Dogpilling ging auch ohne Internet

Digitaler Faschismus Kritik an einer populären These, die sich die bürgerliche Gesellschaft schönschreibt
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Wenn sie nicht so laut die Verteidigung der Offenen Gesellschaft sängen, würden sie die Kanonen hören, die diese auf die Armen und Unterdrückten der Welt richten.

Eine Flaschenpost nicht nur an Holger Marcks und Maik Fielitz

Die Sozialwissenschaftler Maik Fielitz und Holger Marcks haben im Duden Verlag ein Buch herausgegeben, das ihre These schon in der Überschrift und dem Untertitel ausdrückt.

„Digitaler Faschismus - Die sozialen Medien als Verstärker des Rechtsextremismus“ heißt es. „In den sozialen Medien greift eine Kultur des Hasses und der Unwahrheit um sich. Ihr Gift wirkt längs in die Gesellschaft hinein“, wird auf der Rückseite des Buches zusammengefasst, was auf 250 Seite zu beweisen gesucht wird. Marcks und Fielitz haben ein leicht verständliches populärwissenschaftliches Buch verfasst, ohne aufwendigen Zitierapparat, was es leser*innenfreundlich macht. Das ist ein großer Pluspunkt des Buchs. Die beiden Sozialwissenschaftler haben im Detail untersucht, wie das Internet rechte und irrationale Strömungen verstärkt. Sie beschreiben in dem Buch im Detail verschiedene Methoden und Mechanismen. Dazu gehört die Technik des dramatischen Erzählens, mit denen sich in den sozialen Medien Menschen gegenseitig aufputschen, beispielsweise gegen Geflüchtete. Da werden entweder reale Vorkommnisse massivaufgeplustert, wie die Ereignisse in der Silvesternacht 2015/16 auf der Kölner Domplatte oder gleich erfunden, wie die angebliche Entführung eines Mädchens aus dem Milieu der Russlandeutschen, die sich als Notlüge einer Jugendlichen herausstellte, die mal etwas freie Zeit vom Elternhaus wollte. Auch die Dogpilling genannten gezielten Kampagnen, die gegen Menschen, die sich gegen rechts positionieren, werden gut beschrieben.

Der Mythos von der offenen Gesellschaft

Davon betroffen sind Feministinnen, Menschen die zu ethnischen oder sexuellen Minderheiten gehören, Jüdinnen und Juden mit kosmopolitischen Anspruch, aber auch Menschen, die sich mit Zivilcourage für Geflüchtete einsetzen. Doch, was hat es mit der „offenen Gesellschaft“ auf sich, die von den beiden Autoren so häufig benannt wird und die angeblich vom Internetfaschismus bedroht ist?„Während das Internet noch in den 1990er Jahren als Instrument zur Erweiterung der Meinungsfreiheit empfunden wurde, gilt es heute als Hort von Hass und Hetze, der offene Gesellschaften auf eine Belastungsprobe stellt“, schreiben Marcks und Fielitz. Tatsächlich wird das Narrativ von der offenen Gesellschaft, die vom Internetfaschismus bedroht wird, im Buch immer wieder angeführt und kein einziges Mal kritisch hinterfragt. Anders als der Faschismusbegriff wird der Begriff der "offenen Gesellschaft" im Buch auch nicht weiter erklärt. Beziehen sie sich damit auf Karl Popper, der in seinem bekannten Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, einem Klassiker der spätkapitalistischen Philosophie, verfasste? Zu den Feinden der offenen Gesellschaft zählte Popper Kommunismus, Nationalsozialismus und alle Versuche von klassenkämpferischer Politik.

Karl Popper und der Freikorspterror

Der konservative Historiker und bekennende Popper-Anhänger Eckhard Jesse benannte in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) Poppers Motivation für das Buch so:

„Das Ziel: die geistigen Ahnen der Heilslehren des Nationalsozialismus wie des Kommunismus zu entlarven. Sein Schlüsselerlebnis vor einem Säkulum, 1919, als Jungkommunist: das Schicksal junger, von Kadern angestachelter kommunistischer Demonstranten, die der Versuch, inhaftierte Genossen aus dem Polizeigewahrsam zu befreien, ihr Leben kostete. Popper, an den Protesten beteiligt, hielt die klassenkämpferische Position, die Revolution verlange solche Opfer, für verheerend.“

Eckhard Jesse, NZZ

Dem wollen wir ein Zeugnis von Paul Frölich gegenüberstellen, der als revolutionärer Arbeiter an den Kämpfen 1919 beteiligt war. Er zitierte aus den Aufzeichnungen, wie die gefangen genommenen Aufständischen misshandelt und ermordet wurden. Darunter war ein 16jähriger, dem der Schädel mit einem Gewehr eingeschlagen wurde, weil er „Es lebe Liebknecht“ gerufen hatte. „Nachdem er schwerverletzt flehte, man solle ihm nichts mehr antun, wurde er an die Wand gestellt und erschossen“. Kein Wort der Verurteilung kam von den Propagandisten der offenen Gesellschaft an diesen Terror. Hier wird klar, dass Popper ein Propagandist der Gegenrevolution war. Nicht die Inhaftierung von „Genossen“, es handelt sich wohl um Arbeiter*innen, die 1919 eine Räterepublik erkämpfen wollten und von protafaschistischen Freikorps ermordet wurden, ist für Popper das Problem, sondern, dass Arbeiter*innen, die sich Popper nur als von Kommunist*innen verhetzte Jugendliche vorstellen kann, deren Freilassung verlangten. Dass sie deswegen von den Freikorps erschossen werden, ist für Popper nicht weiter der Rede Wert. Die Offene Gesellschaft muss von Zeit zu Zeit mit Blut gedüngt werden. Nun wäre es schon interessant zu wissen, warum Marcks und Fielitz gerade diese Offene Gesellschaft so oft beschwören, die ja gerade kein Antidot gegen den Faschismus ist. Da braucht man nicht in die Frühphase der Weimarer Zeit zurückgehen. Bleiben wir doch nur bei der kurzen Geschichte des Internetaktivismus, also zeitlich und thematisch näher am Gegenstand des Buches. Ich will hier nur auf dieRepressionsschläge gegen die linke Online-Plattform Indymedia hinweisen, die mit dem Sturm auf die Diaz-Schule während der G8-Gipfelproteste in Genua am 19. Juli 2001 einen Höhepunkt gefunden hatte. In dieser Schule befand sich das Pressezentrum von Indymedia. Viele der Onlineblogger*innen wurden damals festgenommen und misshandelt.Am Sturm auf das Pressezentrum von Indymedia nahmen Polizisten teil, die ihre Sympathie mit den Mussolini-Faschismus offen zum Ausdruck brachten. Sie zwangen einige der Verhafteten, faschistische Lieder zu singen, während sie sie misshandelten. Nicht immer zeigt die offene Gesellschaft ihre faschistische Fratze so offen wie 1919 in Deutschland und 2001 in Italien. Meistens bleibt es bei der bürokratischen Repression, wie dem Verbot der linken Plattform Indymedia-Linksunten seit August 2017 oder der Sperrung von anarchistischen Seiten wie Crimethink (https://crimethinc.com/2020/08/19/uber-die-sperrung-von-seiten-die-crimethinccom-unterstutzen-durch-facebook-und-die-kommende-digitale-zensur). Immer wieder werden auch antifaschistische Seiten gesperrt. Das ist aber keine Abweichung von der Offenen Gesellschaft. Schließlich hat jaPopper die Devise "Keine Feinde für die Feinde der Freiheit" propagiert. Das sind bei ihm alle, die die kapitalistische Gesellschaftsordnung in Frage stellen. Da wäre es schon erklärungsbedürftig, warum Marcks und Fielitz ausgerechnet diese offene Gesellschaft vor dem Internetfaschismus schützen wollen. Ja, warum eigentlich? Hat diese Offene Gesellschaft nicht schon Panzer und Kanonen, Gerichte und Gefängnisse gegen ihretatsächlichen oder eingebildeten Feinde? Vielleicht können Fielitz und Marcks sie nicht hören, weil sie diese Offene Gesellschaft zu laut loben?

Gesellschaftliche Widersprüche werden ausgeblendet

Geschützt werden müssen vielmehr die Menschen, die von diesen repressivn Staatsapparaten der offenen Gesellschaft und den Faschisten bedroht werden. Der NSU-Komplex hat doch mal wieder gezeigt, dass die Opfer oft dieselben sind. Doch die These des Autorenduos, dass ausgerechnet die offene Gesellschaft vor den Internetfaschismus geschützt werden muss, hat ihren Preis.

Im Buch wird alles, was dem linksliberalen Zeitgeist widerspricht, vom Brexit über den AfD-Aufstieg und natürlich auch die Trumpwahl 2016 als Konsequenz von über das Internet verbreiteten Fakenews erklärt. WäreTrump im November 2020 Amt bestätigt worden, hätten wir sicherlich eine Menge Texte lesen können, die dafür wiederum das Internet verantwortlich gemacht hätten. Die Abwahl vom Trump hingegen wird kaum mit dem Internet in Verbindung gebracht. Dabei haben sich auch die Black-Live-Matter-Demonstrant*innen über die sozialen Medien vernetzt. Es fällt auf, dass für den knappen Vorsprung von Biden bei den Wahlen 2020 sehr nachvollziehbare Gründe in den unterschiedlichen US-Bundesstaaten benannt werden.Genauso kann man für die Wahl von Trump vor 4 Jahren solche innenpolitischen Gründe benennen, die nicht in erster Linie im Internet zu suchen sind. Die Taz-Kolumnistin Bettina Gaus hatte schon Monate vor der Trump-Wahl nach einer längeren US-Reise eine Wette abgeschlossen, dass Trump die Wahl gewinnt. Sie hat dabei eben nicht ins Internet geguckt, sondern die abgehängten, deindustrialisierten Zonen der USA besucht. Dort lagen die gesellschaftlichen Ursachen für den Trump-Erfolg 2016. Auch die Ursachen für den Brexit sollte man eher in den abgehängten Regionen Englands als im Internet suchen. Es sind gesellschaftliche Widersprüche des Kapitalismus, die vom Internet nicht erfunden aber verstärkt werden. Wenn man aber wie Marcks und Fielitz nur diese Verstärkung in das Zentrum der Debatte rückt, werden diese kapitalistischen Widersprüche ausgeblendet.

Dogpilling der Springerpresse

Ausgeblendet wird auch, dass es lange vor dem Internetzeitalter Methoden der medialen Desinformation gab, die sich ebenfalls gegen Linke und gesellschaftliche Minderheiten richtet. Man denke nur an die Kampagnen der Zeitungen des Springerkonzerns gegen die APO in der BRD und Westberlin nach 1968 oder die sogenannte Sympathisant*innenhetze in den 1970er Jahren. Damals wurden Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, die sich kritisch zur Gesellschaft der Bundesrepublik äußerten, in die Nähe von bewaffneten Gruppen, wie der Rote Armee Fraktion (RAF) gerückt. Ein Opfer dieses Dogpillings im Vor-Internetzeitalter, das man damals noch nicht so nannte, war der liberale Schriftsteller Heinrich Böll. Der Film „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ thematisierte die Praxis. Es ist erstaunlich, dass es in den Buch keinen Hinweis darauf gibt. Dann könnte man besser einordnen, ob und wo solche Methoden im Internetzeitalter eine neue Qualität bekommen haben.In dem Buch wird mehrmals der Brexit und die Trump-Wahl als Ergebnis einer Fakenews-Kampagne via Internet bezeichnet. Dabei wäre es interessant gewesen, aufeine solche Kampagne im Vorinternet-Zeitalter hinzuweisen, die sich in unserem unmittelbaren Umfeld abspielte. Die Publizistin Daniela Dahn widmet sichin ihren mit den Psychologen Reiner Mausfeld veröffentlichten Buch „Tamtam und Tabu“ (https://www.westendverlag.de/buch/tamtam-und-tabu/) der Frage, wie es zu erklären ist, dassnoch Ende 1989 nur 5 % der DDR-Bürger*innen den kapitalistischen Weg gehen wollten und im März 1990 doch die Parteien eine Mehrheit bekamen, die diesen kapitalistischen Weg propagierten und auch schnell umsetzten. Dahn und Mausfelderklären diesenMeinungsumschwung mit der Verbreitung von Fakenews in Bild und Spiegel und gezielter Panikmache.

"Im Verlauf der Ereignisse von 1989/90 gelang es, die Stimmung eines Großteils der DDR-Bevölkerung in wenigen Wochen in die vom Westen gewünschte Richtung zu lenken. Diese Monate bieten also ein paradigmatisches Studienfeld zu den sozialtechnologischen Mitteln, mit denen Einstellungen und Verhalten einer ganzen Bevölkerung auf den Kopf gestellt wurden. Es geht in diesem Band folglich um die Rolle von Medien und deren Techniken der Affekt- und Meinungsmanipulation – Techniken, die sich heute gern hinter so harmlosen Begriffen wie »Perception Management« oder »Soft Power« verbergen."

Daniela Dahn und Reiner Mausfeld im Vorwort von „Tamtam und Tabu“

Haben wir da nicht wichtige Elemente versammelt, die Marcks und Fielitz für ihre These vom Internetfaschismus anbringen? Nur war es hier die Springerpresse im Verein mit den BRD-Staatsapparat, die hier nicht die offene Gesellschaft sondern eine linke DDR-Opposition überrollten.Auch bei diesen von Dahn/Mausfeld diagnostizieren Stimmungsumschwung in der DDR spielten natürlich gesellschaftliche Widersprüche eine Rolle, die von dererwähnten Pressekampagne dann verstärkt wurden. Eine mediale Verstärkung von gesellschaftlichen Widersprüchen, verbunden mit einer rechten Kampagne der dramatischen Erzählung, funktioniert eben schon vor dem Internetzeitalter. Ziemlich am Ende des Buches schreiben die Autoren über den Facebook-Boss: „Zuckerberg verkörpert lediglich ein strukturelles Phänomen, das die Digitalisierung im Kontext einer kapitalistischen Ökonomie geschaffen hat“.Dieser kluge Satz hätte am Anfang des Buchs stehenund den Inhalt strukturieren sollen, statt die These von der Bedrohung der Offenen Gesellschaft, für die Zuckerberg exemplarisch steht. Nun sind die im Buch vertretenen Thesen häufig in den noch verbliebenen antifaschistischen Zusammenhängen zu hören. Vom Horkheimer-Verdikt, dass vom Faschismus schweigen solle, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, ist da nichts mehr zu hören.

Peter Nowak

Fielitz Maik, Marcks Holger, Digitaler Faschismus - die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus, 256 Seiten, Dudenverlag, 2020, ISBN: 978-3-411-74726-9, 18 Euro

Link zum Buch Digitaler Faschismus:

https://digitaler-faschismus.de

03:00 21.12.2020
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