Ein Lob des türkischen Gemüsehändlers

In Unserem Namen Gorki, Die Aufführung des Theterstücks endete im Berliner Maxim Gorki Theater am 24.4. im Disput. Das spricht für das Stück mit Texten von Elfriede Jelinek und Aichylos.
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Der kriegserfahrene arabische Mensch wird sich gegen die friedensverwöhnten German durchsetzen beim Kampf ums Überleben.- So spricht aus den AFD-Wähler_innen, den Teilnehmer_innen an den Pegida-Aufmärschen. Aber vielleicht aus manchen, der liberalen Theaterbesucher_innen. Zumindest blieb die Fundstelle unklar, als das Zitat im Gorki-Theater vorgetragen wurde. Der Schauspieler Thomas Wodianka trägt solche und ähnliche Impressionen aus dem Kaltland Deutschland im Berliner Gorki-Theater vor ungewöhnlicher Kulisse vor. Der Theatersaal ist leergeräumt, die Besucher_innen können sich überall im Saal platzieren, sowohl auf dem Boden als auch auf der Balustrade. Erst im Laufe der Aufführung wird deutlich, dass manche der Nachbar_innen zu den Künstler_innen gehören. Einige rezitieren Gedichte, andere rennen im Kreis, andere stehen nur ganz starr in einer Reihe. Ein junger Schauspieler springt athletisch die Theaterwände und erreicht fast die Decke. Es wird deutlich, dass hier vorgeführt wird, wie Migrant_innen in verschiedenen Ländern gegen die Festung Europas anrennen, in der spanischen Enklave Melilla führen diese Versuche zu vielen Schwerverletzten und Toten. Die Aufhebung der Trennung in Publikum und Künstler_innen ist ein programmatisches Statement des zweistündigen Theaterstücks „In Unserem Namen“, in dem der Texte aus Aischylos' "Die Schutzflehenden" und Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlene“ kombiniert wurden. Die österreichische Künstlerin schrieb das Stück, 2013 Geflüchtete in Wien eine Kirche besetzten und Mitglieder der rechten Bewegung der Identitären mit einer Gegenbesetzung reagierte.

Die Kirchenbesetzung war Teil eines transnationalen Widerstands von Migrant_innen, die nicht mehr in der Opferrolle verharren wollten und auch keine Schutzflehenden und Schutzsuchenden sondern politische Subjekte sein wollten. An die Öffentlichkeit treten ohne Klagen und Tränen in der Stimme, fasste ein selbstbewusster Mime dieses Anliegen zusammen.

Wäre doch der Fisch bloß nicht in Deutschland an Land gekrabbelt

Immer wieder wird die Dumpfheit derer aufgespießt, die in Fremden den Feind sehen. Wodianke gelingt dann vom Pegida-Deutschen der Übergang bis in die Urzeit und macht noch einmal einen Stop bei den Hugenotten, die im 17. Jahrhundert wegen religiöser Verfolgung nach Preußen flohen und dort wesentlich dafür sorgen, dass dort etwas Zivilisation Einzug hielt. Auch die Römer sorgten noch einige Jahrhunderte vorher dafür, dass in der germanischen Einöde Straßen und Brücken bekannt wurden. Der Fremdenfeind kann das alles nur bedauern und wenn Wodianke dann auf den Fisch verweist, der in grauer Vorzeit aus der Ursuppe an Land gekrabbelt ist und die menschliche Evolution in Gang setzte, was manche noch heute bedauern, so wird doch hier sehr gut deutlich, ohne Migration gäbe es keinen Fortschritt, ja keine menschliche Entwicklung.

An diesen Stellen lachten wohl fast alle Theaterbesucher_innen und waren sich erhaben über die Dumpfdeutschen mit ihren Ressentiments. Aber beim Nachspielen einer Bundestagsdebatte vom letzten Jahr waren die Reaktionen schon nicht mehr so eindeutig. Hier wurden schließlich keine dumpfen Parolen verbreitet. Es ging um den Paragraphen 62 b, der die Abschiebungen erleichtert. Die Festung Europas wird mit fein ziselierten Worten, mit Verweisen auf das EU-Recht und auf Paragraphen zugemacht. Einige Mikrophone werden aufgebaut und einige Anzugträger_innen geben ihre Statements ab. Ein Mann vom christlichen Flüchtlingsdienst darf auch seine Bedenken äußern, auch ein Richter hält den 62 b für völlig überflüssig. Doch diese warnenden Stimmen werden nicht gehört. Die EU-Jurist_innen und Politikverwalter_innen hingegen finden Gehör mit ihren Verweis auf die Kompatibilität des Gesetzes mit EU-Recht. Das sind die Begriffe mit denen heute Menschen in das Elend und den Tod geschickt werden. Dass in der Aufführung ganz minimalistisch Mikrophone aufgestellt wurde und die Gesichter und Füße der Redner_innen auf Video auf die Wände projiziert wurden, hat diese Aussagen noch verstärkt. War hier schon deutlich, dass einige Teilnehmer_innen den Argumenten derer, die ganz bürokratisch und wissenschaftlich die Festung Europa verteidigten, zumindest gelten lassen wollten, brach die scheinbare Einigkeit gegen Dumpfdeutschland dann zusammen, als die Schauspieler_innen das Publikum direkt ansprachen. Dass sie ihre Hausaufgabe nicht gemacht hätten, Türk_innen von Kurd_innen nicht unterscheiden könnten und zudem in allen Türk_innen nur Gemüsehändler_innen sehen, sagte ein Schauspieler. Das wollte sich ein j

junger Zuschauer nicht sagen lassen und unterbrach aufgebracht den Monolog des Mimen.

Ein Lob des türkischen und kurdischen Gemüseladens

Er halte nicht alle Türken für Gemüsehändler, weil er türkische Freunde habe, entgegnete er aufgebracht und merkte gar nicht, dass er hier ausgerechnet ein Argument benutzt, mit dem sich auch viele Menschen gegen Antisemitismus immunisieren wollen, wenn sie auf einige beste Freund_innen verweisen, die Jüdinnen und Juden sind .Zudem hätte man doch fragen können, warum es denn überhaupt sinnvoll sein soll, Kurd_innen und Türk_innen zu unterscheiden. Türkische Nationalist_innen zumindest verfolgen damit eine eindeutige menschenfeindliche Absicht. Menschen, die ethische und nationale Zuschreibungen ablehnen, können selbstbewusst entgegnen: Ich kann Türk_innen und Kurd_innen nicht unterscheiden und will es auch nicht. Und warum soll es ein Vorwurf sein, Türk_innen mit Gemüsehändler_innen zu verbinden? Wird damit nicht die Abwertung von Menschen betrieben, die keine akademische Tätigkeit verrichten? Und war es nicht ein türkischer Gemüseladen, an dem sich in Berlin Kreuzberg die Bizim Bakkal-Bewegung im letzten Sommer entzündete (https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/m99-goes-bizim-bakkal )? Was sagt es denn über die Klassenlage und die Klassenbetrachtung des Angesprochenen, wenn er es als schweren Vorwurf begreift, Türk_innen mit Gemüsehändler_innen gleichzusetzen? Würde er es auch als Vorwurf begreifen, wenn ihm gesagt würde, würde alle Türk_innen mit Lehrer_innen oder Ärzt_innen gleichsetzen? Da sollten doch noch mal die türkischen Gemüsehändler_innen eine besondere Anerkennung erfahren So ging der Theaterabend nach fast zwei Stunden in erregten Diskussionen und in heftigen Disput zu Ende. Das spricht eindeutig für das Stück und die Leisung der Schauspieler_innen. Das Publikum fühlte sich angesprochen und teilweise angegriffen und so hat das Stück die richtige Wirkung erzielt. Nur eins war bedauerlich, dss der verdiente Applaus für die Leistung der Schauspieler_innen am Ende ausfiel.

Peter Nowak

Link zum Theaterstück:

http://www.gorki.de/spielplan/in-unserem-namen/

15:44 25.03.2016
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