wieder neue Zinsen kassieren. Und das ist nicht ungewöhnlich. Auch der Bauer füttert seine Kuh ja auch nicht aus reiner Tierliebe. Er tut es vor allem, um sie zu melken. Da können wir uns das Gequatsche über Solidarität sparen. Wir wollen unseren eigenen Arsch retten und wenn möglich noch ein wenig Reibach dabei machen.

Aber wenn mein Klassenkamerad aus der Schulzeit, heute Investmentbanker, sagt, dass die Griechen ihre Schulden eh niemals werden begleichen können, dann frage ich: Wieso behaupten wir das dann die ganze Zeit? Wieso gaukeln wir es uns und ihnen vor? Wieso, frage ich meinen Bankerfreund, jammert ihr über einen Schuldenschnitt, wenn ihr einem Staat euer Geld anvertrauen, der das fiskalische Verantwortungsbewusstsein eines Säufers besitzt. Nichts für ungut liebe Freunde. Aber ich gehe auch nicht in die Fußgängerzone und leihe dem einbeinigen Obdachlosen Geld für einen Schuss, noch oben drauf in der Hoffnung, die Summe plus Zinsen zurückzuerhalten.

Aber das hatten wir alles schon mal. Und nur weil ich das Problem beschreiben kann, habe ich noch längst keine Lösung im Ärmel.

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Also nochmal: Was wollen Sie hier lesen, was erwarten Sie von mir? Erwartungen, Erwartungen , Erwartungen. Genau darüber will ich hier mit Ihnen reden. Nehmen wir dieses Wörtchen einmal auseinander: er-warten. Wir warten also auf etwas – das aber nicht etwa passiv und geduldig. Jemand, der etwas erwartet, hat nichts von einem Angler, der seine Rute ins Wasser hält und weiß: Ich kann den Fisch zum Anbeißen nicht zwingen. Erwarten ist aktiv. Das zeigt das Präfix (heißt doch so oder?). Es wirkt auf das Verb zusätzlich aktivierend, ähnlich wie bei Worten wie erarbeiten, erkaufen, erschaffen. Als könne man durch reines Warten etwas kreieren, das man im Vorfeld mit einer konkreten Vorstellung forciert.

Nicht nur, dass wir ein fixes Bild von dem haben, was durch soldatisches Warten erkämpfen wollen. Oft setzen wir uns auch noch einen konkreten Termin dafür, wann etwas einzutreten hat, wie wir es zuvor auf dem Reisbrett entworfen haben. „Mit 30 will ich ein Haus, ein Auto, eine Frau und zwei Kinder.“ Etwas erwarten, ist die absurde Variante des Erhoffens. Denn wenn man sich etwas erhofft, gesteht man sich noch die Möglichkeit des Scheiterns ein. Man ist dankbar, wenn es klappt, kalkuliert aber auch Verluste ein. Erwarten hat etwas Kindisches. Wenn man fürs Warten nicht belohnt wird, wird man patzig. Der Grund: Man nimmt es für selbstverständlich. Erwartung funktioniert ohne jede Dankbarkeit. Und das wichtigste: Sie können in keinem Fall glücklich machen. Denn dass das Erwartete eintrifft, ist ja nur die Norm, die für sich noch keine Euphorie auslöst. Trifft es hingegen nicht ein, ist man enttäuscht. Und die Wahrscheinlichkeit dafür, ist immer die höchste. Dass das Erwartete genau so wie vorgestellt und zum passenden Zeitpunkt eintritt, grenzt an unmöglich.

Dass zeigt sogar die aktuellen Krise. Die Märkte verharren in einer Dauer-Miesepetrigkeit, weil sie nichts als Erwartungen äußern. Und dazu noch immer solche, von denen sie wissen, dass sie nicht eintreten werden. Aber auf die Erwartungen der Märkte sei an dieser Stelle mal gehörig gepfiffen. Sie sind wie verwöhnte Kinder, die nie zufrieden sind.

Es soll um Erwartungen an die jeweils anderen gehen. Oder vice-versa um das, was andere von einem selbst erwarten. Dass auch diese Gleichung nicht aufgehen kann, bedarf im Grunde keiner großzügigen Analyse. Es sind in jedem Fall zu viele Akteure im Spiel, als dass man ihre Handlungen exakt kalkulieren könnte. So ist es unmöglich, dass die anderen einen selbst in ihrem Tun zufriedenstellen. Umgekehrt ist niemand fähig, alle Erwartungen der jeweils anderen zu antizipieren. Sobald Interessen zweier Außenakteure kollidieren, zerreißt es das eigene Ich, sofern man den anderen gegenüber immer erwartungskonform handeln möchte.

Aber wie ist das mit einem selbst? Die größten Erwartungen – so ist es jedenfalls bei mir – stellt man doch an sich selbst. Im Grund geht es da nur um einen Akteur, der zufriedengestellt werden will. Allerdings sind die gesteckten Ziele in den meisten Fällen in einer sozialen Umwelt verortet. So bleibt man doch von anderen Spielern abhängig. Dennoch glaubt man, die Kontrolle über die eigene Entscheidungszentrale zu besitzen.

Aber wer ruft da so laut? „Du willst etwas erreichen im Leben.“ Wer stellt diese Erwartung? Und warum ist derjenige so naiv in seiner Forderung, hatte er doch genug Zeit, zu beobachten: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Warum geben wir uns diesem verhängnisvollen Spiel hin, wo wir doch wissen, dass wir nur als Verlierer da rauskommen können?

Wir suchen Kontrolle, versuchen den Lauf der Dinge zu steuern. Doch sobald wir das Erstrebte zu fassen bekommen haben, entgleitet es uns doch. Oder wir halten es so fest in unserer Hand, dass es sich verformt und wir darüber erschrecken, weil es nicht mehr ist, was wir einst so leidenschaftlich ergriffen. Im Zwang unseres Griffes hat es das verloren, wofür wir es erstrebten.

Wenn wir also wissen, dass wir erstens nicht alles lenken können oder viel durch Kontrolle zerstören, wieso haben wir dann nicht den Mumm, Kontrolle aufzugeben, uns von Erwartungen zu lösen? Zu sagen: Hier ist mein Entwurf für das Drehbuch, aber meinetwegen können wir auch Impro-Theater spielen. Der Grund ist einfach: Wir Menschen streben nach Sicherheit. Wir glauben über Kontrolle diese Sicherheit zu bekommen. Das jedoch ist ein Trugschluss. Völlige Kontrolle ist ausgeschlossen. Wir belügen uns also und bewegen uns so in einem Klima ständiger Angst. Wir spüren, dass die Gleichung Kontrolle= Sicherheit nicht aufgeht. Wie also leben?

Mit Mut zum Paradoxon. Jene, die sich vom Krampf, alles kontrollieren zu wollen, lösen, leben in der größten Sicherheit. Nämlich jener sich gewiss zu sein, dass man immer bereit ist, Kursänderungen mitzugehen, die nicht im Reiseplan standen. Umwege erweitern bekanntlich die Ortskenntnisse. Die einzig wahre Sicherheit ist das Selbstbewusstsein. Gemeint ist nicht das Ego, sondern eine Form der Selbstannahme, die gelassene Erkenntnis: So bin ich und das ist völlig Ordnung. Der Mut, sich aus diesem Bewusstsein heraus auch den nächsten Schritt ins Dunkle zuzutrauen.

Und wenn man fällt? Je nach Körpergrößte beträgt die Fallhöhe zwischen 1,60 Meter und 2,10 Meter. So viel kann man sich da nicht brechen. Außerdem tut so ein Fallen auch mal ganz gut und gibt die Gewissheit: „Die Erde trägt mich“. Jeder Sturz holt einen in gewisser Weise wieder auf den Boden zurück.

Klingt sehr idealistisch – vielleicht. Und natürlich kämpfe ich mit den eigenen Erwartungen an mich selbst. Es ist ganz schön schwer, auch wenn man eigentlich nicht viel dafür tun muss, Kontrolle aufzugeben. Doch man muss eben auch viel nicht tun. Und das wiederum ist doch oft schwieriger als man meint. In dem Sinne ein Versuch:

Eigentlich war es doch einfach. Nur wenn ich das immer so täte, hätten Sie hier nichts zu lesen.

22:14 16.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Knobloch

Seit September arbeite ich als ifa-Redakteur bei Radio Neumarkt in siebenbürgischen Neumarkt, Târgu Mureș
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Peter Knobloch

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