Buch des Tages - Kaltland

Kaltland, Rotbuch Die Debatte um den ultimativen Wenderoman ist mir egal. Das Buch nicht nur aber besonders zum 3.Oktober ist schon längst erschienen - es heißt Kaltland.
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Regelmäßig um den 3. Oktober treibt der deutsche Befindlichkeitskult in allen Medien skurrile Blüten. Selbst im „Freitag“ wird in einem überlangen Artikel über Ossis auf der Psychiatercouch mäandert. Selbst sich selbst als kritisch verstehende Zeitgenoss_innen werden nicht müde, sich zu Deutschland zu bekennen.

Glückliche deutsche Mutter

Das beste Beispiel geben die Schauspieler_innen Claudia Michaelis und Christian Schwochow in einem Taz-Interview (http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F10%2F02%2Fa0119&cHash=5c035e4c30f3c00fb4a5bfedaea73f69).

Sie wurden interviewt, weil sie in der Verfilmung des zum Wenderoman hochgejazzten Roman „Der Turm“ die Hauptrollen spielen. Nachdem sie ausgiebig ihre kritische Vergangenheit beredete und sich als Kritikerin der Wiedervereinigung outete, sagt Michelsen:

„Ich mag, dass meine Kinder hier aufwachsen. Deutschland hat was sehr Handfestes, Reales und trotzdem Sicheres. Das Deutschland von heute ist trotz Krise ein sehr glückliches Land“.

Die kritische Position der Jugend wird also nur angeführt, um sich heute umso bequemer in das deutsche Kollektiv einzuordnen. Die glückliche deutsche Mutter hat wohl nicht mitbekommen, dass seit einige Wochen Flüchtlinge zu Fuß von Würzburg nach Berlin laufen, weil sie gegen ihre Entrechtung kämpfen. Sie sind gezwungen, in Flüchtlingsheimen meist abseits von allen Städten zu leben und dürfen den ihnen zugewiesenen Landkreis nicht verlassen. Aber, wer sich erst einmal für das nationale Kollektiv entschieden hat, hat kein Problem, dass Menschen, die nicht dazugehören, keine Rechte haben. Dass ist schließlich die Logik des Nationalismus.

Mir ist das ganze Geschwätz von den Mauern in den Köpfen und den deutsch-deutschen Befindlichkeiten genau so zu wider, wie die Frage, ob der ultimative Wenderoman schon geschrieben wurde oder noch geschrieben werden muss.

Das passende Buch zum dritten Oktober ist schon längst geschrieben und der Titel ist auch Programm. Es heißt „Kaltland“ und wurde von Markus Liske, Karsten Krampitz und Manja Präkels im Rotbuch-Verlag herausgegeben. Es ist eine Anthologie mit 43 kurzen Texten, die den Zeitraum vom Herbst 1989 bis zur Gegenwart ausleuchten und es ist ein Anti-Geschichtsbuch. Es weist auf die Fakten hin, die in dem salbungsvollen Geschwafel rund um den 3. Oktober bestimmt nicht angesprochen werden. Es geht um den deutsch-deutschen Rassismus, die Pogrome gegen Nichtdeutsche von Hoyerswerda bis Rostock. Es handelt aber auch von der weniger spektakulären deutschen Hegemonie in der Provinz, wo man mit einem Mann, der den Spitznamen „Hitler“ stolz trägt, Kirschen essen muss, um zu überleben, wie die Mitherausgeberin Manja Präkels in ihrer wahren Geschichte mit einer gehörigen Portion Komik beschreibt. Es zeichnet die einzelnen Beiträge aus, dass sie trotz des im wahrsten Sinne des Wortes toternsten Themas nicht verbissen daherkommen.

Der Tod des Marinus Schöberl oder wie „Volksfeinde“ produziert werden

Trotzdem machen manche Beiträge selbst einen Kritiker der deutschen Verhältnisse sprachlos. Dazu gehört auf jeden Fall der Ausschnitt aus dem „Lehrstück über Gewalt“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt. Dort kommen Bewohner_innen des brandenburgischen Dorfes Polzow zu Wort, wo am 13. Juni 2002 der 17jährige Schüler Marinus Schöberl von Mitbewohner_innen erst misshandelt und dann im wahsten Sinne zu Tode gequält wurde. Ein Nachbarsjunge hat Marinus dann mit einen Tritt mit den Stiefel endgültig erschlagen. Dann hat das Mordkollektiv die Leiche in einem Stall vergraben. Auch der Schriftsteller Michael Wildenhain hat in dem Buch den Tod des Jungen literarisch verarbeitet. Was bei der Lektüre beider Texte so prägnant herausgearbeitet wird, ist die Transformation eines nationalen Kollektivs zur Mördergang. Es waren Nachbar_innen, die Marinus misshandelten und töteten, Gleichaltrige, die er seit Jahren immer wieder in dem kleinen Dorf begegnete. Er musste sterben, weil er sich durch die Kleidung und das Färben der Haare in den Augen des nationalen Kollektivs verdächtig gemacht hat. Die Quälereien begannen damit, dass Marinus unter ständigen Misshandlungen gezwungen werden sollte, sich als Jude zu outen. Sofort werden Erinnerungen an die deutsche Geschichte wach. Es waren schließlich auch „ganz normale Nachbarn“, die nach 1933 die Juden ausplünderten, entrechteten, misshandelten und deportierten. Die Geschichte des Mordes an Marinus Schöberl ist auch deshalb so prägnant, weil sie zeigt, wie „Volksfeinde“ von einem nationalen Kollektiv produziert werden. In dem Dorf gab es keine Juden, keine erkennbaren Ausländer, also musste derjenige, der scheinbar etwas vom Kollektiv abwich, zum Volksfeind erklärt und getötet werden. Daher gehen die ganzen Entschuldigungen in die Irre, die nach den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock den Angegriffenen zumindest indirekt einen Teil der Schuld geben wollten.

Antidot gegen jeden positiven Deutschlandbezug

Einen ähnlich eindringlichen Text liefert der Historiker Andreas Marneros, der als Historiker an der Universität Halle und Gerichtsgutachter Gespräche mit den Tätern rassistischer und antisemitischer Gewalttaten führte. Unter der Überschrift „Der erste Mord“ beschreibt er, warum Alberto Adriano in Dessau sterben musste. „Ich habe ihn gehasst, weil er Schwarz war“, erklärte einer der verurteilten Neonazis noch im Gefängnis. Ein anderer Neonazi, der als Daniel vorgestellt wird, will alle Juden vergasen, und die Katholiken und Protestanten dazu. Als Begründung fällt ihm nur ein. „Naja die Juden sind so körchliche Leute. Die glauben an so komische Menschen, wie diesen Jesus Christus“.

Marneros beschreibt als Grund seines Textes: „Wie wichtig ist es, dass die Leute wissen, wer die sind, die Neonazis“.

Doch viele der Geschichten zeigen, dass es nicht nur um organisierte Neonazis geht. Das Buch ist wichtig, weil es zeigt, wie schnell die zivilisatorische Firnis in Deutschland bröckelt und aus Nachbarn Mordkollektive werden, die einen Abweichler zum Feind erklären, quälen und ermorden. Wenn eine deutsche Mutter ihr Glück, in diesem Land zu leben, beschwört oder ein Fan schwarz-rot-geil die deutsche Nation lobpreist, sollten wir dieses Buch zur Hand nehmen. Es ist ein Antidot gegen jeden Nationalismus, aber in erster Linie gegen jeden positiven Deutschlandbezug.

Heute: Buchvorstellung:

»Kaltland« Lesung mit Markus Liske und Manja Präkels

Datum: Mittwoch, 03. Oktober 2012

Uhrzeit: 19:30 Uhr

Treibhaus
Bahnhofstraße 56
04720 Döbeln

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Karsten Krampitz (Hrsg.), Markus Liske (Hrsg.), Manja Präkels (Hrsg.)

Kaltland

Eine Sammlung, Rotbuch 2012,

ISBN 978-3-86789-144-8

288 Seiten
14, 95 Euro,

http://www.rotbuch.de/programm-3/titel/1147-Kaltland.html

14:39 03.10.2012
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