Die leere Mappe

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Hätte mich nicht eines Tages die Email eines Kollegen erreicht, der am Internationalen Strafgericht in Den Haag arbeitete, wäre ich auf das Schicksal von Kathe Lasnik wohl nie aufmerksam geworden“, schreibt der schwedischePhilosoph Espen Søbye am Anfang des Buches, das 2003 in Norwegen für große Aufregung sorgte. Im Verlag Assoziation A ist es nun auch in deutscher Sprache erschienen.

Denn er liefert darin anhand der Biographie von Kathe Lasnik, die 1942 mit 15 Jahren als Jüdin mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde, auch ein präzises Bild der Zusammenarbeit norwegischer Behörden mit den Nazis.

Søbye zeigt dort detailliert auf, wie sich hohe Beamte aus Polizei und Verwaltung während der deutschen Besatzung beteiligt hatten, nach 1945 darauf beriefen, sie hätten nur das Staatswohl im Auge gehabt und in der Regel nicht nur ungestraft davon kamen, sondern sogar weiter Karriere machten.

Dabei fand Søbye, der beim Statistischen Zentralamt in Oslo arbeitete, zunächst nur eine leere Mappe vor, als er nach dem Schicksal von Kathe Lasnik zu recherchieren begann. Sie bestand nur aus einem Umschlag mit ihren Namen und einer Nummer, nicht mehr“. Ihr Name befand sich auf dem Mahnmal für die 620 während der deutschen Besatzung ermordeten Juden Oslos. Das war der einzige Hinweis auf ihr Leben. Darauf beschloss Lasnik ihr Leben zu erforschen und so dem Vergessen zu entreißen.

Früh mit Antisemitismus konfrontiert

In mühseliger Recherche rekonstruierte er das Leben ihrer Eltern, die 1908 aus den baltischen Staaten nach Norwegen eingereist waren.Der Vater engagierte sich zunächst in der Gewerkschaft, ehe er sich als Spengler selbstständig machte. Detailliert zeigte er auf, wie die Familie schon Ende der 20 er Jahre mit dem aufkommenden Antisemitismus in der norwegischen Gesellschaft konfrontiert wurden.

„Der Tierschutzverein, dem der Polizeipräsident von Aker vorstand, wollte den Juden per Gesetz verbieten, die Tiere nach hergebrachter Sitte und im Einklang mit ihren religiösen Vorschriften zu schächten“.Als es dagegen Proteste gab, erklärte der Vorsitzende der einflussreichen Bauernpartei: „Wir sind nicht verpflichtet, unsere Haustiere den jüdischen Grausamkeiten auszuliefern, wir haben die Juden nicht in unser Land eingeladen“.Aus diesen Kreisen rekrutierten sich die Rechtskräfte, die die sich früh für ein enges Bündnis mit Nazideutschland aussprachen. Unter der von dem norwegischen Offizier Vidkum Quisling gebildeten Kollaborationsregierung hatten sie bald freie Hand. Dienorwegischen Juden gehörten zu ihren Opfern.

Es wäre zu hoffen, dass das Buch über ihr Leben auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommt. Denn trotz aller Hilfsdienste norwegischer Beamter, verantwortlich auch für den Tod von Kathe Lasnik sind deutsche Nazis.

Peter Nowak

Søbye, Espen,

Kathe

Deportiert aus Norwegen

Aus dem Norwegischen von Uwe Englert

ISBN 978-3-935936-70-5 | 192 Seiten | Verlag Assoziation A,Berlin, Hamburg, 209, 18 Euro,

15:11 24.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare