Der Türöffner

Besetzung Die Liebig34 in Berlin-Friedrichshain hat am Wochenende 30. Geburtstag gefeiert. Ein Erstbesetzer hat darüber ein Buch geschrieben
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Der Türöffner
Bis heute erinnert das besetzte Haus in der Liebigstr. 34 an die Kämpfe von einkommensarmen und wohnungslosen Menschen

Foto: Maja Hitij/Getty Images

"Stino - Von West nach Ost durch Berlin 1990", lautet der Titel des Buches, das ein Stück Berliner Bewegungsgeschichte ist. Stino steht für stinknormal, so wurde der Autor des Buches, der seinen Passnamen nicht veröffentlichen will, vor 30 Jahren in Besetzer*innenkreisen genannt. Er ist eben unauffällig, was in den Tagen der Besetzung vor 30 Jahren auch viele Vorteile hatte, wie man dem witzig geschriebenen Zeitzeugenbuch entnehmen kann. Aber es kam auch zu manchen skurillen Begegnungen. So kam Stino sogar mit dem damaligen SPD-Bürgermeister von Friedrichshain Helios Mendiburu ins Gespräch, der sich vergewissern wollte, ob vor dem Inkrafttreten der Berliner Linie noch ein Haus in dem von ihm verwalteten Bezirk besetzt worden war. Häuser, die nach dem von der Politik festgesetzten Termin am 24. Juli 1990 besetzt worden waren, sollten wie in Westberlin geräumt werden. Mit den Besetzer*innen der Gebäude, die vor dem Termin gekraakt wurde, sollte es theoretisch Verhandlungen geben, wenn sie Wohlverhalten im Sinne des Staats zeigten. Daher war entscheidend, welche Häuser auf der Liste der vorher besetzten Häuser zu finden waren.

Und so begab sich der Bezirksbürgermeister persönlich zur frisch besetzten Liebigstraße 34 und fand eben zufällig Stino vor. „So, gehören Sie also auch zu diesen Besetzern?“ lautete die durchaus nicht wohlwollende Frage des Verwaltungschefs. Doch Stino konterte selbstbewusst: „Ja, ich gehöre zu diesen Besetzern“. Dann schilderte er ihm seine lange vergebliche Wohnungssuche in Westberlin im Frühjahr und Sommer 1990. Wie viele andere Wohnungssuchende gehörte auch Stino zu jenen, die sich im Berliner Osten auf Häuserinspektion begaben. Sie trafen sich an bestimmten zentralen Plätzen, meisten S-Bahn-Stationen, und schwärmten dann in die Umgebung aus, um die zahlreichen leerstehenden Häuser auf ihre Wohntauglichkeit zu inspizieren. Natürlich spielte auch eine Rolle, ob noch Gebäudeteile bewohnt waren und ob es möglich war, gute Kontakte zu diesen Bewohner*innen aufzubauen. Stino berichtet sehr vergnüglich, über dieseZeit, als Wohnungssuchende noch nicht Schlange standen, um bei hochbezahlten Makler*innen eine Wohnung zu besichtigen.

Beitrag zur Geschichte über die Kämpfe der armen Menschen

Das Buch leistet auch ein Stück Geschichtsarbeit aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Schließlich ist diese Zeit, als sich Wohnungslose selber organisierten, um sich kollektiv um ein Dach über dem Kopf zu kümmern, heute weitgehend vergessen. Und auch manche der Bewohner*innen des heutigen queerfeministischen Projekts der Liebigstraße 34 wären vielleicht erstaunt gewesen, dass ein weißer Cis-Mann, wie der heutige Sprachgebrauch lautet, einer der Türöffner*innen des Hauses war. Neben Stino waren noch eine Frau und ein Mann an der Erstbesetzung beteiligt. Sie verhinderten so, dass das Haus schon damals kapitalistischen Verwertungsinteressen unterworfen wurde. Das wäre auf jeden Fall geschehen, wenn das Haus nicht vor dem Stichtag 24. Juli 1990 auf der Liste der besetzten Häuser aufgetaucht wäre. Aber auch danach war es Teil der Renditeprogramm von Investor*innen. Denn für das Haus endete der vertragslose Zustand bald. Seitdem wechselten nicht nur die Bewohner*innen, sondern auch die Eigentümer, die mit dem Haus Profit machen wollen. Aktuell gehört es zur Padovicz-Unternehmungsgruppe, die den aktuellen Vertrag gekündigt und kürzlich einen Räumungstitel gegen einen Verein erwirkt hat, der allerdings nach Angaben der Bewohner*innen für das Haus gar nicht mehr zuständig ist. So müsste der Eigentümer eigentlich einen neuen Räumungsprozess beginnen. Doch die Bewohner*innen verlassen sich nicht darauf. Auch in anderen Fällen haben sich Justiz und Polizei über solche Räumungshindernisse hinweggesetzt. Daher ist eine Solidarität von aktiven Mieter*innen für den Erhalt des Hauses erforderlich.

Das Buch von Stino ist ein Teil dieser Solidarität, weil es deutlich macht, dass die Besetzung eine Aktion gegen den damaligen Wohnungsnotstand war. In der Geschichtsschreibung werde Kämpfe von einkommensarmen und wohnungslosen Menschen oft verschwiegen und vergessen. Stino hat mit dem Buch auch einen Beitrag dazu geleistet, dass wieder in Erinnerung gerufen wird, dass die Besetzung der Liebigstraße ein Teil der Kämpfe von einkommensarmen und wohnungslosen Menschen war. Ein solches Wissen kann die Solidarität aktuell mit den Bewohner*innen nur fördern.

Und es kann dazu führen, dass sich Menschen Gedanken machen, leerstehende Gebäude, die es in Berlin nach wie vor gibt, auf ihre Bewohnbarkeit inspizieren. Dazu ist es wichtig, sich der Geschichte zu erinnern.

Am Sonntag, den 5.Juli können sich Interessierte in Berlin gemeinsam mit Stino auf die Spuren der Geschichte begeben. Treffpunkt ist um 14 Uhr vor der Fotogalerie am Helsingforser Platz. Dann geht der nicht nur historische Spaziergang auf den Spuren der Wohnungssuchenden vor 30 Jahren bis zur Liebig34.

Weitere Informationen zum Buch Stino von West nach Ost durch Berlin 1990 sowie Bestellmöglichkeiten gibt es hier: https://www.berlin1990.de

Informationen zu den Entmietungsstrategien der Padovicz-Unternehmensgruppe finden sich auf dem Blog Padowatch: https://padowatch.noblogs.org

Peter Nowak

16:14 04.07.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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