Peter Nowak
01.11.2011 | 17:09 5

Das Ei des Kommunismus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Der Andrang zur Eröffnungsrunde der dreiteiligen Veranstaltungsreihe „Das Ei des Kommunismus“ war am Montagabend im Versammlungsraum des Berliner Mehringhofes groß. „Unmittelbarer Anlass für uns war die von Gesine Lötzsch und Inge Viett Anfang 2011 angerührte öffentliche Diskussion über „Wege zum Kommunismus“, die sofort von der Linkspartei wieder kassiert wurde“, erklärte Harry Waibel vom paritätisch nach Ost-West-Sozialisation vierköpfigen besetzten Vorbereitungskreis.

Fast zwei Stunden trugen am Montag 6 Referent_innen ihre sehr unterschiedlichen Gedanken zum Veranstaltungsmotto „Die Linke und der real existierende Sozialismus“ vor. Der Verleger Jörn Schüttrumpf berichtete über eine Reise nach El Salvador, wo er eine langjährige Aktivistin der dortige Befreiungsbewegung getroffen hatte und erstaunt war, dass in der dortigen Parteischule ein Konterfei von Lenin hängt. Anders als ein Europa istder in vielen Ländern des Kontinents noch ein Bezugspunkt auch für Kräfte, die durchaus kein sowjetisches Staatsmodell einführen wollen, musste der Verleger mit DDR-Biographie erkennen.

Der langjährige Aktivist der Westberliner autonomen Linken Hauke Benner berichtete, wie er durch die Lektüre von dissidenten Kommunist_innen mit dem Stalinismus konfrontiert wurde.Bei der Vorbereitung der Proteste gegen die IWF-Tagung 1988 hatte er erstmals Kontakte zu linken Ostberliner Oppositionellen.

DerMitbegründer der Vereinigten Linken (VL) Thomas Klein betonte die Notwendigkeit, über die Wurzeln der DDR reden zu wollen. Aber die kamen leider nicht wirklich zu Wort. Denn die lagen in den Konzentrationslagern der Nazis, wo eben viele späterin der DDR aktive Kommunist_innen, die später Posten in der hatten, inhaftiert waren. Sie mussten mit erleben, wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das NS-System stützten.

. Diese deutsche Geschichte kam nur bei Willy Hajek zu Sprache, der über die Sozialisation kommunistischer Gewerkschafter in seiner Mannheimer Heimatstadt berichtete. Aber kann man über die DDR und ihre Unterdrückungsapparate wirklich reden, ohne den von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragenen Naziterror zu erwähnen? Und kann man wie die sächsische Landtagsabgeordnete der Linkspartei Monika Runge so völlig geschichtslos davon sprechen, dass die DDR von der Roten Armee besetzt war ohne die Vorgeschichte auch nur mit einem Wort zu streifen?


Das Projekt einer gesamtdeutschen Linken

Klein bedauerte das Scheitern des Projektes einer gesamtdeutschen antiautoritären Linken in den Wendejahren. Am Podium war sie zumindest für einen Abend vertreten und verstand es trotz Differenzen sachlich zu debattieren. Während die Autorin Bini Adamczak die Aufgabe einer linken Bewegung darin sah, zu verhindern, dass jemand die auf der Straße liegende Macht in Umbruchzeiten ergreift, gab die Kulturwissenschaftlerin Elfi Müller zu bedenken, dass in konkreten politischen Kämpfen dann die alten Kräfte die Oberhand behalten könnten. Sie hätte als konkretes Beispiel die Novemberrevolution in Deutschland 1918 erwähnen können.

Die Veranstaltungsreihe wird am heutigen Dienstag schon um 18 Uhr im Berliner Haus der Demokratie mit einer Historiker_innendebatte über das Sozialistische am Nominalsozialismus fortgesetzt. Dort werden Helmut Bock von der Historischen Kommission der Linken, die Historikerin und DDR-Oppositionelle Renate Hürtgen, der trotzkistische Historiker Christoph Jünke, der libertäre Publizist Ralf G. Landmesser, die Dissidentin in DDR und Großdeutschland Anne Seeck und der Historiker Harry Waibel teilnehmen.

Am kommenden Sonntag wird die Debatte über eine linke Perspektive jenseits von Staat und Stasi im Festsaal Kreuzberg ihr vorläufiges Finale finden. Ab 17 Uhr machen sich der linke DDR-Oppositionelle Bernd Gehrke, die westdeutschen Aktivisten Christian Frings, Detlef Hartmann und Michael Wilk, die TrotzkistinLucie Redler und ein Mitglied der linken Berliner Gruppe Theorie und Praxis (TOP) auf der Suche nach dem Ei des Kommunismus.

Peter Nowak

eidesk.wordpress.com/

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Kommentare (5)

Joachim Petrick 02.11.2011 | 02:29

goedzak schrieb am 01.11.2011 um 20:40
"...erstaunt war, dass in der dortigen Parteischule ein Konterfei von Lenin hängt." - Na sowas! Was hätte denn dort aktuell-links-p.c.-mäßig hängen sollen?

Ein Lenin Konterfei mit Trauerflor auf dem querbeet diagonal unübersehbar steht:

"Wanted!"

Sachdienliche Hinweise zwecks Ergreifung ....

Vorsicht! Der Flüchtige ist mit knallhart unabdinglichen Argumente, wie linskgedreht aus der Pistole geschossen, bewaffnet!!

mcmac 02.11.2011 | 14:42

Vielen Dank für diesen Bericht.

Er beschreibt aber auch, dass die Vielfalt und Differenziertheit linken Denkens im Zweifel immer noch in einer anachronistisch anmutende Zersplitterung und somit (politischen) Handlungsunfähigkeit endet.

Möglicherweise sollten sich Kräfte, welche sich „links“ verorten [ungültiger link], auf zukunftsweisende Projekte einigen (z.B. ein BGE auf Basis einer Sozialdividende, unter Beibehaltung sozialer Errungenschaften -siehe W. Engler), um so eine nach außen gerichtete Strahlkraft zu entwickeln, für die sich auch „Nicht-Linke“ auf Grund ihrer objektiven Lebensinteressen begeistern könnten – eben damit es dieses Mal nicht so endet wie 1918/19... [...]“Am Podium war sie zumindest für einen Abend vertreten und verstand es trotz Differenzen sachlich zu debattieren. Während die Autorin Bini Adamczak die Aufgabe einer linken Bewegung darin sah, zu verhindern, dass jemand die auf der Straße liegende Macht in Umbruchzeiten ergreift, gab die Kulturwissenschaftlerin Elfi Müller zu bedenken, dass in konkreten politischen Kämpfen dann die alten Kräfte die Oberhand behalten könnten. Sie hätte als konkretes Beispiel die Novemberrevolution in Deutschland 1918 erwähnen können.“[...]