Wegen einer Kommunistin bricht in Berlin der Verkehr zusammen

Angela Davis Am Donnerstagabend musste rund um den Berliner Oranienplatz der Straßenverkehr gesperrt werden, weil Tausende die bekannte Kommunistin aus den USA hören wollten

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Die Bürgerrechtlerin Angela Davis spricht – und legt in Kreuzberg den Verkehr lahm
Die Bürgerrechtlerin Angela Davis spricht – und legt in Kreuzberg den Verkehr lahm

Foto: Andreas Solaro/AFP via Getty Images

Eigentlich ist man immer ärgerlich, wenn es wieder einmal heißt, dass der Bus nicht weiterfahren kann, weil eine Straße gesperrt ist. Das passiert ja in Berlin ständig. Doch am 6. Oktober hatte die Straßensperrung einen guten Grund. Der Andrang zu einer Rede der US-Kommunistin Angela Davis auf dem Oranienplatz war so groß, dass die Straßen rundherum gesperrt werden mussten. Kein Auto und kein Bus konnten mehr fahren. Da geht man doch als Linker gerne mal zu Fuß und freut sich, dass der Straßenverkehr zusammenbricht, weil so viele Menschen die Rede einer Kommunistin hören wollten. Das ist in diesen Zeiten der Reaktion schon bemerkenswert, besonders, wenn man sich das Publikum ansah, das zu der Rede kam. Es waren überwiegend junge Leute aus unterschiedlichen Ländern, männlich, weiblich, divers. Schließlich war die Rede von Davis Teil der Baustelle O-Platz.

Dort wird an den 10 Jahrestag des Herbstes der Migration gedacht, als Geflüchtete aus verschiedenen europäischen Ländern den Oranienplatz zum Zentrum des Kampfes um Bewegungsfreiheit machten. Der Kampf war am Ende nicht wirklich erfolgreich, aber das Feuer des Aufstands, das damals von dort entzündet wurde, ist noch nicht erloschen. Das wurde jetzt mit der Jubiläumsveranstaltung deutlich. Angela Davis wurde nicht zufällig als Rednerin eingeladen. Sie war 2015 schon einmal auf dem Oranienplatz, als die migrantische Besetzung unter Druck geriet.

Wo waren die Menschen, die vor 50 Jahren Karten und Rosen an Angela Davis geschickt haben?

Der große Andrang am Donnerstagabend zeigte, dass Kommunist*innen auch noch Massen begeistern können. Man fragt sich, ob auch Menschen gekommen sind, die vor über 50 Jahr in den Schulen der DDR an der Kampagne "Rosen für Angela Davis" teilgenommen haben. Damals bestand die Gefahr, dass die Kommunistin hingerichtet wird. Sie wurde beschuldigt, an einer missglückten Gefangenen-Befreiungsaktion beteiligt gewesen zu sein. Es gab eine weltweite Solidaritätsbewegung. Darin beteiligte sich auch die SED und die FDJ in der DDR. Angela Davis war viele Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei der USA und war auch mehrmals Präsidentschaftskandidatin für ihre Partei. Auch wenn sie mittlerweile nicht mehr Parteimitglied ist, hat sie sich nie von ihrer kommunistischen Vergangenheit losgesagt. Doch sie hat auch theoretisch gegen eine rein ökonomistische Lesart des Marxismus gekämpft. In ihren Büchern hat sie stets auf den Zusammenhang von Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat verwiesen. Davon könnten die Linksparteipolitiker*innen etwas lernen, die sich jetzt seit Jahren über die Frage Klassen- versus Identitätspolitik zerstreiten. Hätten sie mehr Texte von Angela Davis gelesen, hätten sie sich den Streit vielleicht ersparen können. Sie hat in ihrer Theorie und Praxis immer wieder gezeigt, dass es sich um keine Widersprüche handelt. Es wäre gerade die Aufgabe der Formulierung einer zeitgemäßen kommunistischen Politik, Klassenpolitik mit dem Kampf gegen Patriarchat und Rassismus immer wieder zusammenzubringen. Man lese nur ein Buch von Angela Davis und halte Sahra Wagenknechts "Die Selbstgerechten" daneben. Da wird der Unterschied zu einer sozialdemokratischen Populistin und einer Kommunistin auf der Höhe der Zeit augenfällig. Man würde sich wünschen, dass sich mehr der Menschen, die vor 50 Jahren mal Briefe und Rosen an Angela Davis geschrieben haben, sich auch heute mit ihrer Politik in Theorie und Praxis beschäftigten.

Keine Popikone

Umgekehrt würde man sich wünschen, dass die vielen vor allem jungen Menschen, die am 6. Oktober Angela Davis sehen und hören wollten, sie nicht wie eine Popikone abfeiern, laut applaudieren und dann zum nächsten Event verschwinden. Teilweise konnte man beobachten, dass, kaum hatte Angela Davis das letzte Wort gesagt, sich der Oranienplatz leerte. Wenn zumindest die Hälfe der Menschen, die in Kreuzberg den Verkehr zusammenbrechen ließen, sich mit den Schriften von Angela Davis und anderen Kommunist*innen praktisch und theoretisch befassen würden, dann sähe es um die gesellschaftliche Linke auch in Deutschland besser aus.

Peter Nowak

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