Ehrung für Rio und Ermutiung für das Publikum

Reiese!Reiser! Sebastian Jacobi, Sandra Gerling, Julia Hagen und der Pianist Christoph Iacono bieten einen besonderen Zugang zur Gedankenwelt von Rio Reiser.
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Am 9. Januar wäre Rio Reiser 65 Jahre alt geworden. 2016 jährt sich leider schon sein 20 Todestag. Seitdem haben viele Musiker_innen in seinem Geiste weiter Musik gemacht. Ob das immer gelungen ist, sollte das Publikum entscheiden. Einen ganz anderen Zugang zu der Gedankenwelt des Musikers wählen Sebastian Jacobi, Sandra Gerling, Julia Hagen und der Pianist Christoph Iacono. Das Schauspielduo hat mit seinen preisgekrönten 90 minütigen Theaterabend unter dem Titel „Reise! Reiser!“ nicht nur den toten Künstler ein besonderes Gedenken bereitet. Sie haben auch den Publikum eine multimediale Show mit Humor und intellektuellen Tiefgang beschert.

Der Ausgangspunkt des Theaterstückes ist der Künstlername den sich Ralf Christian Möbius gegeben hat. Schon am Anfang seiner Musikerkarriere benannte er sich nach Anton Reiser, der Hauptfigur eines Romans des Sturm-und Drang-Schriftstellers Karl Philipp Moritz. Die Kunst des Theaterstücks besteht nun darin, die Probleme eines jungen Künstlers aus der Sturm und Drang-Zeit mit dem künstlerischen Werk von Rio Reiser kurz zuschließen. Das ist ihnen sehr gut gelungen. Nachdem zu Beginn des Stücks das Künstler_innenquartett Auszüge aus dem Roman vor einen Vorhang liest, wird diese Verhüllung weggerissen und gibt den Blick auf ein Zimmer frei, das im Jugendstil eingerichtet ist. Dort spielt die Handlung auf verschiedenen Ebenen. Mal sitzt Jaobi in einer engen Holzbox und trommelt gegen die Wände, als wolle er so der engen Welt entfliehen.

Ein anderes Theater oder eine andere Gesellschaft?

Mal liest Gerling einige Abschnitte aus dem zivilisationskritischen Texten des „Unsichtbaren Komitees“, die vor einigen Jahren mit ihren „Kommenden Aufstand“ vor allem den Feuilletons auf großes Interesse stießen. Leitmotto auch dieses Textes war ein anderes Theater, ein anderes Feuilleton vielleicht noch eine andere Kultur sind möglich. Aber stand nicht Rio Reiser für die Devise, eine ganz andere Gesellschaft ist möglich, lange bevor sie zu der Attac-Parole „Eine andere Welt ist möglich“ herabgesunken ist? Tatsächlich ist von diesem revolutionären Rio Reiser in dem Stück wenig zu hören. Dafür dominieren die Lieder des späten Reiser, der ernüchtert über die Einflussmöglichkeiten von Musik für die Veränderung der Verhältnisse und frustriert von einem linken Publikum, das die Band als Beiwerk für ihre politischen Ziele instrumentalisieren wollte und ihnen nicht einmal eine Gage gönnte, zumindest pessimistischer wurde. Welche Qualität auch diese Lieder haben, wurde an dem Abend deutlich. Sie passen schließlich in eine Zeit, wo scheinbar ein emanzipatorischer Ausweg aus den Verhältnissen kaum erkennbar ist und sich gerade deshalb die verschiedenen Formen von Barbarei in der Gesellschaft Platz greifen. Der dschihadistische Anschlag von Paris ist dafür nur ein Beispiel. Er wurde an dem Abend nur einmal angesprochen, als die Künstler_innen am Ende des Stücks ein Stück mit der Aufschrift Je suis Charlie in die Höhe hielten. Aber auch wenn sonst kein weiterer aktueller Bezug genommen wurde, sind es doch die gelesenen Texte und gesungenen Lieder selber, die so verdammt aktuell wirken. Wenn da in den Texten das Ende der europäischen Zivilisation vorausgesagt wird, bekommt eine solche Dystrophie angesichts der Ereignisse eine beklemmende Aktualität. Wenn zudem die neue Disziplinargesellschaft in einen vorgestellten Text des Philosophen Byul Chun Han nicht mehr zu mehr Freiheit führt, sondern Freiheit und Zwang zusammenfallen lässt, und die Selbstausbeutung als effektiver als die Fremdausbeutung bezeichnet wird, dann sind wir mitten drin in der Realität nicht nur vieler Künstler_innen sondern immer mehr Lohnabhängigen in unseren Tagen.

Keine Utopie nirgends also an diesen Abend?

Das stimmt dann doch nicht. In den Liedern findet sich die noch Anklänge von dem Traum von einer Sache, dass Revolution genannt wurde und nicht irgendein Projekt war.

Wir sind die Zukunft, wir sind die Antwort.
Wir sind die Helden, wir sind die Stars.
Wir, die Millionen Unbekannten
und was wir wollen, wird morgen wahr.

Diese Strophe aus Reisers „Wovon träumst Du?“ könnte durchaus eine Hymne der neuen Arbeiter_innenbewegung werden, der Millionen Prekären in allen Ländern der Welt. Und wenn in der letzten Szene des Abends das Video einer Schulklasse gezeigt wird, die mit Inbrunst ihre Version von Reisers „Der Traum ist aus“ zum besten geben und mit ganzen Enthusiasmus versichern, sie wollen alles geben, das der Traum Wirklichkeit wird, dann sie wieder da, der Traum für eine Sache, der Rio Reiser so sehr geprägt hat. In Zeiten von Pegida ist es schon ein Stück Revolution, den Satz „Dieses Land ist es nicht“ wieder durch unsere Straßen schallen zu lassen. Der Abend war so eine gute Ehrung für Rio und eine Ermutigung für das Publikum. Heute ist die Vorführung noch mal im Berliner Theaterdiscounter zu sehen.

http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/reise-reiser

Peter Nowak

15:33 12.01.2015
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