Der Anti-Paparazzi

Anton Corbijn Die Foundation CO zeigt eine Retrospektive des holländischen Musifotografen, der sich mit seinen fotos vom streng religösen Elternhaus emanziperen wollte.
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Ein Foto von Janis Joplin – klassisch als Hippiefrau mit Blumen im Haar. Gleich daneben sieht man das Porträt von Jim Morrison. Wau, da hat ja jemand die Stars der 68er Kultur vor die Linse geholt, Doch beim Vorbeigehen bleibt der Betrachter an der Jahreszahl hängen. Die Fotos wurden 2011 und 2012 aufgenommen, also Jahrzehnte nach dem Tod der beiden Künstler_inen. Dann erst entdeckt man zwei Zeichen auf den Schildern, die das Rätsel um die Fotos auflösen. A. Joplin und A.Morrison heißt es dort. Das Kürzel steht für Anton, den Vornamen des holländischen Starfotografen Anton Corbijn. Ihmwidmet die CO-Foundation im ehemaligen Westberliner Amerikahaus noch bis zum 31.01.2016 eine Retrospektive. Wir lernen dort nicht nur das umfangreiche Werk des Fotografen von der holländischen Insel Strijen kennen, sondern auch viel über den Werdegang eines Konzertfotographen, bevor auch dort die Devise Shot und Go Einzug gehalten hat. Corbijn ist Sohn einer streng religiösen Familie, die Konzerte für Teufelszeug hielt. Das hielt den jungen Anton gerade nicht davon ab, zunächst im Nachtleben der Nachbarinsel Deep die ersehnte Zerstreuung zu suchen, auch wenn der Vater dafür Höllenqualen androhte und andere Strafen direkt vollstreckte. Mit 17 bereits fotografierte Corbijn einen Auftritt der Band Solution in Groningen. 1979 zog er nach London und war nun mitten drin in der Post-Punk-Szene der City von London. .Genau dort halluziniieren religiöse Fundamentalist_innen das Sodom und Gomorrha. .

Zwischen Himmel und Hölle

Es ist dieser besondere Kampf der Abstoßung aus dem christlich-fundamentalistischen Elternhaus, der sich in jenen seiner Fotos ablesen lässt. Und es ist die Erkenntnis, doch nicht ganz davon loszukommen. Nach Jahren des großen Erfolgs, als seine Fotos in bekannten Kulturmagazinen in aller Welt zu sehen waren, zog es Corbijn wieder zurück auf seine Heimatinsel, wo er sich mit längst verstorbenen Stars wie Joplin und Morrison verkleidete. Wenn man diese Fotos sieht, kann man sich die inneren Kämpfe eines Mannes denken, der von Haus aus ständig die Versagung aller irdischen Genüsse gepredigt bekommt und dem bei Ungehorsam mit der Hölle gedroht wird. Er gehorcht nicht und kehrt in die Tage der freudlosen Jugend zurück. So sind die Fotos auch ein ganz individuelles Psychogramm des Fotografen Corbijn und sein Abfall vom Glauben. Davon erfahren wir in den sparsamen Texten nur am Rande.


Prekäre Arbeitsbedingungen für Fotograf_innen

Vielmehr erfahren wir über den Wandel in der Konzert- und Starfotografie. In den 90er Jahren kam das Paparazzi-Unwesen auf. Sensationsjournalist_innen verdienten gut damit, dass sie Stars und Sternchen gegen ihren Willen im Privatleben ablichten. Für Corbijn war diese Methode eine doppelte Herausforderung. Der Fotokünstler verabscheute die Bildjäger_innen. Und gleichzeitig sah er seine eigene Fotografiermethode in Gefahr. Schließlich war er bekannt dafür, dass er Künstler_innen gerne abseits von Bühne, Stadion und Konzertsaal ablichtet. Er war es, der das Private und Persönliche ins Bild nahm und seinen Foos die spezielle Note gab. Aber die unterschied sich eben grundlegend von den Paparazzis, die irgendwo auf der Lauer liegen. In der Berliner Ausstellung sind zahlreiche Fotos aus Corbijns umfangreichem Werk zu sehen, die bisher nie gezeigt wurden. Für Freund_innen des Vinyls bietet die Ausstellung mache seltene Plattencover, beispielsweise eine LP von Frankie goes to Hollywood von 1984, auf deren Cover Lenin neben dem Foto eines Wandbildes im Stil des sozialistischen Realismus abgebildet ist. Nach der sehenswerte Ausstellung bleibt die Frage, wie unter den immer prekärer werdenden Arbeitsbedingungen auch für Fotograf_innen überhaupt noch die Künstler_innen wie Anton Corbijn reüssieren können. Heute wird die Konkurrenz wird die Konkurrenz unter den Fotograf_innen immer weiter vorangetrieben. Es geht nicht um Kultur sondern um Kommerz. So ist die Ausstellung auch das Dokument einer Fotokunst, die im Widerspruch zu den Zwängen steht, denen die Fotgraf_innen heute ausgesetzt sind.

Peter Nowak

Die Anton Corbijn-Retrospektive ist noch bis zum 31.1.2016 sehen in der CO-Foundation im ehemaligen Amerikahaus in der Hardenbergstr. 22-24 in Berlin.

Zur Foundation CO:

www.co-berlin.org

Zur Corbijn-Retrospektive:

http://www.co-berlin.org/anton-corbijn-retrospektive-Berlin

02:50 18.01.2016
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