Anwohner*innen kämpfen für ihren Späti

#r6bleibt Es handelt sich mit dem Kampf um Spätis um urbane Kämpfe für den Erhalt von Orten, wo sich Menschen aufhalten können ohne ständig zu konsumieren.
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Anwohner*innen kämpfen für ihren Späti

Foto: juliaviajando/Flickr (CC BY 2.0)

Eigentlich sollte es am vergangenen Samstag ein Straßenfest werden, dass den Bestand des Spätis in der Raumer Straße 6 in Prenzlauer Berg rettet. Statt dessen wurde es ein Abschiedsfest für die Betreiber*innen Züleyha und Özgür Simsek. Sie müssen nach mehr als 5 Jahren den Laden räumen, weil im Kopf ihes Gewerbemietvertrags die Adresse fehlt. Ein kleiner Formfehler, den die Simseks nicht zu verantworten haben, wurde von der Hauserbin genutzt, um den Laden zu räumen und teurer zu vermieten.

Seit Wochen mobilisieren seitdem Anwohner*innen unter dem Hashtag #r6bleibt für den Erhalt des Ladens. Es gab eine Plakat- und Unterschriftenaktion, eine Petition wurde gestartet und am vergangenen Samstag zeigte das Straßenfest, dass Menschen aller Altersgruppen sich für den Späti einsetzen. In der Nachbarschaftsgruppe engagieren sich Anwohner*innen, die sich regelmäßig vor dem Späti getroffen haben. „Als wir von der Kündigung hörten, dachten wir, dagegen müssen wir aktiv werden“, sagte David, einer der Festorganisatoren.

Kampf um den Helmholtzplatz vor mehr als 20 Jahren

Der Laden war ein „Anlaufort fürJugendliche, Sozialschwächere und Unangepasste“, heißt es in einer 20seitigen Broschüre, in der „urbaner Aktivismus im Kiez“ für den Erhalt des Späti dokumentiert wurde. Erstellt hat die Doku ein Student für Stadtsoziologie an der HU-Berlin. Einer seiner Dozenten ist Andrej Holm. Der gehörte vor mehr als 20 Jahren zu den Stadtteilaktivist*innen, die in einen Laden in der Dunkerstraße Mieter*innenberatung machten und sich gegen die Verdrängung von Unangepassten und Sozialschwächeren vom Helmholtzplatz engagierten.

Zu den Aktionen gehörten unter anderem ein Protestpicknick für Alle, zu dem ausdrücklich auch die Bevölkerungsgruppen eingeladen waren, die eigentlich verschwinden sollten. Lange hatte man wenig über Proteste rund um den Helmholtzplatz gehört. Es schien, als hätte die Gentrifizierung gesiegt, aber wer genau hinschaute, konnte auch die Erfolge der urbanen Kämpfe sehen. Die Unangepassten konnten nicht vom Platz vertrieben werden und mit dem Kampf um den Späti begann ein neuer Zyklus von Auseinandersetzungen, die als urbane Kämpfe gut beschrieben sind.

Die meisten der heutigen Protagonist*innen werden nichts von den Kämpfen von vor mehr als 20 Jahren wissen. Viele sind später in den Kiez gezogen oder sind die Kinder der Menschen, die in den 1990er Jahren dort hingezogen sind. Und doch zeigt der Kampf um den Späti, dass der Kapitalismus und seine Widersprüche immer wieder solche Kämpfe erzeugen. Neben dem Kampf um Verdrängung von Mieter*innen geht es immer wieder auch um den Erhalt von Orten, an denen die Menschen ohne großen Verzehrzwang zusammenkommen und sich treffen können. Spätis sind solche Orte, wo Menschen auch mit günstigen Bier stundenlang verweilen können oder ständig konsumieren zu müssen. Deshalb gab es in Berlin in der letzten Zeit Kämpfe um den Erhalt von Spätis in Kreuzberg und Neukölln und jetzt auch in Prenzlauer Berg.

Auch in Hamburg wird um den Erhalt von Spätis gekämpft. Der Begriff urbane Kämpfe ist sehr treffend. Es geht um den Erhalt eines sozialen Treffpunkts im Kiez, wo Geld und Ansehen keine Rolle spielen. So ist der Kampf um den Erhalt eines Spätis auch ein Beitrag für eine neue Solidarität in den Städten. Der Späti in der Raumer Straße 6 wird am 20.August erst einmal die Räume verlassen, Die Simseks hoffen noch immer auf einen neuen Laden in der Umgebung. Und manche, die sich jetzt aktiviert haben, werden wohl auch in Zukunft einen kritischeren Blick auf die kapitalistische Stadtentwicklung nehmen, dass den Menschen mit wenig Geld ihre Spätis und am Ende auch ihre Wohnungen nimmt. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Spätis auch Orte von schlecht bezahlter Lohnarbeit ist. Vor mehr als 10 Jahren hat ein Beschäftigter erfolgreich gegen die Dumpinglöhne bei einen Späti in Berlin-Friedrichsshin gekämpft.

Peter Nowak

Der Autor hat kürzlich gemeinsam mit dem Soziologen Matthias Coers das Buch "Umkämpftes Wohnen - Neue Solidarität in den Städten (https://umkaempftes-wohnen.de) herausgeben und denkt, dass in den Kampf um die Spätis als Orte ohne Konsumzwang neue Kapitel darin geschreiben werden

03:06 17.08.2020
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