Die Vergangenheit, die nicht vergeht

Film Kamil Majchrzak begleitet im Filmessay „Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit“ eine Gruppe Jugendlicher in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Buchenwald
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Die Vergangenheit, die nicht vergeht

Foto: Kamil Majchrzak

Sie kommen aus Rumänien, Deutschland und Polen zu einem mehrwöchigen Besuch in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Zu diesem Thema gibt es mittlerweile einige Filme, die sich wie „Am Ende kommen Touristen“ kritisch über den Strom der Besucher*innen in ehemaligen deutschen Konzentrationslagern auslassen. Doch Majchrzak zeigt eine Gruppe von Jugendliche, die sich für die Opfer des KZ Buchenwald interessieren. Sie studieren Akten und Dokumente der Gefangenen und gravieren ihre Namen auf Gedenksteine, die auf dem Gelände von Buchenwald aufgestellt worden sind. Man wolle den Menschen ihre Namen wiedergeben und so an sie erinnern, sagt ein junger Mann. Die Betroffenheit und Trauer der jungen Leute, nachdem sie das Krematorium des KZ Buchenwald besucht haben, wird in einer Szene gut sichtbar. Später sehen sie sich das Interview eines Überlebenden an, der über die unterschiedlichen Stufen der Entrechtung im KZ Buchenwald berichtet. So habe es vor 1940 noch Fußballspiele zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen gegeben. Später habe der Terror so zugenommen, dass solcheAbwechslungen im KZ-Alltag undenkbar gewesen wären. Besonders unterdrückt und gequält wurden die Roma in Buchenwald, die in separaten Baracken gepfercht wurden und die geringsten Überlebenschancen hatten.

Die Selbstbefreiung und der Schwur von Buchenwald

Positiv äußern sich mehrere Jugendliche über das Denkmal für die Buchenwald-Häftlinge und zum Text desSchwurs von Buchenwald, der von den Überlebenden nach ihrer Befreiung verfasst worden war.Hier hat sieder Gedanke der Solidarität der Häftlinge aus den unterschiedlichen Ländern, die in Buchenwald zusammengepfercht wurden, besonders beeindruckt.

„Contemporary Past“ macht an dieser Stelle auch schmerzlich bewusst, dass die Überlebenden fehlen, die historische Zusammenhänge erklären könnten. So würdigt die Stele, die einen Jugendlichen besonders beeindruckt hat, die Selbstbefreiung der Gefangenen in Buchenwald, als die US-Soldaten bereits kurz vor den Toren des KZ standen. Sie USA wurden von Vertretern des Buchenwald-Komitees empfangen, die bereits die Mannschaften entwaffnet und verhaftet hatten. Dabei achteten sie auch darauf, dass keiner der jahrelang misshandelten Gefangenen Selbstjustiz an ihren Peinigern verübte. Auf dieses Niveau wollten sich die Verantwortlichen des Buchenwald-Komitees nicht herablassen. Auch das haben die Jugendlichen gut beobachtet. Um diese Selbstbefreiung in letzter Minute gibt es bis heute historischen Streit. Bürgerliche Historiker*innen wollten sie als kommunistischen Mythos abtun. Das liegt natürlich auch daran, dass sie in der DDR wiederum mythologisiert wurde. Viele – nicht nur kommunistische – Buchenwald-Häftlinge betonten aber, wie wichtig es war, dass die Gefangenen die Wachmannschaften entwaffneten und sie den Soldaten der Alliierten übergeben konnten. Auch der Schwur von Buchenwald stand bald in der Kritik von bürgerlichen Politiker*innen, weil er die Zusammenarbeit unterschiedlicher politischer Gruppen, einschließlich der Kommunist*innen beinhaltete.

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel“. Dieses Vermächtnis des Schwurs von Buchenwald ist auch für die jungen Leute im Film noch aktuell. Sie erklären, dass sie in ihren Heimatländern gegen Rassismus und Faschismus kämpfen wollen. Die Frage ist nun, ob die im Film erwähnten Strategien für mehr Diversität ausreichen, wenn vom Kapitalismus nicht mehr die Rede ist.

Roma und Sinti müssen bis heute für ihre Rechte kämpfen

Im zweiten Strang des Filmessays zeigt Majchrzak, dass Sinti und Roma in Deutschland, aber auch in vielen osteuropäischen Ländern noch immer für ihre Rechte kämpfen müssen. Die in Würzburg lebende Rita Prigmore, die sich selber als Zigeunerin bezeichnet, berichtet von der Vernichtung ihrer Familie im NS. Auch ihre Zwillingsschwester wurde bei medizinischen Versuchen von KZ-Ärzten getötet. Sie selbst überlebte nur, weil ihre Mutter sie aus der Klinik schmuggelte., in der diese medizinische Verusche getätigt wurden. Nach 1945 musste sie jahrelang um eine Entschädigung kämpfen. Nachkommen der NS-Opfer, die heute vor Verfolgungen in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland fliehen, werden oft nicht als Flüchtlinge anerkannt. Manche erhalten eine Duldung, anderen werden abgeschoben. Majchrzak zeigt in seinem Film die Roma und Sinti nicht als Opfer sondern als Kämpfer*innen für ein Europa ohne Rassismus und Abschiebungen. Mehrere Geflüchtete erklären, dass sie ein Recht haben, in dem Land zu leben, in dem vor 80 Jahren ihre Vorfahren verfolgt und ermordet wurden. Rita Prigmore bezeichnet es als großen Erfolg, dass ganz in der Nähe vom Brandenburger Tor im Berliner Regierungsviertel ein Gedenkort für die im NS ermordeten Sinti und Roma errichtet wurde. Ihre Zweifel, ob der Platz auf Dauer gesichert ist, haben sich mittlerweile bestätigt. Im Sommer 2020 wurde bekannt, dass im Zuge der Umgestaltung der U-Bahn ein Teil des Gedenkorts temporär gesperrt werden könnte. Dagegen regte sich von Seiten derOrganisationen der Betroffenen und Unterstützter*innen sofort Protest. Doch allein diese Pläne sind ein Schlag ins Gesicht der Menschen, deren Vorfahren in Deutschland gelitten haben und gestorben sind.

Die dritte Generation

Der Film zeigt sehr gut auf, dass die Verfolgung im NS kein historisches Thema ist. Für die Angehörigen bis in die dritte Generation ist sie gegenwärtig. Auch der Großvater des Regisseurs war Auschwitzüberlebender. Kamil Majchrzak ist als Student in Frankfurt an der Oder zweimal von Neonazis überfallen worden. Er engagierte sich seit Jahren für die Auszahlung der Ghettorenten an Überlebende des NS-Regimes, wofür er 2015 in Polen mit der Ehrenmedaille »Aufstand im Warschauer Ghetto« geehrt wurde. Auch für den Gedenkort des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Sonnenberg im heutigen Slonks hat sich sich Majchrzak im Rahmen der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) eingesetzt. Mit seinen Filmessay setzt Majchrzak mit künstlerischen Mitteln diese Arbeit fort.

Peter Nowak

Der Film kann bei Funambules Film Produktion (kamil@funambules.net) gegen Reisekosten und Spende 150 Euro an das Projekt ausgeliehen werden. Bei ehrenamtlichen oder sozialen Trägern liegen die Kosten bei 50 Euro.

Weitere Infos hier: https://www.crew-united.com/de/Contemporary-Past-Die-Gegenwart-der-Vergangenheit__252077.html

02:01 23.10.2020
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